17.03.2010 – Tagebuch Handbiketrainingslager Portugal 2010

Gruß aus der Wetterküche

Scheiß Wetter. Zuhause in Deutschland hatte es – 13 ° C am Abflugtag, Montag, den 8.3.2010. Am Ziel, Faro an der Algarve hatte es da schon leidliche 13 ° C. Soviel zum Aggregatszustand der feuchten Luft, die trotz allem zumindest bei der Ankunft recht dick war. Wolkig, ja. Bei der Ankunft im Hotel Alfamare bei Albufeira, das wir schon vor 2 Jahren gebucht hatten, kommen mir und 4 Mitfliegern mit Ryanair die bereits fußkratzenden Teammitglieder in ihren Handbikes entgegen und gleichzeitig fängt es an zu tröpfeln. 30 min später, wir sind gerade mit dem Ausladen fertig, laufen die Jungs auch schon triefnass und dreckstarrend wie die Ferkel wieder ein. Nix Training. Saukalt und Lust auf den Straßendreck im Gesicht hatte offensichtlich keiner. So ginge es schon die letzten 3 Tage. Die Ersten sind immerhin schon seit Freitag da. Nun denn: sollten das die ersten verregneten Trainingstage in Portugal seit unserem Start in 2005 sein???

Entree

20 Teilnehmer hatten sich wieder angemeldet zum mittlerweile 6. Portugal Aufenthalt des Teams Rehability. Dabei erstmals auch 2 Fahrerinnen aus Münster und Osnabrück sowie unserem Teamclown und Maskottchen Maylon, einem amerikanischen Veteranen, 61 Jahre und eine Menge Lebenserfahrung und Geschichten im Gepäck, der allerdings rein konditionell noch Gefreitenstatus hat. Meine Befürchtung, er werde so kaum das Hotelgelände verlassen können, zumal bereits nach einem Kilometer der erste kleine Berg beginnt, der morgendliche Muskelschmerz schon zu Beginn jeder Ausfahrt, bewahrheitet sich leider. Aber Maylon ist glücklich, überhaupt hier im relativ wärmeren Portugal sein zu können. Als farbiger Südstaatler, der seit einigen Jahren in Deutschland seine Armeepension genießt, ist es zuhause entschieden zu kalt.

 

Der Rest zieht sich schon mal warm an. Ohne Regenklamotten im Gepäck und viel Hoffnung auf trockenen Straßenbelag kommt man erst gar nicht aus dem Hotel. Peter, Kontroller und ebenfalls chronisch im Trainingsrückstand hat schon einen Platten, bevor es losgeht. Schnell gewechselt hat er schon 2 Kilometer nach dem Start den nächsten Plattfuß. So soll das im Laufe der nächsten Tage weitergehen und mit schließlich 5 Plattfüßen hat allein er den Pannenrekord der Portugalfahrten der letzten Jahre für sich gebunkert. Aber wenn es schon nicht mit Tempo geht, dann halt so. Ehrenhalber sollte aber ein großes Lob für den tangentialen Partner von Teamgründer Michael Heil beim gemeinsamen Berlinmarathon-Einlauf im letzten Jahr gezollt werden, nachdem beide ihre Freundschaft vor 25 Jahren bei eben diesem Marathonerlebnis begannen, das bis jetzt neben geschäftlicher eben auch sportlichem Treiben gehalten hat.

First Course

Wenn Engel reisen… Also ich weiß gar nicht, was die haben. Ist doch alles schön hier. Kein Regen, mäßige 14-16° C und abgesehen, dass ich mir 2 Halswirbel bei der 2. Ausfahrt gebrochen habe, ging alles ziemlich ordentlich über die Runden. Alex, unser fliegender Monteur mit riesigem Leistungssprung in diesem Jahr zieht es zumindest zu Beginn der Trainingseinheiten vor, seinen lädierten Ellbogen zu schonen und bleibt im Windschatten. Als wir auf eine Kreuzung zufahren und ich sicherheitshalber lieber stehen bleibe, knallt Alex ungebremst in meinen Auffahrschutz und verbiegt ihn dermaßen, dass neben meinem Halsbruch auch der Bügel zu verbogen ist, dass mit Weiterfahren nichts ist. Es dauert dann auch knapp 20 Minuten, bis dieser abmontiert werden kann. Dann fahren wir mit steifem Hals die restlichen 1,5 km zum Hotel zurück. Alex ziemlich kleinlaut im Windschatten, was er bei meiner Ankunft im Hotel leider nicht mehr ist. Auch keine 20 Minuten später. Ich mache mir Sorgen. Er wird doch nicht auf der Abfahrt vor dem Hotel aus der Kurve geflogen sein? Immerhin erreichen wir zum Ende der Trainingsfahrten noch mal ca. 50 km/h und dann geht es eine 90° Kurve ziemlich scharf rechts ab. Ich schicke Frank, der noch unterwegs mit der 2. Gruppe ist los, Alex in den Büschen zu suchen. Ich denke ja mal nicht, dass er sich nicht nach Hause traut. Nach rund 40 min trudeln beide ein. Alex hatte doch einen Platten vom Crash und weil der schleichend war, hat er den Anschluss an mich verloren und 500 m vorm Hotel auch gleich die Orientierung. Weil kein gelernter Pfadfinder oder grundsätzlich ohne Navi hilflos wie ein Maulwurf (man könnte auch sagen, wer dauernd nur im Windschatten fährt, verpasst auch nach dem 10. mal die einfachsten Abfahrten – gell Christian….!!) So musste Alex eben Reifen wechseln und Orientierungslauf in der Umgebung unseres Hotels absolvieren, bis er zufällig Frank über den Haufen… eh Weg fuhr. Nun ja, besser als wie ein Maikäfer in den Büschen oder wie Jörg Radoben mitten auf der Straße liegend, weil vom rechten Weg abgekommen und auf kerzengerader Bundesstraße das Lenkrad verrissen. Ergebnis – Stau, Abschürfungen, einen 8er und jede Menge Kopfschüttler.

