Im Wald hört dich niemand schreien…

Mobilitätstraining in Schönau / Pfalz am 23.-25.10.2009

 

Ein Bericht des Teilnehmers Jürgen Bernhard

 

Man stelle sich folgende Situation vor: Vor kurzem ist man erst in den Rollstuhl gekommen und ist mit seinem Hilfsmittel noch nicht so recht vertraut, da begegnen einem in der vertrauten Umgebung schon wieder stufenhohe Bordsteine. Was tun, wenn man alleine unterwegs ist? Natürlich kann man auch einen Passanten fragen, aber selbst in einer belebten Straße kann es manchmal ziemlich lange dauern, bis sich jemand hilfsbereit zeigt. Für solche und andere Fälle war das Mobilitätstraining in Schönau in der Pfalz vom 23. bis 25. Oktober genau die richtige Anlaufstelle. Schon die äußeren Rahmenbedingungen stimmten. Das Trainingsgelände lag tatsächlich idyllisch mitten im Wald, vollkommen abgeschirmt von der Nutzung elektronischer Medien. Die Tagungsstätte Heilsbach ist barrierefrei und bot uns vor allem mit einer besonders steilen Rampe, einer kleinen Stufe im Außenbereich und einer gut ausgestatteten Sporthalle zahlreiche Möglichkeiten zum Trainieren. Damit die Teilnehmer auch eine genaue Vorstellung von dem hatten, was jeder Einzelne mit seinen unterschiedlichen Behinderungen alles anstellen kann, waren uns die erfahrenen Trainer Anja Majer und Thomas Weinsheimer an die Seite gestellt, die eine Fußgängerin, der andere Rollstuhlfahrer. Schon am Anreisetag ging es morgens um 10 Uhr los. Dabei ließ man es allerdings zunächst noch gemütlich angehen, als die Teilnehmer in einer Vorstellungsrunde sich und ihre Ziele darstellten, die so unterschiedlich waren wie die Entstehungsgeschichten ihrer Behinderung. Da die meisten schon längere Zeit im Rollstuhl saßen, erschien unsere erste Übungseinheit – schnelles Vorwärtsfahren mit möglichst entspannten Armbewegungen – wie eine leichte Aufwärmübung, doch schon hier hatten Thomas und Anja für manchen Teilnehmer Verbesserungsvorschläge. Es folgten gekonntes Abbremsen, Drehübungen und die ersten Kippübungen. Hier erwies es sich als ein Segen, dass noch einige weitere Fußgänger dabei waren (mancher Teilnehmer war in Begleitung angereist). Nicht alle beherrschten das Kippeln oder waren sich darin sicher, so dass manche schon die ersten „Treppenstufen“, die zum Glück nur Matratzen waren, erklommen, während andere erst einmal das Kippeln und Balancieren auf zwei Rädern übten. Anja zeigte sich dabei als sehr geduldige und psychologisch geschickt arbeitende Kursleiterin, die beharrlich auf fortwährendes Üben setzte Thomas wiederum übernahm dabei eher die Rolle des motivierenden Entertainers, der unter anderem auf amüsante Art und Weise spektakulär wirkende Tricks und einige spaßige Gimmicks nahebrachte – oder wann dreht man sich freiwillig im Kreis oder dreht sich an einem Seil ziehend immer wieder rundherun?

 

Zur Arbeit gehört nämlich auch, dass man im Idealfall Spaß daran hat. Dafür sorgten einige kleine Mannschaftsspiel-Einheiten, die entfernt an Basketball erinnerten (nicht immer regelkonform….), und erst recht die gemütlichen Abende im Kaminzimmer der Tagungsstätte. Thomas heizte uns dabei mit sehr viel Holz im Kamin ein und ließ uns richtig warm ums Herz werden. Dabei flossen nicht nur Wein und vereinzelt Jägermeister, sondern vor allem Informationen unter den Teilnehmern, ob es um Kochen ging, Reisen, Inko-Artikel oder um das leidige Thema Hilfsmittelversorgung und diverse Kämpfe mit den gesetzlichen Krankenversicherungen.

 

Der Samstag brachte für jeden neue Herausforderungen und so manche Grenzüberschreitung. Für einige ging es besonders um kleinere Bordsteine, die anderen widmeten sich schon Begrenzungen in Treppenstufengröße. Zum Glück waren es Matratzen, und zudem war jeder Rollifahrer durch einen Fußgänger abgesichert, falls man wider Erwarten doch umkippen sollte. Das passierte höchstens in anderen Situationen (und meistens Fußgängern…), und selbst für diesen Fall gab es einige Notfalltipps, zum Beispiel, wie man sich selbst wieder aufrichten kann oder wie man im Falle des Überkippens gegensteuern kann. Bei gemeinsamen Übungen, beispielsweise einem Slalom und einem Hindernisparcour der besonderen Art am Sonntag, in dem das Gelernte präsentiert werden konnte.

Etwas erfahrenere Teilnehmer übernahmen in den Einzelübungen teilweise selbst die Trainerrolle – und das war das Tolle am Mobilitätstraining: Es lebte von der Gruppe und dem gegenseitigen Austausch. Das Treffen bot für jeden etwas, für den Rollstuhl-Neuling ebenso wie für den erfahrenen Rollifahrer.

 

Jürgen Bernhard

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