Trekking-Tour 2000

Tagebuch Trekking Tour 2000

17.09.2000 Zeltaufbau

Das Camp wird aufgebaut

Matsch und aufgeweichte Erde, klamme Handtücher, Wäsche. Es ist Sonntag, wir sind gerade dabei, unsere Zelte für unsere Trekking-Tour 2000 am Fuße des Neuschwansteiner Schloßes aufzubauen. Der Himmel meint es nicht gut mit uns und so entdecken wir, daß Dreck und Trekking nicht nur phonetisch miteinander verwandt sein können.

6 Rollstuhlfahrer und 16 Fußgänger sind Teilnehmer der ersten deutschen Rolli-Trekking-Tour der KSG Rhein-Neckar. Sie haben ein Programm vor sich, das es in sich hat. In der Vorankündigung wurde darüber berichtet.

Doch heute ist erst mal Zeltaufbau und Vorbereitung für die kommende Woche auf dem Plan und so organisieren wir schon mal Holzplanken als Bodengrundlage, denn mittlerweile steht das Wasser schon auf dem Platz. Trotz allem ist die Stimmung gut. Die Jungs organisierten für den Abend trockenes Feuerholz und nachdem der Regen aufgehörte, ist nach einem ausgiebigen Abendessen erst mal Lagerfeuer angesagt. Die Stimmung ist gut, trotz schlechtem Wetter rund um den Tegelberg im Allgäu. Es kann ja auch nur noch besser werden und – die Prognosen stehen nicht schlecht.

18.09.2000 Rund um den Forggensee

Der Berg ruft !

Fön! Das ist ein Warmluftgebläse. Aber ein gigantisches. Das entsteht nämlich, wenn sich die Warmluft aus Italien unter die Kaltluft über dem Tegelberg schiebt und siehe da, es ist das schönste Wetter, das man sich für die Tour rund um den Forggensee vorstellen kann. Dazu zwei supernette Polizisten aus Füssen, die es sich nicht nehmen lassen, uns auf dem Fahrrad zu begleiten. Einige Passagen sollen sehr tückisch sein, und so mancher Trecker!! hat so seinen Namensvetter schon auf die Gabel genommen. Und das ist nun wirklich nicht so lustig.

Gefahren wird mit Mountainbike, Handybike und Inline-Skates. Die Strecke hat Jule herausgesucht und soll angeblich so zum Einrollen ganz flach sein. Ein Abstecher nach Buching auf den Almabtrieb und angeschlossenem Kuhhandel ist als Zugabe gedacht.

Also Jule, Du wolltest uns testen, ob wir auch wirklich fit sind. Wer hier nicht auf der Strecke bleibt, hat am Donnerstag auch keine Probleme, auf des Königs Jägersitz zu kommen?

Nach 43 km hat die “Schinderei” ein Ende, die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt gerade mal 14,8 km/h. Aber nur, weil wir so viele Pausen machen. Aber schön ist es. Traumhafte Kulisse, erhebendes Panorama – es hat sich gelohnt. Zur Abrundung gibt’s eine Runde Rodeln auf der Sommerrodelbahn am Fuße des Tegelbergs. Für Ungeübte (also für uns alle) eine absolute Gaudi, nichts für Schattenparker. Alle Rollis haben übrigens (fast!) keine Probleme mit dem Schlitten in der Blechbahn, Geschwindigkeit kann jeder selbst kontrollieren.

19.09.2000 Rafting!

Das Wasser ist saukalt. Nur 8° C ! Heut ist Rafting auf dem Programm. Alle haben Neopren-Anzüge, Rettungswesten, Helm und ein Paddel.

Damit kann`s los gehen. Die Rollis werden auf die Kajaks verteilt. In jedes Boot einen. Auf die Plätze – fertig – Platsch. Schon sitzt die erste kalte Dusche im Gesicht, ob von der Gischt oder einem Paddel eines “feindlichen Bootes”. Die haben ja schon zu Anfang gesagt, daß man ziemlich naß werden würde. Da fließt die Lech bei Elbigenalb so ziemlich langweilig vor sich hin, bis es nach der ersten Biegung zur Sache geht.

Die Flußverengung führt zu einer Stromschnelle und die Steinbrocken, die mitten im Flußbett liegen, machen so kleine Strudel, tiefe Wellen und … Probleme beim Paddeln. Das erste Boot liegt noch keine 200m nach dem Start kieloben, die Mannschaft dazu natürlich im Wasser. Ja und dann sind da die 8° C…

Das Ganze ist übrigens hervorragend organisiert von Michael Pruss aus Sondhofen. Spirits of nature heißt seine Company und macht noch mehr so Sachen. Wer Infos haben will, meldet sich. Die Tour dauert 4 Stunden, vor allem aber, weil mittlerweile fast alle dazu übergegangen sind, die feindlichen Boote zu entern und die Mannschaft von Bord gehen zu lassen. Inzwischen sind wir alle schon getauft und Stromschnellen werden im 2-Kampf gemeistert.

