Trekking Tour Schweiz 1996

Unglaubliche Naturschönheiten, faszinierende Berge, fantastisches Programm.

Superlative, die es wirklich verdient haben, als allererstes genannt zu werden. Das war die Trekking-Tour 96, organisiert von der Paraplegiker-Stiftung Nottwil in der Schweiz vom 15.-21. September 1996.

Die erste Übernachtung im Luftschutzbunker, die es überall in der Schweiz gibt, weiß der Teufel warum, gemahnte uns ziemlich schnell daran, daß Hotel und Service nicht zu den Trekking-Tugenden dieser Tour gehörten. Also kaltes Wasser, Massenunterkunft und 05.00 Uhr wecken. Guten Morgen!!

Viertel vor 07.00 Uhr !! (geplant 07.00 Uhr) saßen alle im Bus zur Abfahrt nach Thun. Davor sei noch erwähnt, daß die Truppe aus 6 Paraplegikern, 1 Tetraplegiker und ca. 15 Begleitern und Helfern bestand.

Noch am Morgen sollten wir auf die folgenden Tage eingestimmt werden und gleichzeitig war dies als Test vorgesehen, wer wirklich fit war und wer wieviel Hilfe brauchen würde. D.h. wir wurden am Fuße der Thuner Bergwelt direkt am See abgesetzt. Tagesproviant, Berggurte und sonst nichts standen uns zur Verfügung, die vor uns liegenden 700 Höhenmeter hoch zu wandern. Der Berggurt wurde den Begleitpersonen angeschnallt und daran der Rollstuhlfahrer. Diese Truppe bildete jeweils ein Team. Jetzt gibt es gleich wieder Stimmen, die meinen, ”ja hochziehen lassen, das ist ja keine Kunst”. Einladung erfolgt gerne sofort für die nächste Tour. Mit schmerzenden Händen, den ersten Blasen und recht erschöpft haben wir die erste Etappe nach ca. 3-4 Kilometer Strecke erreicht. Anstatt einer Rast war der Lieferwagen mit den Handybikes aber bereits auf Wartestellung. Jetzt gings nämlich nochmal ca. 10 km bergauf, bergab und auch das funktionierte teilweise nur mit ”Abschleppseilen” an den mitfahrenden Radfahrern. Teamwork eben. Ziel sollte die Ortschaft Habkern sein. Leichtsinnigerweise hat sich keiner außer den Organisatoren natürlich die Strecke genauer angesehen. Denn wenn wir den letzten Teil auch nur annähernd gekannt hätten, wären wir an der Rast vor der letzten Etappe stehengeblieben. So aber ging es auf 2 km Strecke noch mal ca. 300 Höhenmeter bergauf und jetzt war ein Stehenbleiben kaum mehr möglich, da Hilfe außer von den Begleitern fast ausgeschlossen war. Daß das Wetter hervorragend und die Landschaft rechts und links der Serpentinen eigentlich jede Mühe wert gewesen ist, realisierte an diesem Tag sicher keiner. Nur möglichst den Rhythmus beim Kurbeln nicht verlieren, jeden Schwung nutzen und ja nicht stehenbleiben, denn dann muß der Radfahrer absteigen und ein Anfahren ist sehr schwierig. So krochen wir mit der Nase auf dem Kettenblatt schweißtriefend und innerlich zweifelnd, ob das so eine gute Idee war, mitzumachen, die Berge hinauf.

Glücklicherweise hatte ich ein BASIC III mit 21-Gang Getriebe und zusätzlichem Mountaindrive und vor allem die Handschaltung in den Griff montiert, so daß wenigstens technisch mein Handybike (übrigens am Alltagsrollstuhl mit Radstandsverlängerung OHNE Federung) optimal ausgerüstet war. Mit einer gefederten Radstandsverlängerung hätte ich vor allem bei der Bergabfahrt in den Serpentinen mit dem Absinken der talwärts einsinkenden Hinterräder erhebliche Stabilitätsprobleme bekommen.

