Die Gesundheitsreform

Jeden Tag neue Meldungen zur Gesundheitsreform. Da wird gestritten über Beitragserhöhungen, Eigenbeteiligungen, Strukturausgleich mit Gesundheitsfonds. Natürlich haben wir bei diesem Wirrwarr die Auswirkungen für die Rehabranche im Fokus.

Diese Themen liest man nämlich nicht auf den ersten Seiten der Tageszeitungen. Die werden nicht in der Tagesschau berichtet. Ist natürlich für die Masse auch nicht relevant. Heil- und Hilfsmittel machen ja auch nur um die 3 % der Ausgaben für Gesundheit aus.

 

Wenn man das Kleingedruckte liest, und in Ergänzungen und Kommentaren die Übersetzungen dazu, bekommt man allerdings eine Vorstellung, was den erwartet, der zum Beispiel als Rollstuhlfahrer auf Hilfsmittel angewiesen ist.

 

Ganz oft gibt es in den von den Koalitionsparteien verabschiedeten Eckpunkten zur Reform Formulierungen, die sogar Verbesserungen vermuten lassen. Wenn man sich die Mühe macht, zwischen den Zeilen zu lesen, fällt es aber doch auf.

 

Zum Absatz 11 zu den Eckpunkten findet man zum Beispiel den optimistischen Absatz:

 

“Erweiterung der Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten der Versicherten.“

 

Die bisherige Wahlfreiheit, den Leistungserbringer, sprich Sanitätshaus oder Reha-Fachhandel auswählen zu dürfen, ist in der dann folgenden Aufzählung nicht vergessen worden, sondern bewusst nicht aufgeführt. Genau diese Freiheit soll es nämlich ab dem 01.04.2007 nicht mehr geben.

 

“…Preiswettbewerb für Hilfsmittel soll über Ausschreibungen erfolgen. “

 

Der Gewinner dieser Ausschreibung erhält dann das Recht, die ausgeschriebenen Produkte für die Kasse zu versorgen.

 

Was bedeutet das für den Betroffenen?

Der hatte bisher in der Regel einen Versorger seines Vertrauens oft erst nach einer langen Odyssee gefunden. Denn oft sind es sehr spezielle Anforderungen, die wiederum Spezialisten erforderlich machen, die es eben nicht überall gibt.

Wird der Entwurf tatsächlich, wie leider zu erwarten, umgesetzt, wird der Betroffene von der Kasse zum „Ausschreibungsgewinner“ gezwungen, der dann allerdings das billigste Produkt versorgen muss, um wirtschaftlich zu arbeiten. Die Qualität der dazugehörigen Beratung und Dienstleistung wird bei einer Ausschreibung keine Rolle spielen. Die Qualifikation wird, und das ist eine Farce, „vor Vertragsabschluss von der Krankenkasse geprüft“. Wir wissen aus Erfahrung, dass das nicht passieren wird. Es wird einzig und alleine um den Preis gehen. Dass es bei der Versorgung um individuelle Menschen geht, mit Problemen und Anforderungen, die in die Intimsphäre reichen, wird dabei völlig ignoriert. Beratungen zu Stoma- und Inkontinenzprodukten zum Beispiel erfolgen schon lange nicht mehr beim Facharzt, sondern beim spezialisierten Versorger, dem der Betroffene sein Vertrauen entgegen bringt.

Aber genau der Spezialist ist in dem Ausschreibungssystem nicht vorgesehen und wird in kurzer Zeit regional vom Markt verschwinden.

 

Die Qualität der Versorgung wird aber noch aus einem anderen Grund um Jahrzehnte zurückgeworfen. Zulassungskriterien für den Fachhändler, wie Nachweise bestimmter Fachkenntnisse, Ausstattung der Beratungs- und Geschäftsräume werden genauso abgeschafft, wie das aufwändige Zulassungsverfahren für die Aufnahme von Hilfsmittel in den Hilfsmittelkatalog. Also kann jeder Zahlenjongleur ohne Kenntnis medizinischer, therapeutischer oder produktspezifischen Besonderheiten mit einem Bauchladen von chinesischen Billigprodukten zuversichtlich an Ausschreibungen teilnehmen.

 

Die Zukunft wie wir sie sehen nach der Gesundheitsreform:

 

Für den Betroffenen:

Ausschreibungen sind produktbezogen. Der Betroffene muss sich darauf einstellen, für unterschiedliche Hilfsmittel verschiedene Versorger zu erhalten, die noch dazu jedes Jahr wechseln können, (Ausschreibungen sind jährlich geplant). Mit seinem zugewiesenen Versorger hat er telefonischen Kontakt und die Beratung sinkt auf „Callcenter Niveau“.

Für den Handel:

Hochwertige Rehaprodukte lassen sich bei den Krankenkassen nicht mehr durchsetzen. Das Sanitätshaus oder der Reha-Fachhandel wird nicht mehr in der Lage sein, sich für die Belange und Ansprüche der Kunden gegenüber den Kassen einzusetzen. Leistungserbringer wird der Ausschreibungsgewinner mit dem niedrigsten Preis, der auch gegenüber dem Kunden notwendigerweise billig versorgen muss. Das ist das Ende der individuellen Versorgungsstruktur.

 

Für den Hersteller:

Hochwertige Rehaprodukte erreichen nicht mehr die erforderlichen Absatzzahlen. Entwicklungskosten rechtfertigen sich nicht mehr. Die Produktion beschränkt sich auf Massenware.

 

Warum das alles?

Das Gesetz soll steigende Hilfsmittelkosten in den Griff kriegen. Seit 2004 gingen die Kosten regelmäßig zurück. Der Preisverfall durch massiven Wettbewerb ist schon jetzt erdrutschartig und nachhaltig. Für ein zukunftssicheres Gesundheitssystem braucht es andere Konzepte. Die Zerstörung einer gewachsenen Versorgungsstruktur beseitigt nicht die Probleme der demographischen Entwicklung, sondern verschlechtert die Lebenssituation behinderter Menschen.

Über den Autor


Keine Kommentare.

Hinterlasse eine Nachricht

Du musst angemeldet sein um eine Kommentar zu verfassen

WP-Backgrounds Lite by InoPlugs Web Design and Juwelier Schönmann 1010 Wien