Abends ist Sauna angesagt, Abhängen bei Sonnenuntergang oder eine Spritztour mit Tobi auf dem Quad. Wie man von so einem Ding abgeworfen werden kann wie bei einem störrischen Gaul, erzählen wir ein andermal. Wir sind eben noch auf der Suche nach dem verloren gegangen Rollstuhl auf der Weide.

Wort des Tages für Rafting: Windschattenpaddler

20.09.00 Drachenfliegen

Es pfeift um die Ohren. Die Adlerperspektive ist gigantisch. Ich hänge zusammen mit meinem Fluglehrer neben mir unter einem riesigen Flügel in 250 m Höhe. Der aufregenste Moment – das Anziehen mit dem Seil von der Startbahn. Ich darf natürlich als erster, und das hat zwei entscheidende Nachteile: erstens, es hat morgens kaum Thermik, also wird es wohl nur ein kurzer Flug. Zweitens traut sich kein anderer, „will erst mal zuschauen“. Ah ja. Also einklinken, Startzeichen geben, Seilwinde spannen und los geht’s …. Nach 20 m fliegt mir das Seil um die Ohren. Der Haken vom Verbindungsteil zum Fallschirm für das Seil ist gerissen. Na klasse. Zweiter Versuch – anrollen – 200 m Anlauf und dann geht es steil nach oben. Die Leute werden immer kleiner und die Erde verliert ihre Anziehungskraft. Wir schweben Schwerelos und ohne Anstrengung über den Wiesen und Bäumen von Füssen. Möglich machts Hardi Härtl, der zusammen mit seiner Mannschaft für uns am sonnigsten Tag der Tour so lange fliegt, wie es geht. No limits. Dank Coca Cola, die die Getränke bei der Tour gesponsort haben, ist genung zu trinken auf dem Platz. Daß das Fernsehen da ist und die Zeitungsredakteure Schlange stehen, zeigt uns, daß man so was viel öfter machen sollte. Durch den Start in liegender Position und mit Rollen am Trapez und am Flügelende ist Starten und Landen ein Kinderspiel. Probierts mal!

Wort des Tages: Zeltheizer

21.09.00 Trekking Tour 1. Teil

Es regnet seit gestern abend nur einmal. Der Zeltplatz steht unter Wasser, unser Materialzelt ist zusammengebrochen. Dreck und Matsch, wohin man fährt. Kalt und feucht ist alles, was mal ein Handtuch oder ein T-Shirt sein sollte. Alles schmutzige Waschlappen. Die Tour soll über 2 Tage gehen und mit dem Handybike am Schloß Neuschwanstein vorbei auf die bewirtschaftete Hütte an der Bleckenau führen. Problem – auch mit Radstandverlängerung haben die Rollis kaum Traktion, brauchen an den steilen Passagen Hilfe von unseren Guides. Noch größeres Problem – einige wollen nicht bei dem Sauwetter mit dem Fahrrad fahren, sondern zu Fuß gehen. Wir entscheiden uns trotzdem für die Räder. Beim ersten Stück sind wir Heidelberg näher als dem Ziel Bleckenau. Überall stehen und gehen Japaner und Amerikaner von und zum Schloß. Wenn wir uns beeilen, treffen wir sie ja noch mal in Heidelberg.

Zunächst geht’s aber erst mal steil bergauf und die Finger werden trotz der Anstrengung klamm. Die Regenklamotten helfen nicht viel. Überall kommt Wasser durch und über kurz oder lang sind wir überall naß. Als wir endlich oben sind, regnet es zwar immer noch, aber der Hüttenwirt hat uns bereits heißen Tee gekocht. Skihüttenromatik pur. Es ist gemütlich warm und wir können unsere klammen Kleider wie im Winter beim Skifahren am Kamin trocknen.