Oben war eine Schar total erschöpfter aber glücklicher ”Trekker” letzlich mit sich und der zurückgelegten Strecke zufrieden und zum erstenmal nahmen wir das Geläut der Kühe war, die sich durch ihre Glocken unsichtbar im Wald bemerkbar machten. Wer jetzt glaubt, daß die Abfahrt nach Interlaken über 10 km ebenso steil bergab ein Kinderspiel war, sollte wissen, daß Reibung, vor allem beim Bremsen zu erheblicher Hitzeentwicklung führt. Nicht wenige mußten pausieren, weil die Räder heiß geworden waren.

In Interlaken bestiegen wir wieder den Bus der Klinik Nottwil (SPV) und wurden direkt am Fuße des Jungfraumassivs in Grindelwald zu einem Gasthof gefahren. Wir freuten uns schon auf einen heißen Tee, es war doch kühler geworden, und eine halbe Stunde ausruhen auf dem Bett. Denkste!! Zeltaufbau war angesagt. Wir campieren im Freien. Lagerfeuer inklusive. Klasse.

Nachttemperatur die Nacht davor – 1° C. – !!

Wißt Ihr eigentlich, wie gut ein Stück Brot geröstet über dem Feuer schmeckt. Wie hungrig man auf ein Steak sein kann, das noch gar nicht durchgebraten ist? Oder wie kuschelig warm ein Lagerfeuer in einer Septembernacht sein kann?

Oder wie kalt am nächsten Morgen (06.00 Uhr!) das Wasser zum Zähneputzen, der erste Schritt vor das Zelt?

Der zweite Tag sollte für einiges entschädigen und weniger anstrengend sein. Action pur stand auf dem Programm. Zuerst die Anfahrt nach Interlaken auf die Berge. Dort starten nämlich die Gleitschirmflieger bevorzugt von einer Almwiese gen Tal, und genau das hatten wir vor.

Nur wie soll der Start beim Tandemfliegen funktionieren? Ganz einfach. Der Schirm bläst sich schon beim geringsten Wind auf und man braucht nur zwei kräftige Jungs und im Huckepack wird man ein paar Schritte den Hang hinabgetragen. Schon ist man in der Luft. Sagenhaft, was man da alles sehen kann. Über die Baumwipfel, an die wir fast mit den Beinen stoßen konnten und dann 500 m nichts mehr. Nur Luft, Wind, Freiheit. Darunter Gemsen, Kühe, Ziegen und etwas südlich der Thuner und Brienzer See. Damit das Ganze noch ein bißchen spannend wurde, gingen wir auf die Suche nach Luftblasen. Das sind thermische Aufwinde, die sich besonders über dem Wald oder an Hängen und Bergen bilden. Warme Luft steigt bekanntlich hoch und erzeugt so Auftrieb für die Gleitschirme. Am Piepsen des Höhenmessers kann man hören, ob man gerade im Aufwind ist oder an Höhe verliert. So ein Flug dauert normalerweise 10-15 Minuten, wir waren immerhin über 20 Minuten in der Luft. Natürlich alle, also auch die Begleiter, Organisatoren und auch Roger, unser Tetraplegiker, der vor nichts haltmachte oder kapitulierte.

Das Landen ist dann noch einmal spannend. Solange man in der Luft ist, kann ja nicht viel passieren. Dazu wurden uns einfach die Beine festgebunden und beim Landen mußten wir die Beine einfach anziehen. Das geht so sanft, daß wir gar nicht mit dem Boden in Berührung kamen. Einfach easy!

Jule und Susanne sind natürlich nicht so einfach heruntergekommen. Ihre Guides wollten ihnen etwas Besonderes bieten und sind in Formation geflogen. Also übereinander und nebeneinander und im Figurenflug. Dann ein sogenannter ”Swiss Kiss”, also das Berühren der Gleitschirme, was nicht so ganz ohne ist. Aber aufregend war es.

Nicht ganz so spannend, eher etwas entspannend die Kajak-Tour auf dem Thuner See. Paddeln mit den Enten im Wettlauf war angesagt, der Hosenboden war naß, dafür blendendes Wetter. Erholung vom Vortag. Oder Vorbereitung auf den Nachmittag? Bungy!! Der Sprung am Gummiseil aus über 100m Höhe stand auf dem Programm und dazu fuhren wir auf die Schildhornbahn. Denn für die 100m haben die Schweizer Speziallösungen entwickelt. Bungy aus der Gondel.

