Lac Léman – Genf Marathon 2003

Oh, Oh.. was hab ich mir da angetan?! Vor 6 Wochen hab ich mich von Wolfgang Petersen überreden lassen, bei der längsten Handbikstrecke Europa an den Start zu gehen. Angeblich nur 175 km rund um den Genfer See auf logisch – ebener Strecke. „Hab ich schon 2 mal gemacht und unter 6 Stunden, kein Problem. Das schaffst Du auch.“ Klar – als Schreibtischtäter ohne einmal einen einfachen Marathon gefahren zu haben in diesem Jahr, dann sind 4 ½ !!! Marathons auf einmal auch kein Problem….

Mein Urlaub in Portugal verkam also zum Trainingscamp und das Gelände an der Algarve war alles andere als einfach. Rauf und runter, keine Flachstrecken und bei sengender Hitze über eine Woche, das muß reichen. Dazu 1 Woche vor dem Start noch mal 3 Trainingseinheiten zu Hause mit Flo Sitzmann (Vizeweltmeister im Handbikestraßenrennen) und meinem Bruder, der als Begleitradfahrer mitkommen sollte rundeten also mein Trainingspensum für Genf ab. Dabei war keine der Strecken über 75 km lang. Da sowieso am Ende, wären längere Strecken auch Unsinn gewesen. „Ich hab noch viel weniger trainiert. Wenn Du erst mal da bist, geht eh alles viel leichter und ein bisschen durchbeißen, dann schaffen wir das schon“, meinte Wolfgang und der muß es ja wissen. Wir brauchen uns ja nur in den Windschatten hängen und werden die meiste Zeit sowieso mitgezogen.

 

Nun, ich bin ja kein Greenhorn mehr. Hab schon mehrere Marathons auch im Rennrollstuhl gefahren und weiß, wenn´s mal nicht so läuft, dann nützt auch Windschatten nicht viel, da der Vorausfahrende u.U. ein viel zu hohes Tempo anschlägt und der Akku auf den ersten 20 km schon leer sein kann. „Laß uns zusammen fahren, dann bleiben wir auf jeden Fall beieinander und können uns helfen, wenn einer mal durchhängt“, so Wolfgang. Dabei ist mir nicht so ganz klar, wie er das meint bei seinem Trainingseifer. Auf jeden Fall kommt noch Stefan Baumann aus Braunschweig, der fährt auch noch mit und zu Dritt kann gar nichts mehr schief gehen. So, so…

 

Wetterbericht für den 5. Oktober am Genfer See: Kälteeinbruch in der Schweiz mit starken Regenfällen. Temperatur am Morgen 7 Grad, 6 Grad am Nachmittag. Windig. Schneegrenze bei 800 m.

Ne, ich bin doch nicht verrückt, 175 km und dann noch bei dem Sauwetter?! Da kühlst Du nach einer Stunde aus und dann ist Feierabend. Dafür fahr ich doch nicht über 500 km und steh dann irgendwo in den Bergen und warte stundenlang, bis mich jemand abholt, dann bin ich ja erfroren…

 

So jedenfalls haben noch mehrere gedacht und sind erst gar nicht angereist. Wir sind dann doch gefahren. Das ganze Training umsonst und auch noch als Weichei zu gelten? Dann eben Zähne zusammenbeißen. Wir hatten uns auf eine Fahrzeit von 7 Stunden eingerichtet bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h. Durchgehend und ohne Pause wohlgemerkt. 30 kann ich auf Mittelstrecken fahren und wenn das mit dem Windschatten hinhaut, dann kommen wir vielleicht auch an. Das mit dem Wetter wird schon nicht so schlimm werden. Mit einem Motorradkombi als Regenschutz müsste auch bei starkem Regen Nässeschutz möglich sein. Sagte Wolfgang.

 

Sonntag, 5. Oktober, 7.30 Uhr. Wir stehen in der Tiefgarage des Hotels Mövenpick, in dem am Abend zuvor auch die „Nudelparty“, ein recht steifes Abendessen stattfand. In der Tiefgarage ist es warm und draußen saukalt. Jede Minute hier unten verkürzt unser Leiden. Die Räder werden aus den Autos geladen und die Regenklamotten angezogen. Hier unten schwitzen wir allerdings bei jeder Bewegung, denn atmen tut das Plastik natürlich nicht. Für die besonders empfindlichen Füße habe ich meine Taucherschuhe angezogen. Die halten warm und dicht.