Wort des Tages: Trockenraumsitzer

22.09.00 Trekking Tour 2. Teil

Mit zwei Skistöcken bewaffnet und in einem seifenkistenähnlichen Gerät sitzend quälen wir uns den Hang hinauf. Heute ist der Tag der Wahrheit. Es geht den Gipfel zum Tegelberg in knapp 1800 m Höhe hinauf und das auf schmalen und steilen Passagen. Mit dem Rollstuhl geht schon lange nichts mehr. Die haben wir am Basislager abgestellt. Davor haben wir die Handys noch 6 km den Berg hinauf gekurbelt, viel steiler und anstrengender als am Tag davor. Dafür regnet es heute nicht. Die Karetten, so heißen die eigentümlichen Gefährte, wurden in der Schweiz konzipiert und von BerollKa, einem Rollstuhlhersteller aus Sinsheim, kostenlos für uns weiterentwickelt. Danke, Manfred!!! Aber leider ist der Aufstieg deshalb nicht weniger anstrengend. Vorne ein oder zwei Helfer, die ein Seil in der Hand haben und über Felsbrocken und Baumwurzeln ziehen. Hinten einer, der an Griffen die Richtung korrigiert und schiebt. Mir bleibt die Aufgabe, mit den Skistöcken für den Vortrieb zu sorgen. An Stegen und Felsblöcken das Gewicht auf die Stöcke zu verlagern und das Herumheben zu erleichtern. Und auf dem ganzen Weg eine Reporterin vom Bayrischen Rundfunk, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen über unser Befinden gefragt hat. So manchen sarkastischen Spruch muß sie sich dabei gefallen lassen. Ja und dann die Belohnung. Der Grund der Strapazen und all der Mühen, naßen Klamotten und Schwielen an den Händen — ein Panorama, das man schon gar nicht mehr kennt, was man sich abgeschminkt hat und im Rollstuhl nie wieder aus zumindest teilweise eigener Kraft erreichen könnte – die Bergwelt mit Tälern und Schluchten, Schneefeldern und tiefen Abgründen. Man kann bis zur Zugspitze schauen, das Lechtal und die Berge drumherum, einfach genial. Karli heult wie ein Schloßhund, als er oben ist. Er wollte es unbedingt schaffen. Er ist ein König!!

23.09.00 Slegdehockey

Mein Gott, die Mädels tun mir leid. Der Bürgermeister hat auf der kleinen offiziellen Rede vor dem Spiel gemeint, sie sollten es nicht so grausam machen. Jetzt glaub ich, hab ich verstanden, was er gemeint hat. Slegdehockey ist dem Eishockey gleich, nur sitzt man dabei auf einem zweikufigen Sitz, die Beine lang und die Stöcke sind gleichzeitig zum Anschieben und Schlagen des Pucks einzusetzen. Die Mädels, das sind die Damen-Eishokey-Nationalmannschaft, der Fußgängerinnen wohlgemerkt und die Jungs gegenüber die Auswahlmannschaft des deutschen Slegdehockeyverbandes im DRS. Uwe Kampelmann mit seinen Mannen aus Hannover und Dresden haben uns an diesem Abend, gesponsort von Medical Service, besucht und die Damen, na ja, sie geben ihr bestes. Es ist Gaudi pur. Denen macht nach einem langen Trainingstag die etwas ungewohnte Perspektive in ihrem Sport so viel Spaß, daß sie gar nicht mehr aufhören wollen. Unsere Jungs von der Trekking-Tour übernehmen die 2. Halbzeit und sehen gar nicht schlecht aus. Na ja Chancen auf den Sieg haben wir natürlich nicht. Aber darum gings auch gar nicht. Die Treffer hat sowieso niemand gezählt. Dafür wars eine Mords-Gaudi. Stadionsprecher war unser Begleiter Klaus Matzkat, der Herr mit dem grün-weißen Wagen, der uns morgens um 7 Uhr mit Martinshorn aus den Zelten gejagt hat. Superservice!

Nachtrag

Die Tour war eine Veranstaltung der KSG Rhein-Neckar und Rehability Weinheim mit dem Ziel, allen denen die glauben, im Rollstuhl “gefesselt” zu sein, die Augen zu öffnen, wie klein ihre eigenen Ängste und Vorbehalte in Wirklichkeit sind und was man noch zu leisten vermag (ca. 1.400,- DM pro Teilnehmer – Helfer natürlich weniger).

Freilich ist die Organisation aufwendig und die Kosten nicht unerheblich. Aber Dank der zahlreichen Sponsoren eben machbar. Auch einen ganz besonderen Dank unseren Helfern, die meisten haben übrigens ganz spontan gefragt, ob sie beim nächsten mal wieder mit dabei sein dürfen!!!

Soll keiner auf die Idee kommen, daß hier jemand missbraucht wurde und nicht auf seine Kosten gekommen wäre. Alle Veranstaltungspunkte waren grundsätzlich für alle Teilnehmer ausgelegt. Also auch Drachenfliegen, Rafting und Slegdehockey. Unser Flo wurde uns noch am Samstag von Füssen mit dem Taxi nach München und dem Flieger nach Hamburg ins Studio von Pro 7 in die Sendung von Andreas Türck entführt. Die haben von uns Wind bekommen und schon waren wir einer weniger. Die Sendung, mit Ausschnitten von der Trekkingtour ist voraussichtlich nächsten Mittwoch zu sehen. Wer mitmachen will, kann sich bereits jetzt schon für das nächste Jahr bewerben. Die Plätze sind begrenzt und wer zuerst kommt, malt zuerst. Das gilt auch für die Assistenten. Helfer klingt so bescheiden…

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