Jetzt fragt man sich natürlich erst mal, geht das eigentlich?! Rollstuhlfahrer haben doch normalerweise spröde Knochen, lockere Gelenke. Nun, dann nimmt man statt der Fußhalterung einen Rückengurt oder einen Gurt, wie er beim Gleitschirmfliegen verwendet wird. Das ist ein sitzähnliches Gestell, aus dem man nicht herausrutschen kann, und das Oberkörper und Beine abstützt.

Oder einen Rückengurt, wie ihn auch die nicht ganz so Mutigen benutzen. Da ist das Seil am Rücken befestigt, der Gurt dazu ist wie beim Bergsteigen um die Beine, Hüfte und Schultern festgezogen. Selbstverständlich war der Sprung freiwillig und einige sind dann auch gar nicht gesprungen. Für die war das genauso schwierig wie für die anderen, die da oben standen oder saßen und eigentlich wieder runter wollten – ohne Sprung natürlich. Da ich nicht der erste war (ca. 10 Leute haben Platz in so einer Gondel), konnte ich, wenn schon nicht mich selbst, dann doch an den anderen beobachten, wie jeder sehr individuell mit der Situation umging. Die Rollstuhlfahrer wurden an den Gurten gepackt und mit Schwung aus der Gondel geschmissen. Das ist vielleicht noch das Beste, das ersetzt den eigenen Antrieb. Andere haben Anlauf genommen und sind aus der Gondel gerannt. Vorher nach unten geguckt hat keiner. Ich habe es ähnlich gemacht. Da ich ja schlecht rennen kann, habe ich ein Seil am Rollstuhl festmachen lassen und bin mit Anlauf auf die Kante zugefahren. Kopf nach vorne, Arme auseinander und ……. die Erde rast auf Dich zu, der Wind zerrt an Dir, Du hörst ein Sausen in den Ohren oder ein ohrenbetäubendes Geräusch – vermutlich Dich selbst, wenn Du Dir die Seele oder die Angst aus dem Leib schreist. Und wieder andere fielen lautlos herab. Ganz still. Und erst wenn das Seil ganz sanft den Fall stoppt, keine Spur von Zerren oder Reißen, und Du merkst, daß niemand vergessen hat, den Karabinerhaken einzuhängen, der Gurt gerissen ist oder sonst irgend ein Mißgeschick passiert ist, dann entspannt sich Dein Gesicht, ein seeliges Lächeln und glückseeliges Gefühl umgibt Dich, als wenn Du eigentlich nicht damit gerechnet hättest und jetzt doch alles wieder ok ist. Jetzt fällst Du plötzlich wieder nach oben auf die Gondel zu, die Schwerkraft ist aufgehoben. Tolles Gefühl. Plötzlich geht alles von vorne los und aus 50m fällst Du wieder in die Tiefe. Aber der Karabiner ist ja dran. Welch ein tolles Erlebnis.

War die Nacht zuvor lausig kalt, was viele von uns nicht richtig schlafen ließ, war der Grund diese Nacht für die meisten ein anderer. Wieviel tausend mal mochten viele ihren Sprung noch mal erträumt haben, wieder und wieder aus der Gondel gesprungen sein oder sich Gedanken über die eine oder andere Variante gemacht haben. Einige haben eine eher unglückliche Figur abgegeben. Jetzt konnte man es ja besser machen. Bis um 5.30 Uhr jedenfalls. Dann hieß es raus aus dem Schlafsack. Es ist Mittwoch und das Zelt muß abgebaut werden. 7.30 Uhr ist Abfahrt. Verzögerungen gab es nicht. Oder besser, wurden erst gar nicht zugelassen. Jean-Richard baute auch schon mal den Frühstückstisch unter dem gerade benutzten Teller ab. Also – nicht geschlafen, saukalt, viel zu früh, es ist ja noch dunkel und dann noch den härtesten Tag der ganzen Tour vor uns. Wir wollten doch nur Urlaub machen.

