Südwestpfalz barrierefrei – Landesweit erste Urlaubs- und Freizeit-Broschüre für behinderte Menschen

56 bunt bebilderte Info-Seiten

Mit einer Begegnung auf dem Bärenbrunnerhof bei Schindhard im Spätjahr 2010 hat alles angefangen. Damals traf Michael Schreiner, genannt „Mitsch“, aus Dahn, der aufgrund eines Autounfalls seit mehr als drei Jahrzenten im Rollstuhl sitzt und trotz seines Handicaps auf dem gesamten Globus unterwegs ist, mit Matthias Rösch zusammen. Der in Mainz lebende Mitarbeiter des Sozialministeriums ist häufig in der Südwestpfalz zu Gast: In Bundenthal hat er eine Ferienwohnung entdeckt, die genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Da waren die beiden auch schon beim Thema: Wie findet ein körperbehinderter Mensch eigentlich eine solche Unterkunft? Und wo kann er hier zwischen Felsen und Wäldern etwas unternehmen, wenn er mit dem Rollstuhl unterwegs ist? Die beiden Männer wussten aus Erfahrung: Bei den Fremdenverkehrsämtern und Tourist-Informationen ist darüber kaum etwas zu erfahren.

Aus diesem Gespräch entstand eine Idee, die jetzt in die Tat umgesetzt wurde – in Form einer Broschüre, die über Freizeit- und Urlaubsmöglichkeiten für behinderte Menschen in der Region Pfälzerwald und die angrenzenden Gebiete informiert. Das 56-seitige Info-Heft ist nach Auskunft aus dem Mainzer Sozialministerium landesweit das erste seiner Art. Herausgeber ist der Landkreis Südwestpfalz. Die Broschüre ist in einer Auflage von 10.000 Stück erschienen und ist kostenlos bei den Tourist-Informationen der Kreisverwaltung Südwestpfalz und den Verbandsgemeindeverwaltungen des Landkreises Südwestpfalz erhältlich. Sie steht auch als Online-Blätter-Version im Internet unter www.pfalz-barrierefrei.de zur Verfügung.
Erstmal der Öffentlichkeit vorgestellt wird die Broschüre am Freitag, 27. April, um 11 Uhr im Haus des Gastes in Dahn im Rahmen einer Pressekonferenz. Dazu lädt die Kreisverwaltung Südwestpfalz die Vertreter der Medien herzlich ein. Für die Beantwortung von Fragen steht Ottmar Miles-Paul, Landesbeauftragter Rheinland-Pfalz für die Belange behinderter Menschen, zur Verfügung, der für die Vergabe der Stiftungsmittel des Förderprogramms der Sparda Bank verantwortlich war. Weitere Auskünfte geben Martin Hartwig von der Südwestpfalz Touristik und Rolli „Mitsch“ Schreiner, der über manch kuriose Erfahrungen bei der Vorarbeit zu der Broschüre in einer kurzen Power-Point-Präsentation informiert.

Barrierefreiheit persönlich getestet

Bei Schreiner lag der größte Teil der akribischen Vorarbeit, die bis zur Drucklegung erforderlich war. Für die Datenerhebung war er sechs Monate lang im Rahmen eines Minijobs bei der Kreisverwaltung Südwestpfalz beschäftigt. Denn „nicht überall, wo barrierefrei draufsteht, ist auch barrierefrei drin“, erzählt der Diplom-Vewaltungswirt Martin Miller vom Arbeitskreis Barrierefreier Landkreis Südwestpfalz – auch er sitzt seit seinem 17. Lebensjahr im Rollstuhl -, der von Anfang an in das Projekt einbezogen war. Deshalb galt es, alle Touren, Einrichtungen und Adressen vor der Aufnahme in  die Broschüre auf Herz und Nieren zu püfen, ob sie denn auch wirklich die Bezeichnung „behindertengerecht“ oder „barrierefrei“ verdienen. „Mitsch“ Schreiner, der den Winter über in Asien lebt und dort unter anderem ehrenamtlich die Kinderhilfe Philippinen unterstützt, war im vergangenen Jahr mit Begeisterung dabei, den Sommeraufenthalt in der Heimat damit zu verbringen, die erforderlichen Daten zusammenzutragen. „Jede Tour, jede Einrichtung, jede Gaststätte, haben wir persönlich geprüft, bevor sie in die Broschüre aufgenommen wurde“, sagt Martin Miller. Wir, das waren neben Schreiner und Miller auch das Rollstuhl-Model Nicole.
Den persönlichen Test bestanden schließlich 118 von rund 200 Einrichtungen, Ausflugszielen, Einkaufsorten, Bankautomaten und Sportstätten. Behinderte Menschen können sicher sein, dass sie dort nicht nur willkommen sind, sondern sich auch ungehindert bewegen können, ebenso in den genannten Restaurants, Cafés und Gaststätten. Aus all diesen Daten entstand in Zusammenarbeit mit Betroffenen, mit Fachleuten aus Touristik und Verwaltung und mit finanzieller Unterstützung des Programms „barrierefrei, inklusive & fair“ der Sparda-Bank-Stiftung ein üppig bebildertes und höchst informatives Heft. Verlegt wurde es beim Kuntz-Verlag in Gleiszellen-Gleishorbach, Verleger Manfred Kuntz zeichnet auch für die Fotos verantwortlich.