Beim Blick auf Wolfgangs Bike bekomme ich allerdings große Augen. Ich glaub es nicht. Hat der Kerle doch tatsächlich sein Top End Bike von seinen großen Rädern auf kleine Räder hinten ummontiert. Das Bike rollte sagenhaft und um weniger Wind abzubekommen, hat er hinten 20“ Räder dran gebaut. „Das wird nichts,“ sag ich „ hast Du das Bike wenigstens vorher probegefahren?“. „Nö, wieso? Hab alles ausgemessen. Sturz und Spur stimmen hundertprozentig. Dafür sitze ich viel niedriger. Ist besser, wirst schon sehen!“

 

Das sieht nach Verzweiflung aus. Aber wir müssen raus. Start ist in 7 Minuten. Warmfahren ist nicht mehr. Vielleicht auch besser so. Weil wärmer wird es uns eh nicht mehr.

 

Am Start stehen 26 Verrückte. Hans Mayerhofer und sein härtester Konkurrent Roland Ruepp aus Italien stehen ganz vorne. Die kommen wahrscheinlich nach 5 Std. 45 min. rein. Da haben wir noch locker über eine Stunde zu kurbeln. Jetzt gilt es, unter den Fahrern die zu erwischen, die ungefähr gleichstark sein könnten. Dann ist Windschatten eine Erholung und keine Plackerei. Wolfgang steht neben mir ganz am Schluß, Stefan vor mir. Wir müssen also Gas geben um nicht den Anschluß zu verlieren. Denn wenn wir als Letzte auf die Tour gehen, gibt es keinen mehr nach uns, der uns auffängt, wenn einer von uns den „Zug“ verpasst. Von den normalen Marathons weiß ich, dass die Anfangsgeschwindigkeit bei den Cracks und sogar im Mittelfeld bei über 40 km/h liegt. Wer die nicht fahren kann, der hat schon am Start verloren. Da Wolfgang ein eher schlechter Starter ist, hoffen wir auf einen verhaltenen Beginn. Nach etwa 10 Minuten Verspätung geht es los. Ich fahre sofort an 3-4 vor mir Stehenden vorbei und bin relativ schnell im Mittelfeld. Anfangstempo liegt bei ca. 35 km/h. Das ist ok und Wolfgang und Stefan dürften locker mitgekommen sein. Nach ca. 2 km kommt Stefan neben mich und ist ratlos. Wolfgang ist nicht dabei. Was sollen wir tun. Wir haben ca. 6 Leute in der Gruppe. Der ideale Zug. Ok, wir drosseln das Tempo etwas. Er wird sicher gleich nachkommen. Ist ja nicht der Schnellste am Start. Leider geht das nicht lange gut. Die hinter uns fahrenden kommen nach vorne und drücken aufs Tempo. Wolfgang ist noch nicht mal zu sehen. Da stimmt etwas nicht. Joachim, mein Bruder und Begleitfahrer auf dem Rennrad ist sicher bei ihm. Vielleicht hat er eine Panne. Die Kette ist runter oder er hat einen Platten. Nach weiteren 2 km ist immer noch nichts von ihm zu sehen. Schweren Herzens bleiben wir im Zug, denn wenn Wolfgang wirklich eine Panne hat, dann fahren wir alle hoffnungslos hinterher. Mittlerweile ist das Tempo angezogen. Durchschnittliche Geschwindigkeit auf den ersten 10 km über 30 km/h. Wenn das mal gut geht. Es regnet leicht. Aber die Straße ist sehr naß. Wasser kommt von oben, vom Vorderrad, dem Vordermann und die Hinterräder schütten das Wasser in den Nacken. Die Brille lässt nur erahnen, wie viel Abstand zum Vordermann besteht. Der Regenkombi ist kalt. Der Wind verstärkt die gefühlte Temperatur und schon nach 25 km wird mir kalt. Mittlerweile haben wir uns recht gut eingefahren. Wir halten das Tempo trotz einiger leichter Bergauffahrten auf über 29 km/h. Ich fühl mich trotz allem sehr gut und kann das Tempo sogar noch steigern. Bei km 45 haben wir einen ordentlichen Abstand nach hinten und leider auch nach vorne. Die müssen fahren wie die Verrückten. Meyerhofer hat hier sicher eine Geschwindigkeit von ca. 36 km/h. Unglaublich. Es sind doch noch über 130 km zu fahren. In unserer Gruppe fährt noch ein Italiener und zwei Schweizer. Der Südtiroler ist wie Stefan und ich am Tempo beteiligt. Die beiden anderen halten so gut es geht mit. Eine besondere Hilfe freilich sind sie nicht. Aber wenn sie auch nur ein paar hundert Meter vorne sind, hilft das auch schon etwas, die Erholungsphasen so lange wie möglich zu verlängern. Kurz vor Thonon bin ich wieder vorne. Es läuft gut und es macht geradezu Spaß, am Limit zu fahren.

