Zhang Haidi: Mein Leben und Schreiben

Zhang Haidi: Mein Leben und Schreiben (张海迪:我的生活我的写作)

Zeit: Donnerstag, 8. November 2007, 19 Uhr

Ort: Neue Uni, Hörsaal 9

Info zur Referentin: Zhang Haidi, geboren 1955 in der Provinz Shandong, ist seit ihrer Kindheit querschnittsgelähmt und konnte aufgrund ihrer Behinderung keine Schule besuchen. Sie lernte im Selbststudium Schreiben und Lesen, Deutsch und Englisch, Akkupunktur und machte 1993 einen Masterabschluss an der Jilin Universität. Ab 1983 wurde sie von der Regierung als Vorbild gepriesen und erlangte so große Berühmtheit. Zhang Haidi gehört heute zu den bekanntesten Autorinnen Chinas. Zu ihren Hauptwerken zählen 輪椅上的夢 (Dream in a Wheelchair) und 絕頂 (The Topmost). Sie ist u.a. Mitglied des nationalen Komitees der politischen Konsultativkonferenz und Vizepräsidentin des Behindertenverbandes. Derzeit verbringt Zhang Haidi ein Jahr als Stipendiatin im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg.

Ihr überdimensional großer Rollstuhl kann ihre Persönlichkeit nicht überdecken. Da sitzt sie und wartet darauf, in den Lehrsaal der Neuen Uni Heidelberg geschoben zu werden, in dem über 150 meist chinesische Studentinnen und Studenten warten, daß sie, eine Volksheldin im positiven Sinn und völlig unpolitisch, einen Vortrag über ihr Leben und Wirken hält. Es ist erstaunlich, wie nervös und aufgeregt vor allem die weiblichen Studenten diesen Moment herbeisehnen.

Haidi ist in diesem Riesenreich China mit weit über 1,3 Mrd. Menschen mit immer noch geringer medialer Durchdringung ein Star. Wie Groupies stehen Leute schon auf dem Gang um sie herum, um ein Autogramm zu erhaschen und so wird sie auch mit einer Traube Menschen im Gefolge in den Lehrsaal geschoben.

Hilflos ein wenig die Szenerie. So gar nicht die Powerfrau, die man vielleicht erwarten könnte. Sie wirkt durch Ihr unprediziöses Lächeln und läßt sich erst mal wohlwollend vorstellen. Eine deutsche Studentin auf chinesisch übernimmt das und Haidi (später bekommt sie von chinesischen Kommilitonen eine DVD über die Comicfigur Heidi geschenkt) quittiert den einen oder anderen Satz mit einem verschmitzten Lächeln.

Sie stellt sich vor: Mit 5 Jahren, also 1960, zu Beginn der Kulturrevolution Maos wurde sie wegen einem Tumor im Rücken zum ersten Mal operiert. Ihre Eltern, arm aber fleißig, konnten ihr im Dorf, wo sie in der Provinz aufwuchs, keine weitere medizinische Behandlung bezahlen. Ärzte gab es ohnehin so gut wie keine auf dem Land. So verbrachte Sie die ersten Jahre als zuvor aufgewecktes, lebenslustiges Mädchen in einem Zimmer, das als einzige Abwechslung einen Wecker mit dem Geräusch des Uhrwerks bot. Die Tür abgeschlossen, die Eltern aus dem Haus und keine Möglichkeit, Besuch zu erhalten oder Freunde einzuladen. Gefangen so in einem 2 qm großen Gefängnis ohne Abwechlung schien ein bitteres elendes Ende unausweichlich. Von Schmerzen geplagt, Wundstellen an Rücken und Beinen und nur wenig menschlichen Kontakt zu ihren meist arbeitenden Eltern vegetierte Sie dahin.

Doch für sie konnte das Leben so nicht beendet sein. Sie wollte lernen. In die Schule konnte sie aber nicht. Also besorgten ihre Eltern ihr Bücher. Lehrer konnten sie sich aber nicht leisten. Also mußte Haidi sich die chinesische Sprache selbst aneignen. Für einen Europäer unvorstellbar. Sie sagt, das war ein Vorteil. Schließlich sind die Schriftzeichen oft Bilder, die es zu Deuten gilt. So z.B. Baum, Haus, usw. Mit 10 konnte sie ihren ersten Roman lesen.

Schließlich ist sie so gut, daß sie, das Bett kann sie mittlerweile ab und an verlassen, selbst anderen Kindern Unterricht erteilen kann. Aber das reicht ihr nicht. Sie will mehr lernen. Mitten in der Provinz entschließt sie sich, deutsch und englich sprechen zu wollen. Kontakt zu Ausländern gibt es ohnehin nicht. Also muß es auch so gehen. Und sie liest zu Beweis einiges ihrer biografischen Kindheit auf deutsch in überraschend gutem Akzent. Sie ist mittlerweile schon bekannt in China. Nebenbei hat sie sich mit Akkupunktur selbst therapiert. Ärzte waren schließlich immer noch Mangelware. Da sie ihre Schmerzen so unter Kontrolle bekommen konnte, wird sie zur medizinischen Fakultät in der ganzen Umgebung. Über 10.000 Menschen hilft sie so über mehrere Jahre hinweg bei Zahnschmerzen, Rückenleiden und vieles mehr.

Sie will studieren. Man bietet ihr einen Master ohne Studium an. Sie lehnt ab. Sie macht ihren Abschluß in Jilin und bekommt eine Beamtenstelle angeboten.

Sie will unabhängig bleiben und Schriftstellerin werden. Sie malt. Und das so gut, daß man neidisch über so viel Talent und Begabung wird. Sie wird zur Vizepräsidentin des Schriftstellerverbandes gewählt. Mittlerweile hat sie mehrere Romane geschrieben. Das Amt der Vizepräsidentin des chinesischen Behindertenverbandes ist Ehrensache. Aber nur annehmen und nichts machen ist nicht ihre Sache. Sie organisiert Shows mit Tanzeinlagen für Spenden, besucht Sportler und ist in die Paralympics 2008 in Peking involviert. Zur Zeit ist sie für ein Jahr in Deutschland und lernt deutsch, Europa und die hiesige Kulturlandschaft kennen.

Wir werden uns bemühen, Haidi Zhang während ihres Aufenthaltes in Bamberg für eines unserer Events zu gewinnen.

Ein Bericht von Michael Heil

Über den Autor

David Stähle

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