Die Fahrt ging durch Grindelwald an die andere Seite des Tals. Nur kurz die Fahrt, da warteten auch schon die Mountainbike-Freunde Grindelwald, um uns bei der ersten Etappe zur Großen Scheidegg zu helfen, denn die Strecke zur Bergstation Scheidegg ging auf 650 Höhenmeter ca. 7 km das grandiose Bergmassiv um die 4 – Tausender Eiger, Mönch und Jungfrau hinauf. Eine Wohltat für die eigenen Begleiter, aber nicht weniger anstrengend für uns Rollstuhlfahrer kam die Hilfe sehr willkommen, denn nicht Jede oder Jeder hatte eine Pferdelunge und konnte außer sich selbst auch noch einen ”Anhänger” mitschleppen. Dazu wurde nämlich an die Fahrradsattel ein Seil mit dem Handybike verbunden. Die Rollstuhlfahrer versuchten sich sehr unterschiedlich den Berg hinauf. Franco z.B. ist im Winter Skilangläufer und trainiert im Sommer Marathon, dazu stößt er sich aber mit Langlaufstöcken am Boden ab. Sehr effektiv – ungewöhnlich eben. Oder Peter, der sich lieber auf seine Greifringe verläßt als mit dem Handybike die Berge hinaufzuschleichen. Ist schon komisch, wenn man am Ende des Sommers an einer kürzlich niedergegangenen Lawine vorbeifährt, darüber drückt der Gletscher immer wieder Schnee- und Eismassen herab. Dann plötzlich standen wir in einer Herde Kühe, die uns neugierig bestaunten und oft gar nicht daran dachten, aus dem Weg zu gehen. Dauernd fuhren Postbusse oder LKW den Berg rauf oder runter und zwangen zum Anhalten. Trotz allem hatten wir 1 ½ Stunden später das Bergrestaurant erreicht, einige allerdings im ”Besenwagen”.

Jetzt in die Sonne legen, relaxen und dann gemächlich wieder runterfahren, alle wären damit einverstanden gewesen. Nix da, Geschirr angezogen, Wanderstiefel raus und Handys auf den mitgefahrenen Bus. Den sahen wir so schnell nicht wieder. Wir waren auf dem Weg auf die First, die höchste Seilbahnstation auf über 2000m. Vorteil, es war nicht so steil und jetzt endlich konnten wir auch die Berge genießen. Eine herrliche Aussicht. Wann kommt man schon als Rollstuhlfahrer dazu, eine solche Natur zu erleben. (Ich mußte mich an meine Schulzeit erinnern. Da waren wir im Landschulheim im Allgäu, das waren Zeiten).

Mittagspause auf der First aus dem Rucksack. Finger und Hände tapen. Jetzt kommt`s ganz Dicke. Alles war bisher nur Spiel. Der Ernst steht uns bevor. 600 Höhenmeter sind zu schaffen. Nicht mit dem Handybike, keine Mountainbiker sondern der Bergführerverein Grindelwald stellte sich uns zur Verfügung, das Faulhorn (2.638 m) zu besteigen. Dort steht übrigens das ehemals höchste Restaurant Europas (1830 erbaut), heute Herberge für Bergwanderer. ”Waschen könnt ihr euch da oben schon, aber es hat wenig Wasser”, war ein Satz, über den ich vorerst nicht so viel nachdachte. Wir wollten ja auch nur dort oben übernachten. Verschwitzt waren wir auch. Was soll´s. Der Treck setzte sich in Bewegung. Eine etwa 30 Mann (und Frau) starke Expedition mit Schlittenträgern, Bergführern, Helfern und natürlich uns stapfte, rutschte, rollte und fluchte sich die Felsplatten hoch.

