05.07.2009 – 10. Heidelberger Rollstuhl Marathon

05.07.2009, Heidelberg

Kaiserwetter, aber welcher Kaiser steht für den Handbike-Sport? Nun, in Heidelberg traf sich die etwas dezimierte Weltelite am 5. Juli zum Rennen um die Stundengrenze. Denn das, was sich in den letzten Rennen dieses Jahres abzeichnete, war angesagt: die Stundengrenze sollte geknackt werden und dann auch noch von einem, der zwar immer vorne mit dabei war in letzter Zeit, aber noch nicht mit Bestzeiten geglänzt hatte, der Pole Arkadiusz Skrzypinski wollte als erster die 42,195 km in unter einer Stunde fahren. Angesagt ist angesagt.

 

Noch mit in der ersten Reihe standen der amtierende Weltbestzeithalter mit 1.02 Std. Torsten Purschke, Vico Merklein, ehemaliger Team Rehability Fahrer und Tobi Knecht, ebenfalls Mitarbeiter bei Rehability in Sinsheim, der für das Team Otto Bock fährt. Alle in der Lage, wie der Pole die “ewige” Bestzeit und einen neuen Stundenrekord zu knacken.

 

Mit nicht weniger als 15 Fahrern stellte das Team Rehability wieder einmal das stärkste Starterfeld und mit den Kids von Thomas Weinsheimer waren es mit dem Mobifanten-Cup gar 21. Damit die Farben auch bestens vertreten waren, kamen viele Mitarbeiter des Teams mit auf die Strecke und feuerten ihre Fahrer an, was das Zeug hielt. Und das war nötig.

 

Mit dem Startschuss gingen 200 Fahrer auf die 2 mal 22 km lange Strecke, die schon immer etwas besonderes war. Wenig Kurven aber selektives Profil, dafür enge Straße zum Überholen und dem dauernden Ausweichen der Pylonen auf der Strecke, die noch von einer Fahrbahn für den Autoverkehr offen war. Bei der Leistungsdichte sowohl vorne als auch in der 2. und 3. Gruppe war klar, hier wird schnell gestartet und keiner mitgeschleppt. So schon auf den ersten 500 m, die über die Ernst-Walz-Brücke mit einigen der wenigen Kurven bereits so weit das Feld auseinander riss, dass ein Zufahren der Lücken bei über 42 km/h viel Kraft kostete, und das schon zu Beginn des Rennens. So war schon schnell die Spreu vom Weizen getrennt und die Spitzenfahrer konnten ihr Rennen auf Rekordkurs unter sich aus machen. Lediglich Steffen Scholze und Frank Wirth vom Team Rehability konnten noch knapp 10 km den Spitzenfahrern folgen, mussten dann aber vor dem großen Verfolgerfeld mit ca. 25 Fahrern abreißen lassen und zu zweit versuchen, nicht von dem Hauptfeld verschluckt zu werden.

 

Bei den Frauen fehlte die Weltmeisterin Eskau, die ebenso wie Lilie Angreny aus Bochum und Max Hauch vom Team Rehability zur Qualifikation für die WM in Italien am gleichen Tag nach Freiburg zur DM mussten. Da dies der Verband so zwingend vorschrieb, stellt sich die Frage, welchen sportlichen Wert eine DM eigentlich hat. Wenn die versammelte Spitze an einem der wichtigsten und schnellsten Rennen mit dem größten Starterfeld seinen Termin schon vor der DM festlegte, dann kann man nur den Kopf schütteln. Ignoranz und komplette Unfähigkeit oder der Versuch einer Machtprobe, wer wichtiger in der Szene ist? Jedenfalls haben die Handbiker demonstriert, was sie vom DBS halten und sind in HD gestartet.

 

So haben die Damen mit Monique van de Vorst, die nach der neuen HCT Regel entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit liegend fahren musste und Sabine Fischer, außer Konkurrenz startend in kniender Position und als Läufer die Akzente ohne viel Konkurrenz setzen können. Sabine als Newcomer und Senkrechtstarter mit enorm viel Ehrgeiz hatte denn auch gleich Arbeit und Freizeit bei Rehability gefunden und startet natürlich auch für das Team aus Weinheim.

 

In der zweiten Gruppe wurde in der ersten Runde kräftig auf die Tube gedrückt und die Steigung nach Neckargemünd mit dem sonst im Training ambitionierten 27 km/h mit teilweise über 30 km/h bewältigt um gleich danach auf dem etwas abfallenden Stück nach Ziegelhausen fast 60 km/h Tempo zu machen. Die Spitzengruppe fährt da bereits in Heidelberg ein und liegt auf Rekordniveau. Jetzt gilt es, die zweite Runde so anzugehen, dass keiner zuviel Führungsarbeit leistet, sonst wird er am Ende durchgereicht.