Tandemsprünge und Baumklettern für Behinderte

Wer in der Broschüre blättert, wird erstaunt sein über manche Einrichtung, die sich hier als komplett oder größtenteils barrierefrei präsentiert, etwa das Biosphärenhaus in Fischbach mit seinem 270 Meter langen Baumwipfelpfad in 18 bis 35 Metern Höhe, das Grenzlandbähnchen in Wissembourg, das im mittleren Waggon Plätze für Rollstuhlfahrer vorhält, einige Hütten des Pfälzerwaldvereins, die, wenn auch manchmal steil, aber doch schwellenfrei zu erreichen sind, der Flugplatz Schweighofen, der Tandemsprünge für Behinderte ermöglicht, der St. Anna Stollen im Besucherbergwerk Nothweiler , der das Einfahren auch mit Rollstuhl erlaubt, oder die Tourismusagentur Pfalz, deren Inhaber, beide gelernte Krankenpfleger, Baumklettern auch für Menschen mit Behinderung anbieten.
Groß geschrieben wird die Barrierefreiheit in der Stadt Dahn. So wurde das Felsland-Badeparadies vor einiger Zeit behindertengerecht umgebaut, und das Tester-Team bestätigt der Stadt eine gute Infrastrukturk, die es den Bewohnern ermöglicht, Alltag und Freizeit weitestgehend eigenständig zu gestalten. Behindertenfreundlich sind auch die Südpfalz-Therme in Bad Bergzabern und das Wasgau-Freibad in Hauenstein.

Übergang an der Grenze zu Frankreich bald barrieriefrei

Auch auf Wanderstrecken waren die Tester unterwegs; neun für Rollstuhl oder Handbike geeignete Touren im Dahner Felsenland, im Elsass, in der Vorderpfalz und im Zweibrücker Land, die auch Menschen mit Handicap gut bewältigen können, werden, teilweise mit Karten, beschrieben und bewertet. Aus dem Streckentest resultierte schließlich ein Nebeneffekt, der auch Radwanderern gefallen wird: Laut Martin Miller soll nach Gesprächen mit den französischen Nachbarn die Brücke über einen kleinen Bachlauf auf dem Pamina-Radweg nahe der Grenze zu Frankreich schon bald durch einen barrierefrien Übergang ergänzt werden.
Nützlich ist der Adressenteil mit Internet-Links, Telefonnummern von Ärzten, Apotheken und Tourist-Informationen und weiteren wertvollen Tipps. Auch einige für Menschen mit Handicap gut geeignete Campingplätze sind genannt. Dagegen ist die Liste der barrierefreien Unterkünfte noch wenig umfangreich. „Wir können nur jedem empfehlen, der eine Ferienwohnung einrichtet oder renoviert, auf Barrierefreiheit zu achten“, sagt Martin Miller. „Das ist mittlerweile ohne großen Kostenaufwand möglich“. Der Arbeitskreis Barrierefreier Landkreis Südwestpfalz stellt dafür gerne Informationen zur Verfügung.
Nach wie vor ist das Herausgeber-Team an Daten von barrierefreien Angeboten, Einrichtungen und Ferienwohnungen interessiert. Denn die nächste Auflage der Broschüre ist schon geplant. Sie könnte in anderen Regionen Nachahmer finden – die Mitarbeiter stehen dafür gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Kontakt:
Martin Miller
Arbeitskreis Barrierefreier Landkreis Südwestpfalz
Kreisverwaltung Südwestpfalz
Unterer Sommerwaldweg 40-42
66953 Pirmasens
Tel. Nr.: 06331-809-235
Fax: 06331-809-273
E-Mail: m.miller@lksuedwestpfalz.de

Über den Autor

Steffen Rupp

4 Rückmeldungen an “Südwestpfalz barrierefrei – Landesweit erste Urlaubs- und Freizeit-Broschüre für behinderte Menschen”

  1. Nicole Güldal

    Jul 04. 2012

    Südwestpfalz barrierefrei ist ein genial durchdachter Reiseführer mit allen wichtigen Informationen bezügl. übernachten und welche Aktivitäten kann ich mit Rollstuhl oder Handicap machen, alles genau beschrieben! Die Südwestpfalz ist echt ein Urlaub wert mit interessanten Aktivitäten in einer wunderschönen Landschaft. Bin Rollstuhlfahrerin und hatte das Glück dort aufzuwachsen. Fahrt hin und schaut es Euch an! Viel Spass!! Grüße Nicole

  2. monika doberauer

    Jul 12. 2012

    hast du auch erfahrung wie komme ich mit rollstuhl erst mit der bahnd ann mit dem flugzeug von wiesbaden nach berlin??

  3. Eduard Kraft

    Feb 20. 2014

    Hallo,
    wunderbar wenn man barrierefreie unterkünfte buchen kann, aber es gibt fast garkeeine Informationen über barrierefreie Gaststätten,Lokale etc.
    Im Urlaub möchte man auch essen!!

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  1. Barrierefreier Tourismus in Rheinland-Pfalz | Blog.Liebhaberreisen.de - 22.07.14

    […] Auf diesem Foto scheint die Welt in Ordnung, die abgebildeten Personen im Einklang mit der Natur, der Wein und das warme Abendlicht suggerieren Momente des Glücks. Die Geschichte zu dem oben gezeigten Foto lesen Sie hier […]

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