An einem Bergsee vorbei und den Berghang hoch waren wir auch schon an der Schneegrenze. Die Sonne schien. Sie schien und taute aber auch und so kam zum Geröll der Matsch. Aus Matsch wurde leider auch Dreck. Sehr schlammig wurde es oft auch leicht riskant, da kein sicherer Tritt bestand. Die Hände waren natürlich am ”erdverbundensten”. Wir kamen uns manchmal vor, als wenn wir auf Händen im Matsch waten würden. Nach etwa 300 Höhenmetern kamen wir an einer Hütte vorbei, bei der es hieß: Fahrzeugwechsel. Unser jetziges Gefährt war ein Schlittenähnliches Gerät, das aber statt Kufen ein 20” Rad hatte und unter dem Sitz ein 7” starr eingebautes kleines Rad besaß. Die Rückenrohre waren verlängert und hatten die Form und Funktion einer Schubkarre. Antrieb erfolgte durch 2 ”Sherpa`s” durch Seile von vorne, den Schieber von hinten und der Rollstuhlfahrer erhielt ein paar Skistöcke. Damit konnte man sich abstoßen wie beim Skilanglauf. Wozu diese Geräte gut waren, sahen wir bald. Von Trampelpfaden oder Bergwegen konnte keine Rede mehr sein. Über Felsbrocken, Geröll und Bergbäche, Schneefelder und an Schluchten vorbei ging es berauf. Ich bin sicher, die entgegenkommenden Bergwanderer werden diese Truppe ewig in Erinnerung behalten. Ungewöhnlicher sind noch nicht viele die Berge hinauf gekraxelt. Und wer glaubt, für die Rollis wärs ein Kinderspiel gewesen und die haben sich auch noch den Berg hinauftragen lassen, sei eingeladen, es doch einmal zu versuchen. Ich habe in meiner Sportlerkarriere noch nie so viel nach Luft gejapst. Zu allem Unglück hat sich mein Skistock durch das dauernde Abdrücken am Boden verbogen.

Die Bergführer waren bewunderswert. So hatten sie sich die freien Tage, die sie extra für uns genommen haben, sicher auch nicht vorgestellt. Sehr anstrengend, einige mit dem Rollstuhl auf dem Buckel zogen, drückten oder hoben sie die ”Karetten”, wie die Schweizer die umgebauten Schlitten nannten, unermüdlich den Berg hinauf. Ausgeruhter als die Helfer und Rollstuhlfahrer waren sie schon. Dafür haben sie sich auch mächtig in die Riemen gelegt. Nur zur Erinnerung. Wir waren seit 05.30 Uhr unterwegs, hatten eine anstrengende Radtour und ca. 5 km Bergwandern hinter uns. Und jetzt war es schon kurz vor dem Dunkelwerden. Nebel zog auf. Fast gleichmütig schon und möglichst im Rhythmus, wo es nur ging hofften wir auf das baldige Erreichen des Ziels. Da erhob sich ein weiterer Anstieg und ein Ende war nicht in Sicht. Wir mußten ja auf jedenfall auf den Gipfel. Die Motivation sank auf den Nullpunkt. Kein Schritt mehr weiter. Lieber Zelt aufbauen als noch höher steigen. Da ruft einer: ”Da ist es!!” Gemeint war die Herberge, das Ziel, die Erlösung. Jetzt nochmal 50 m rauf. Alle Kräfte mobilisiert und die Schmerzen, Blasen und Áufschürfungen ignoriert schafften es alle, völlig erschöpft und müde aber glücklich und ein wenig stolz das Haus zu erreichen, in dem ein Ofen stand, Glühwein und Tee gereicht wurde und jeder seine Wunden lecken konnte. An das kalte Wasser dachte noch keiner. Waschen wär ja angesagt. Verschwitzt und wirklich verdreckt wie wir waren, wollten natürlich alle duschen.

Also erst einmal hatte das Wasser Schmelztemperatur. Denn Wasser gabs nur, was zuvor geschmolzen war. Heizen ist nicht. Aber wen stört denn schon das bißchen Schmutz. Geruch? Ach was. Wenn alle beisammen sind, riecht man gar nichts und außerdem soll sich auch keiner so anstellen. Schließlich ist das hier eine Berghütte und kein Hotel. Das Fondue war fantastisch. Das Bier erst recht und mehr als Schlafen wollte eh keiner. Wer will denn duschen!