 

Wolfgang hat einen miserablen Start erwischt. Gleich nach dem Anfahren merkt er, dass etwas mit der Kiste nicht stimmt. Das Bike rollt einfach nicht. Wie wenn die Lager zu wären. Er versucht erst gar nicht, an die vorne weg fahrenden Gruppen heranzufahren und hat bei 22 km/h auch keine Chance, jemals im Windschatten fahren zu können. Joachim bleibt bei ihm und reicht ihm Wasser oder Riegel. Mehr kann und darf er ja nicht machen. Die Begleiter dürfen keinen Windschatten geben. So die Regeln. Macht bei den hinteren Rängen allerdings wenig Sinn. Mit dem Ausgang des Rennens haben sie eh nichts zu tun. Das wird bitter. Bei dem Tempo ist absehbar, dass Wolfgang nicht unter 8 Stunden reinkommen wird. Oder teilt er sich das Rennen nur so ein, dass er es auch bis 175 km schaffen kann und wir anderen sind viel zu schnell angefahren?

 

Ich merke gar nicht, wie ich mittlerweile über 2 km vor dem Wind fahre und gebe leicht erschöpft an Stefan ab. Wenn wir so weiterfahren, dann bleiben wir sogar gut unter 7 Stunden. Plötzlich fängt es sturzbachartig an zu regnen. Ich sehe nichts mehr und hab als letzter im Zug auch keinen Blick mehr nach vorne. Viel zu spät sehe ich, wie Stefen das Tempo anzieht und wir einen kleinen aber recht steilen Berg hinauffahren. Sofort reißt die Gruppe ab und zu allem hab ich auch noch einen viel zu hohen Gang drin. Der Italiener kann zu Stefan aufschließen aber meine Schweizer vor mir bleiben regelrecht stehen. Ich versuche dran zu bleiben. Aber es ist zwecklos. Gerade erst an der Führung fehlt mir die Kraft, die Lücke wieder zu zufahren. Stefan merkt zwar, dass ich weg bin und fährt etwas langsamer, aber der Italiener zieht an ihm vorbei und ich bin platt. Da fährt er weiter. 70 km sind erst gefahren und über 100 km hab ich noch. Mit den beiden fährt auch meine Motivation davon. Ich weiß, jetzt wird es hart. Klatschnaß, ausgekühlt und kein Ende in Sicht, zudem alleine, da die Schweizer noch nicht mal auf 15 km/h mehr kommen. Das war´s wohl.

 

Jetzt hab ich nur noch meinen Fahrradbegleiter und sogar 2 Motorradfahrer. Die Strecke um den Genfer See ist natürlich nicht abgesperrt, jeder Fahrer hat daher mindestens einen Begleitfahrer bei sich. Ich hab jetzt 3 aber die Motorradfahrer vor und hinter mir sind ja mit Absperren beschäftigt. Da wir auf der französischen Seite sind, beginnt auch noch der schwerste Teil der Strecke. Grober Asphalt, ständig Berg- und Talfahrt und Wind von vorne. Immer wieder Regen und Kälte. Es fehlt nicht viel und ich befürchte, es schneit gleich. Das darf alles nicht wahr sein. Ich komme selber kaum über 20 km/h und fahre meinen Schnitt in den Keller. Von 29 auf 28 und dann ziemlich schnell auf 26. Bis km 90 fahre ich schweigsam vor mich hin. Dann kann ich nicht mehr. Jeder Berg tut weh und die Abfahrten sind so kalt, dass die Finger klamm werden. Ich kann kaum noch schalten.