 

Aber auch so ist uns Aufmerksamkeit an der Algarve gewiss. Wie viele Autofahrer ihr Fahrzeug am Straßenrand abstellen und ihre Fotokameras zücken, ist schon beeindruckend. In etwa so, wie die Damen des horizontalen Gewerbes an nicht wenigen Stellen bereits um 11 Uhr vormittags ihrem Geschäft nachgehen. Wenigstens originelle Unterhaltung beim manchmal recht eintönigen Kurbeln.

Main Course

Maylon ist in seinem Element. Wenn er nicht trainiert, und das ist der Großteil des Tages, dann unterhält er Hotelgäste, Pausierer und vor allem die Kids, die ihn bald lieben lernen. Er ist der ideale Urlaubsonkel und Tischunterhalter, und wenn er stolz seine gefahrenen Tageskilometer zum Besten gibt, dann kommt die ca. 10 fache Tagesleistung der restlichen Fahrer fast schon mickrig vor. Sein Ziel von 100 km während der 8 Tage sind denn auch ambitioniert und er wird sie auch knapp verpassen, dafür ist er stolz wie Harry, dabei zu sein.

 

Die beiden Mädels, immerhin mit einigen Marathons vorbelastet und mit dem besten Bikematerial ausgestattet, wollen sich schon zu Beginn trotz Trainingsrückstands keine Blöße geben und keulen den Hausberg hoch, als wenn er nicht da wäre. Schnell angefangen und einen guten Eindruck zu hinterlassen kostet aber Kraft und die geht dann zum Ende einer immerhin 40 km langen ersten Tour doch ziemlich rapide aus. Aber immerhin, sie steigern sich von Tag zu Tag und finden immer wieder dankbare Trainingspartner, die diese anstrengenden Tagestouren mit leichteren Einheiten abwechseln. Insgesamt kann man feststellen, dass das Trainingsniveau wesentlich besser ist und die Homogenität in der Gruppe eine bessere und höhere Fahrleistung aller Mitfahrer zulässt. Mit teilweise 10 Fahrern in der Gruppe beim 100 km Trip, mit Gegenwind und leichter Steigung trotzdem noch 25-27 km/h geordnet und diszipliniert durchzuhalten ist ein großes Lob wert. Das hatten wir schon anders…

Sorbet

Unsere Physio ist da. Sandra Wolf, die auch am 26.3. beim Bernd-Best-Turnier in Köln mit ihrer KG-Schule die Teddys aufmischen, äh massieren wird, möchte Erfahrungen mit Handbikern sammeln und wo könnte sie das besser als hier an der Algarve, wenn nach gefühlten 150 km die Knochen wehtun und die Muskeln ihren Dienst schon bei der Kaffeetasse einstellen wollen. Mit ihrer fröhlichen und KG-technischen Art, die Schmerzen noch erheblich zu steigern, gehört sie bald zum festen Bestandteil des Teams. Könnte auch sein, dass sich der eine oder andere eine etwas weniger schmerzhafte Speedbehandlung erhofft? Auf jeden Fall ist sie eine Bereicherung und ich bin sicher, dass sie nächstes Jahr wieder dabei sein wird. Bei – 10°! Zuhause sowieso.

Nachtisch

Was soll man mit einer Bitte anfangen, die vom örtlichen Hostteam kommt und lediglich eine Beteiligung beim Basketballtraining der regionalen Rumpfmannschaft beinhaltet, zumal das Team nur 5 Spieler umfasst. Wir sollen also mit unseren Alltagsrollstühlen 20 Minuten die gegnerische Mannschaft stellen. Nun ja. Nach 100 km Tagesleistung fällt das nicht jedem leicht, schließlich sind die meisten keine Basketballspieler und die Muskeln eh schon übersäuert. Andre und P… zuliebe lassen wir uns denn dann doch nach Portemao abholen und ca. 1 ½ Stunden zum Mitspielen überreden. Überraschenderweise geht das auch ganz gut und dank einer guten Abwehrarbeit können wir sogar mithalten. Dafür tut am nächsten Tag wirklich auch der letzte noch nicht bisher beteiligte Muskel weh. Das nächste Training ist eine Qual.

Über den Autor

David Stähle

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