Uhr wecken. Frühstück und Abstieg. Kurz zuvor zähneputzen. Den Schluck Wasser nahm man entweder aus der Flasche oder wärmte ihn vorher im Mund auf, bevor man spülte. Überlebenstraining nennt man das. Bergab gings flotter. Wen wundert´s.

Der Bergführerverein legte noch eins drauf und veranstaltete mitten auf der Alm an einem Grill eine deftige Brotzeit. So macht vor allem abwärts wandern Spaß. Der Rest ist zumindest bergab schnell erzählt. Ca. 10 km gings über 800 Höhenmeter an Serpentinen wieder runter. (Der Krankenkasse verschweige ich lieber den Zustand meiner Bereifung.) Grindelwald war wieder das Ziel und in der Herberge ”Mountain Hostel”, das ich bei der Gelegenheit wärmstens empfehlen möchte, war die Dusche innerhalb kürzester Zeit überlastet.

Der Abend war dann ein offizieller. Gehört eben auch dazu, den Interessierten und Gönnern ein Abendessen zu kredenzen, bei dem Dr. Zech, Leitender Arzt in Nottwil und Gründer der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, sich die Ehre gab. Die Stiftung hat diese Tour übrigens mit unterstützt und wollte damit den Beweis antreten, daß es in der Rehabilitation keine Grenzen gibt und auch keine geben darf. Nicht als Luxusreise einiger Verrückter war die Tour gedacht sondern als Ausdruck des besonderen Verständnisses Behinderter, sich nicht vorschreiben zu lassen, was noch geht oder nicht mehr geht.

Die gebotene Unterstützung ist auch kein Widerspruch sondern erlebte und praktizierte Integration. Den Helfern hat´s genauso Spaß gemacht und alle Aktionen wie Bungee-Jumping und Gleitschirmfliegen usw. wurde ja allen angeboten. Jeder wäre sofort bereit, dasselbe wieder zu tun. Bei soviel Engagement und Selbstverständlichkeit blickt man neidisch nach Deutschland. Hier soll doch alles so vorbildlich sein. Diese Tour hätte 70 km weiter nördlich nie stattfinden können. Alleine versicherungstechnisch wäre man auf unüberwindliche Hürden gestoßen. Dr. Zech jedenfalls schien zufrieden zu sein mit seinen ”Mannen” und das kann er auch. Herzlichen Glückwunsch. Vielleicht können wir in Deutschland ja etwas Nachhilfeunterricht erhalten.

Ein Satz aber nehme ich ihm doch übel. Seine Schwiegermutter mit 81 Jahren hätte unsere morgige Tour locker überstanden. Also keine Bange vor dem ”Spider Highway”.

Der ”Spider Highway” ist eine Wand, ca. 100 m hoch, senkrecht natürlich. Mitten in einer Schlucht in Grund bei Grindelwald. Leichter Nieselregen, der erste übrigens in dieser Woche. Abseilen ist angesagt und der Bergführerverein war wieder dabei. Da steht man also an der Kante zum Nichts und soll sich da runter abseilen lassen. Bungee-Jumping erfordert nur Mut für Sekunden. Das hier ist Absturz auf Raten. Geschirr wie gehabt, Karabinerhaken einklicken und dann langsam an die Kante rutschen. Dort wird man von 3 Jungs aufgenommen und über deren Köpfe von der Wand weg erst mal 3 m nach unter abgelassen. Die verkrampften Hände an den Schulterklappen der Bergleute lassen ein reibungsloses Ablassen zunächst nicht zu. Statt mit dem Rücken zur Schlucht hängt man zuerst völlig im Freien. 100 m weiter unten tost der Gebirgsbach. Dann leichte Drehung zum Berg. Die Finger krallen sich ins Massiv. Bloß festhalten. Wie hat das bloß die Oma gemacht. Reingelegt, denk ich mir dauernd. Ich bin bestimmt kein Angsthase. Aber daran muß man sich erst mal gewöhnen.

