Mobilitätstraining vom 12.08.2011 bis 15.08.2011 in Schönau

Über das Wochenende vom 12.08.2011 bis 14.08.2011 nahmen meine Freundin und ich am Rollstuhlmobilitätstraining in Schönau teil. Seit fünf Jahren sind wir schon ein glückliches Paar und gehen seitdem durch dick und dünn. Meine Freundin ist seit ihrer Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen.

Seit dem sie einmal bei dem Versuch eine Bordsteinkante hochzufahren mit dem Rollstuhl rückwärts umkippte, traute sie sich nur noch wenig mit dem Rollstuhl zu. Daher übernahm ich fortan die „Kontrolle“ über den Rollstuhl wenn wir unterwegs waren, fuhr sie jeden Bordstein hoch und runter und navigierte sie über Stock und über Stein. Dann wurden wir auf das Mobilitätstraining aufmerksam.

Wir dachten uns, dass so ein Training nicht schaden könnte. Wir starteten also in dieses Wochenende mit dem Ziel, dass meine Freundin selbstsicherer im Umgang mit dem Rollstuhl wird und Alltagssituationen besser bewältigen kann.

 

Demnach brachen wir am Freitag nach Schönau auf. An der Jugendherberge bzw. am Bildungszentrum angekommen, welches wunderschön inmitten eines Waldes liegt, machten wir uns auf den Weg zur Rezeption. Dort trafen wir zufällig auf die Trainer Thomas und Anja, welche gleich einen sympathischen Eindruck hinterließen. Um 10:00 Uhr sollte es dann in der Turnhalle mit dem Kurs losgehen.

 

Wir waren angenehm überrascht, wie unterschiedlich doch die Altersgruppen waren. Es gab junge und ältere Teilnehmer/innen, Rollstuhlfahrer/innen, die erst seit kurzem im Rollstuhl sitzen und welche, die bereits seit 40 oder mehr Jahren ihren Alltag im Rollstuhl meistern. Der Altersunterschied störte aber keinen aus der Gruppe. Vielmehr konnten wir an diesem Wochenende viele nette Leute kennen lernen, Erfahrungen austauschen sowie schöne gemeinsame und lustige Stunden miteinander verbringen.

So war es für meine Freundin und mich sehr interessant zu erfahren, wie die anderen Paare denn ihre Wohnung eingerichtet haben. So konnten wir uns einige Tipps holen, die unser späteres Zusammenziehen wesentlich einfacher machen werden. Dafür nochmal ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmer!

 

In der Turnhalle gab es dann eine kurze Vorstellungsrunde, in welcher sich die Teilnehmer vorstellten und ihre Erwartungen an den Kurs mitteilten. Auch die Fußgänger teilten jeweils ihre Erwartungen an den Kurs mit. Meine persönliche Erwartung beispielsweise war die, dass meine Freundin selbstsicherer und selbstständiger im Umgang mit dem Rollstuhl wird und ich einen Einblick davon bekomme, wie sich denn die Welt für sie anfühlt. Da den Fußgängern ebenfalls Rollstühle ausgehändigt wurden, konnte man daher in den kommenden Tagen ein Gespür dafür bekommen, was es heißt, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein; es mit der richtigen Einstellung aber Freude machen kann – sowohl für Rollstuhlfahrer als auch für Fußgänger.

 

Es ging locker mit ein paar „Aufwärmübungen“ los. So wurde uns die richtige Grifftechnik beim Fahren gezeigt, wie man entspannt fährt, dreht und wendet, rückwärts fährt usw.

Ich war überrascht, dass auch die alten Hasen noch das ein oder andere lernen konnten.

Thomas und Anja haben ein gutes Auge für Details und waren immer für einen guten Tipp zu haben, wie man seinen Rollstuhl noch besser beherrscht. Das Gelernte wurde anschließend in einem Spiel umgesetzt.

 

Nun war erst mal Zeit für eine Mittagspause angesagt.