 

Das Hauptfeld macht es sich denn auch gemütlich. Da keine Chance auf die Spitzengruppe und keiner für die anderen die Arbeit machen will, dümpelt plötzlich das Tempo zwischen 30 und 38 km/h. Nix für Bestzeiten. Aber Zeit für die Taktiker. Immer die Kontrolle behalten und jederzeit dabei sein, wenn einer ausbricht. So hatte Chris Petersen, Chef von Top End aus den USA und Fußgänger in Knieposition einige Zeit die Führungsarbeit geleistet, aber da keiner sonst nach vorne wollte, sich wohl entschieden, im Feld “mitzuschwimmen”. Es war klar, entweder noch vor Neckargemünd oder nach der Überfahrt der Brücke zu Kleingemünd wird er dem Treiben ein Ende machen und versuchen, das Feld loszuwerden. Und es kam genau so. Nur leider mit so viel mehr Speed, dass nur mit einigem Abstand eine Handvoll Fahrer folgen konnten. Chris machte aber nicht schlapp. Jetzt oder nie, sonst war der Kraftaufwand umsonst und so ließen sich die Verfolger wieder einfangen, denn das Tempo durchzuhalten und selber im Wind, war denn doch zu großes Risiko. Und so trieben sie wieder dahin…

 

Vorne ging es dafür zur Sache. Es war klar. Es wird ganz eng. Ob der Rekord fällt oder nicht, hängt von einigen wenigen Sekunden ab. Das Feld hat geschuftet, Vico für den Polen, beide Team Sopur Fahrer viel Führungsarbeit geleistet und so ging es mit teilweise 50 km/h nach der leichten Abfahrt in Richtung Marathonzeitmessung. Es war, um es kurz zu machen, weniger als ein Wimpernschlag. Sage und schreibe 0,3 Sekunden haben Vico Merklein am Ende gefehlt, die Stunde zu knacken und so bleibt es noch bei der Aufgabe, diese Zeit bei einem der nächsten Rennen zu unterbieten. Der Pole Arkadiusz Skrzypinski hat als Sieger des 10. Heidelberger-Rollstuhl-Marathon eine neue Duftmarke gesetzt und wird so schnell nicht zu schlagen sein.

 

In der Zwischengruppe Steffen Scholze und Frank Wirth ging die Rechnung auf. Gute Teamarbeit hat auch dank der Bummelfahrt des Hauptfeldes den Abstand halten lassen und kamen mit tollen 1.09 Std ins Ziel, so dass es im Verfolgerfeld nur noch um die Plätze ging. Da die Straße nach Heidelberg extrem eng ist, und keiner den anderen so ohne weiteres vorbeiziehen lassen wollte, kam es immer wieder zu haarsträubenden Szenen, vor allem, wenn überrundete Fahrer mit Einhängerädern auf der Strecke waren. Ziemlich orientierungslos kreuzten diese vor dem Feld die Straße und statt Platz zu machen, richteten diese oft nur Verwirrung an. Leider auch mit einem Unfall, der dem hinteren Teil des Feldes den Anschluss kostete. So waren zum Schlusssprint denn Peter Glaese aus Heidelberg, Andreas Lehmann und Michael Heil, beide Team Rehability mit der Nase am Ende vorn.

 

Selbst die Zeit von 1.11.45 std. für das Verfolgerfeld war noch respektabel wenn man bedenkt, dass da vorne nur Profis oder zumindest Halbprofis am Werke sind, die sich ganz auf den Sport konzentrieren können. Vor 2 Jahren war die Bestzeit noch bei 1.05 und vor 4 Jahren 1.08. Std.

 

Einen weiteren Meilenstein setzte Heini Köberle aus Bammental, der mit sage und schreibe 62 Jahren noch immer nicht vom Marathon lassen kann und will. Und dass er noch immer jedes Jahr nach Japan, Australien und Hawaii eingeladen wird, die dortigen Marathons als Tetraikone zu fahren, ist nach der neuen Weltbestzeit von 1.51 Std. in Klasse A1 eindrucksvoll bestätigt worden.

 

Toller Sport, tolles Wetter und viele Zuschauer. Ob das in Freiburg auch so war???

 

Michael Heil

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David Stähle

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