 

Mein Begleiter meint, wir wären gleich in Genf und da kommt eine superlange Abfahrt, die so steil ist, dass man aufpassen muß. Ich wundere mich. Wir fahren doch gerade auf Höhe des Sees und Genf liegt direkt am See. Dann muß ich doch noch jede Menge Höhenmeter überwinden und ich kann doch jetzt schon nicht mehr. Ne, meint er, Alles nur noch gerade und dann geht es bergab. Ich laß ihn reden. Er meint es ja gut. Aber was hilft aufgeben. Bis die mich aufsammeln, geht ne gute halbe Stunde drauf. Wir kriechen weiter. Zeitweise nicht schneller als 12 km/h. Ich warte auf die beiden Schweizer. Die fahren schließlich zu zweit und ich alleine. Die müssen doch gleich da sein. Aber der Abstand wird nicht kleiner als 500 m.

 

Wolfgang hat jetzt die 70 km Marke erreicht, da scheppert es unter seinen Rädern. Joachim fährt neben ihm und sieht erst mal nach was das gewesen sein könnte. Vielleicht ein Teil vom Bike? Er bremst ab und schaut auf den Boden, da kommt dieser plötzlich unerwartet schnell näher und Joachim schlägt unsanft auf. Leider kommt er mit dem Schuh nicht aus der Pedale und verdreht sich das Knie. Es tut höllisch weh. Grund des Sturzes war eine kleine Unachtsamkeit des Begleitmotorradfahrers, der gerade in dem Moment auf die Karte schaut, als Jo langsamer fährt und sieht das nicht, daher der Crash. Für Jo ist das Rennen beendet. Es wird mit dem Sanka in die Klinik gefahren. Wolfgang ist jetzt ganz alleine.

 

Als ich Genf erreiche, ist mir eigentlich alles egal. Km 100 nehme ich emotionslos hin. „Nur“ noch 75 km. Das ist keine Motivation. Noch knapp 2 Marathon soll ich fahren? Mein Schnitt ist bei 24,5 km/h angelangt. Eine Katastrophe. Ich versuche mittlerweile verzweifelt, die 25er Marke zu halten. Ich wollte doch 7 Stunden fahren und jetzt bin ich müde, der Rücken schmerzt und es ist so kalt, dass selbst das Wasser, das ich dringend zu mir nehmen sollte, so kalt ist, dass es wie Eiszapfen mich auch noch innerlich auskühlt. (Während der gesamten Strecke verbrauche ich ganze 0,75 l).

 

Doch Genf ist trocken, die Sonne scheint sogar ein wenig und es sind etliche Leute an der Strecke. Das gibt wieder etwas Auftrieb. Auf der Bergseite von Genf habe ich sogar etwas Rückenwind, nachdem ich trotz Anstrengung nicht über 25 gekommen bin und halte jetzt 30 km/h. Es macht direkt wieder etwas Spaß und ich kann meinen Schnitt wieder leicht verbessern. Das hilft. Die 110 und dann die 120 km gehen überraschend gut. Dann ist der kurze Höhenflug mental jedenfalls wieder vorbei, dafür kommen wieder die Berge. Jetzt ist der Ofen vollends aus. Nichts geht mehr. Noch 55 km. Mein Begleiter meint, es sei bald geschafft. Es ist irgendwie unwirklich. Mein Rücken ist bretthart. Mein Nacken so steif, dass ich mich noch nicht mal zur Seite drehen kann. Alles geht nur noch langsam und Bergauffahrten werden zur Kriechtour. Jetzt bleibe ich auch schon mal stehen und bocke wie ein Esel, der keine Lust mehr hat. Wo bleiben denn die Schweizer, verdammt noch mal? Am Ende kommt auch noch Wolfgang und holt mich ein. Der hat bestimmt sein Rennen besser eingeteilt und ich würde jetzt noch nicht mal im Windschatten mithalten können. Alles falsch gemacht. Aber es kommt keiner.

 

Haben die alle aufgegeben? Es kommt die große Zeit der Powergels. Hochkonzentrierte Kohlenhydrate in zähflüssiger Form sind wahre Turbos. Eingenommen verschaffen sie nach wenigen Minuten regelrechte Kraftsprünge. Alles geht wieder viel leichter und schneller. Aber schon nach 10 km ist die Wirkung wieder verpufft. Ich hänge wieder am Berg und es fängt wieder an zu regnen. Es ist zum Verzweifeln. Jetzt fängt auch noch die Kette an zu pfeifen. Vom Regen völlig stumpf, kein Hauch Öl mehr drauf. Das hab ich nicht verdient.