 

Nach der Pause wurde das „Kippeln“ (das Gleichgewicht wird auf die Hinterräder des Rollstuhl verteilt, die Vorderräder befinden sich in der Luft) mit dem Rollstuhl geübt. Mithilfe von Matten und den Fußgängern kippelten die Rollifahrer für die nächsten Minuten fleißig mit ihren Rollstühlen. Anja betreute die Teilnehmer, die noch etwas mehr Übung brauchten. Mit Thomas ging es unterdessen nach „draußen“ auf das Gelände der Jugendherberge. Hier wurde das Kippeln ebenfalls weiter geübt, aber unter „härteren“ Bedingungen als in der Turnhalle. So wurde z. B. eine Rampe gekippt herunter gefahren oder man versuchte sich daran, durch gekippte Haltung des Rollstuhls über eine Wiese zu gelangen. Ich war begeistert, wie schnell meine Freundin den Dreh raus hatte. So habe ich sie in den fünf Jahren kein einziges Mal „kippeln“ gesehen.

 

Abends saßen wir dann in einer gemütlichen Runde zusammen. Anja und Thomas erzählten uns noch einige technischen Sachen, die man als Rollifahren und Fußgänger über einen Rollstuhl wissen sollte. Bei Bier und Wein kam man noch tiefer mit den anderen Teilnehmern ins Gespräch.

 

Mein Fazit nach nur einem Tag beim Mobilitätstraining ist die folgende:

Schon am ersten Tag konnten alle Teilnehmer mit Fortschritten glänzen. Ich habe mich richtig mit den anderen Teilnehmern gefreut. Auf meine Freundin war ich natürlich auch stolz, die es nach dem ersten Tag nicht mehr lassen konnte, ständig und überall zu kippeln.

 

Und schon begann der zweite Tag. Nun wurde in der Turnhalle ein Parcours aufgebaut, der das herauf- und herunterfahren von Bordsteinen simulierte und auch zwei kleine Rampen enthielt. An dieser Station konnte man mit Thomas und einem Fußgänger üben, während sich Anja weiterhin um die Teilnehmer kümmerten, die erst noch das Gespür für das „kippeln“ bekommen mussten. An dieser Station tobte sich meine Freundin und andere Teilnehmer bis zum Mittagsessen aus. Auch nach dem Mittagsessen übten sie fleißig weiter – mit einem Ehrgeiz, den ich selten erlebt habe. Später wurde dann noch der Rollstuhl gewogen. Hierbei haben Anja und Thomas wieder wertvolle Tipps für Rollstühle. Der zweite Tag wurde auch durch zwei Rollstuhlbasketballspiele bereichert. Dies hat wirklich viel Spaß gemacht. Bevor man sich am Abend wieder in der geselligen Runde befand, haben wir zunächst in der Turnhalle noch ein bisschen Spaß zu Musik gehabt. Man hat getanzt, ist wild umher gefahren und hatte einfach „Spaß“.

 

Nun war auch schon der dritte Tag angebrochen und bald hieß es Abschied nehmen. Aber zuerst ging es mit allen Teilnehmern raus an die frische Luft. Hier wurde nun auch das herauf- und herabfahren an einem „realen“ Bordstein geübt. Ebenfalls, wie man eine Treppe alleine rückwärts herunterfahren kann. Es gab auch wertvolle Tipps, wie man am besten mit vereinten Kräften einen Rollstuhl die Treppe hoch oder runter bekommt.

 

Zum Schluss gab es eine Abschiedsrunde. Haben sich unsere Erwartungen erfüllt? Das haben sie. Wurden sie übertroffen? Und wie!

Jeder der ca. 20 Teilnehmer machten in diesen drei Tagen unglaubliche Fortschritte. Hatten manche Teilnehmer am ersten Tag noch Probleme einen Bordstein hochzufahren, konnten sie nun schon rückwärts eine Treppe runter fahren.

 

Es ist natürlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Aber meine Freundin und ich üben fleißig weiter. Als wir neulich spazieren waren, ist sie jeden Bordstein selbstständig hoch und runter gefahren – etwas, was ich vor dem Kurs nie für möglich gehalten hätte.

 

Ich kann diesem Kurs wirklich noch herzlichst empfehlen. Anja und Thomas machen ihren Job super und sind auch für alle Fragen offen. Die individuelle Betreuung der beiden war einfach super.

Empfehlen kann ich den Kurs für wirklich jeden. Egal ob schon seit Jahren an den Rollstuhl gebunden, oder erst seit kurzem – dieser Kurs bringt einen weiter. Auch für Paare, die noch nicht lange mit der Situation leben, dass der Partner im Rollstuhl sitzt, ist dieser Kurs genau das richtige, um das Thema Rollstuhl anzugehen und gemeinsam zu durchleben.

 

Ich freue mich jedenfalls darauf, mit meiner Freundin nochmal so einen Kurs zu besuchen.

 

Aaron Ruffing

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