Beim Abseilen soll man sich vom Berg wegdrücken. Was für ein Blödsinn. Am liebsten würde man dran kleben bleiben. Die Kunst der Gelassenheit ist das völlige Vertrauen an die Leute dort oben. Was ist, wenn einer ausrutscht, das Seil wie im Film an einem Felsen hängenbleibt und reißt? Natürlich alles Unsinn. Aber in der Wand ist das real. Später schau ich den anderen zu. Da ist ein Überhang und wenn man da drüber ist, hängt man völlig im Freien. Jetzt fängt so ziemlich jeder das Zappeln an, um irgendwie wieder an die Wand zu kommen. Das ist natürlich nicht möglich. Aber spaßig.

Treffpunkt Kleine Scheidegg. Dort hin fährt die Bergbahn u.a. auch an Wengen vorbei, wo Jule und ich bereits im März zum Skilaufen waren. Das gleiche Bergpanorama und doch sieht die Landschaft ohne Schnee ganz anders aus. Man sucht die Skipisten, den verfluchten Hang bergauf zum Sessellift. Jedesmal die Ackerei…

Bergwandern von seiner schönsten Form. Bis zum Männlichen sind es ca. 8 km. Nicht sehr steil. Dafür herrlicher Blick. So macht das Spaß. Jean-Richard hatte sich für die Übernachtung etwas besonderes einfallen lassen. Ein Kuhstall. Doch welch eine Enttäuschung, die Kühe waren weg. Sauber und blankgeputzt der Schober und es hat fast gar nicht gestunken. Jean-Richard war leicht sauer. Die ganze Organisation klappte hervorragend. Und jetzt das. Was solls. Ein großes Feuer (normal zum Käsekochen) wurde entfacht und Spaghetti und Sauce zubereitet. Die Witze später am abend können nicht wiedergegeben werden. Der Autor schlief schon.

Noch mal aufregend wurde die letzte Abfahrt dieser Tour. Nicht mit dem Rollstuhl und nicht mit dem Handybike. Nein, der Geländerollstuhl war noch unerprobt und das Gelände geradezu ideal. Nicht die langweiligen Straßen und Serpentinen sondern querfeldein sollte es runtergehen. Franco und ich, beide völlig ungeübt ließen also auch keine Senke und keinen Bach aus, aus dem wir wieder befreit werden mußten. Und der elektrische Weidezaun, wohl nicht unter Spannung stoppte denn auch die eine oder andere Fahrt. Für den Kitzel brauchte es auch keine rauschende Abfahrt. Der Kippunkt war auch so immer knapp erreicht, bis es halt doch noch schiefging. Ein Steinbrocken, ein leichter Graben und eine Rolle vorwärts. Der Kerl lag. Nicht der Rollstuhl. Leichter Anlauf und am nächsten Stein Salto vorwärts, halbe Schraube noch mal Anlauf, Sprung auf 2,5 m Höhe mit ganzer Schraube und so weiter bis fast den ganzen Berg hinab. Oh Wunder, der Rollstuhl scheint so was zu mögen. Man vermißte auch die kleinste Schramme. Das ist Qualität!

Allerletzte Aktion: Flying Fox Früher haben die Bergbauern Holz an Drahtseilen über die Schlucht bei Wilderswil verfrachtet. Dazu wurde die Schwerkraft benutzt und eine sogenannte Laufkatze. Mit diesem Ding wurden wir dann über eine Schlucht befördert. Es sah wohl etwas spektakulär aus. Aber wer gerade vom Bungee-Jumping und Spider-Highway kam, den läßt das eher kalt. Vielleicht hat Dr. Zech da auch was verwechselt.

Und das war die Tour durch die Schweizer Abenteuer-Alpenwelt. Ganze 600 DM hat der Spaß gekostet. Das dürfte aber in der Zukunft nicht zu halten sein. Die Logistik und die Helfer sind leicht doppelt so teuer. Besonders erstaunt hat mich im nachhinein, wie wenig Probleme die Teilnehmer mit der Toilette hatten. Mit vergleichbaren Aktionen habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht.

Als nächstes ist eine Wintertour mit Hundeschlitten, Iglu-Bau und Langlauftour geplant. Interesse? Meldet Euch!

Bericht von Michael Heil

Über den Autor

David Stähle

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