 

Bei km 150 kann und will ich nicht mehr. Und endlich sind sie da, die Schweizer haben ein Erbarmen und ein Ziel. Mich. Wenn das Herunterzählen der noch zu fahrenden Kilometer völlig unsinnig ist, dann braucht man etwas erreichbares vor sich. Doch jedes Mal, wenn ich denke, jetzt überholen sie mich, sind sie wieder 50 m hinter mir. Davon hab ich nichts. Natürlich sind die genauso kaputt. Und endlich, bei 160 km sind wir zu dritt, wovon allerdings nur einer der Schweizer nach vorne geht und mit mir abwechselt. Der andere ist froh, dass er mitfahren kann. Und so macht es wieder Spaß. Den Schnitt trotz der langen Fahrt wieder auf über 27 und das Ziel in greifbarer Nähe dazu die Möglichkeit zur Erholung. Was wäre gewesen, wenn ich nicht abgerissen wäre?! Lausanne, unser Ziel nähert sich und wir haben schon 173 km, da zieht der Schweizer plötzlich aus meinem Windschatten an.

Das kann doch nicht wahr sein. 170 km und jetzt auch noch die Spielchen kurz vor dem Ziel? Ich wäre liebend gerne als Dreiergruppe ins Ziel gefahren. Nach 7 Stunden und 30 Minuten braucht so ein Rennen keinen Sieger im Mittelfeld. Aber bitte. Ich bleib dran, der zweite Schweizer kann nicht mithalten. Schöner Patriotismus. Statt mich zu zweit zu kontrollieren – Egoismus pur. Aber bei Km 175 ist kein Ziel. Da ist kein Band, keine Schleife und es stehen keine Leute. Haben die schon alles abgebaut? Sind wir die letzten und alle hinter uns haben aufgegeben? Haben wir irgendwelche Zeiten überschritten und die machen Feierabend? Entsetzlich, die ganze Mühe umsonst und nicht mal ein warmer Händedruck? Wir sind verwirrt. Der Schweizer vor mir will dauernd, dass ich nach vorne gehe. Das ist aber kurz vor dem Ziel keine gute Idee. Aber wo ist das Ziel? Stattdessen werden wir immer weitergeleitet. Unsere Fahrradbegleiter sind auch verwirrt. Ziel kommt gleich, oder hier muß es sein, rufen sie. Nichts da. Ich hab schon 179 km auf dem Tacho. Der Schweizer ist wieder vorne, nachdem ich 2 km geführt habe.

Endlich sehen wir im Park einen Zielbogen und Absperrungen, dazu Lautsprecherdurchsagen. Wir sind da, der Schweizer versucht einen Sprint, viel zu früh aber ich bleib noch hinten. Was, wenn der noch zulegen kann? Noch 50 m – jetzt noch mal Gas geben, alles versuchen, den Rücken vergessen, den Hals vergessen, die müden Arme vergessen. Ich ziehe vorbei und hab gewonnen. Ein Sieg über den Schweizer, ein Sieg über 180 km, ein Sieg über sämtliche Schweinehunde zwischen Genf und Lausanne, über katastrophales Wetter und einsame

 

Kurbelei über 7 Stunden 45 min. Keine Weltbestzeit, aber bei dem Training, den Bedingungen und meist ohne Windschatten und Motivationshilfen ein Sieg wie für jeden, der das Rennen zu Ende gefahren hat.

 

Mayerhofer wird gerade geehrt. Er ist schon geduscht und empfängt gerade die österreichische Hymne. Sie kommt mir vor wie ein Trauermarsch und mir ist zumindest ein wenig zum Jubeln zumute. Aber dafür bin ich zu müde. So müde…

 

PS: Der Kombi war für die Katz, ich bin drunter völlig durchnässt. Das Sitzkissen hat sich auch vollgesogen und wiegt gut 3 kg mehr. Meine Arme sind total aufgescheuert. Ich kann kaum im Rollstuhl sitzen. Der Rücken löst sich erst nach einem heißen Bad wieder. Joachim sitzt mit einer großen Kniemanschette im Zimmer und kann nicht gehen und Wolfgang kommt nach 9 Std. und 11 min rein. Wahnsinn.

Über den Autor

David Stähle

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