Vic Chesnutt im Karlstorbahnhof in Heidelberg am 7.11.2008

Die Bühne kann man nur über eine Treppe vom Saal aus erreichen. Normal kommen die Künstler hinter dem Vorhang auf die Bühne, erhalten Beifall und setzen sich hin.

Vic mit Band (6 Leute) kommen vom Seiteneingang. Die Besucher machen eine Gasse. Gespräche verstummen. Kein Beifall, kein Laut. Er wird die Treppe hinaufgehoben. Alle setzen sich.

Vic, Tetraplegiker, inkomplett. Alter ca. 40 Jahre. Bei einem Autounfall unter Alkoholeinfluss den Hals gebrochen. In der Folge starke Wirbelsäulenverkrümmung. So liegt er mehr im Rollstuhl als er sitzt. Als er sich auch noch mit seinen typischen Tetrahänden eine Gitarre um den Hals hängt, wird aus dem stummen Publikum ein raunendes Räuspern.

Vic trinkt was, rülpst. Laut. Na ja. Muss wohl so sein. Seine Stimmprobe klingt kläglich.

Ob das was wird? Seine Kritiker loben ihn über den grünen Klee. Einer der besten Songwriter überhaupt. Ein Bob Dylan der Rehaszene?

Überhaupt keine Rollstuhlfahrer im Auditorium. Wo bleiben die bloß? Heidelberg ist doch die Hochburg für alle, die nach einem Crash in der Kiste hängengeblieben sind.

Vic klemmt sich mit Hilfe seiner Zähne ein Plek an den rechten Daumen. Seine teilinervierten Hände umklammern den Gitarrensteg und er lässt ein paar einfache Akkorde auf seiner uralten, primitiv anmutenden Gitarre anklingen. Dann kommt ein Song mit Gefühl. Die Streicher im Hintergrund begleiten ihn. Ein Kontrabass und eine in der Hippie-Zeit hängengebliebene Violinistin sowie 3! E-Gitarren und ein sattes Schlagzeug setzen plötzlich zu einem Stakkato an, dass einem die Ohren zufallen und die Schläge auf den Magen den Bass fühlen statt hören lassen. Bombastisch. Dabei schreit Vic zeitweise in das Mikro, gibt seinem Text viel Autobiographie, Seele, Stimme und Bestätigung. Oh weh. Und jetzt erst recht. Ein Stück beschreibt den Fallschirmspringer im Sturzflug. Er jauchzt, er schwebt, er fällt, er schlägt ein.

Mitten in einem langen Stück, das sich ständig abwechselt mit Rhythmus, balladigem Underground, souligem Tiefgrund und eruptiver Emotion sinkt Vic langsam auf sein aufgestelltes Mikro. Seine Bandmitglieder schauen besorgt zu ihm. Gehört das zum Programm, zum Versinken in seine innerste Gefühlswelt, die er mit Musik nach außen stülpt? Mit letzter Kraft schließt er ab und schaut völlig platt um sich. Eine Cola bitte! Sugarflesh! Das fehlt noch. Völlig unterzuckert unterbricht Vic seine Show. Macht seine Gestalt zum Bühnenstück. Lässt tief in ihn hineinschauen, was er ausdrücken will und macht so mehr deutlich, als es irgendein noch so bekannter Künstler je zeigen könnte. Selbst der unvermeidliche Rülpser nach der Ex-geleerten Cola wird kultig. Die klebrige Twix-masse, die er, während er eine Anekdote aus seinem Leben erzählt, zäh am Gaumen hängend unverständlich zur Belustigung verbreit, gehört irgendwie zur Requisite. Dann geht’s weiter. Soul, Rock, Ballade. Bob Dylan der Rehaszene. Wow.

Michael Heil

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