Schinderei und Glücksgefühle – gemeinsam geht’s!

Weißt Du noch…? So lautet das Motto unserer Umzugs- und Revivalparty am 21.9.2012. Hier machen wir einen Anfang: Wir erinnern uns an eine atemberaubende Reise der KSG Rhein-Neckar ins Österreichische Salzkammergut Das war 1975. Der Elan ist bis heute (glücklicherweise) geblieben.

„Gemeinsam geht’s! Vorne zieht’s und hinten schiebt’s.“ Trekking-Tour-Leiterin Jule Heil gibt die letzten Instruktionen. Aus der Sitzposition heraus müssen die Rollstuhlfahrer ihre Helfer unterstützen. Mit kurzen Trekking Stöcken drücken sie sich Stück für Stück den Berg hinauf. Der Aufstieg auf die Goiserer Hütte beginnt.

„Natürlich ist das für Rollis wie Fußgänger eine ganz schöne Schinderei da hoch“, gibt Harry Höll, der Bergführer von der Alpin-Schule Laserer, zu, „aber oben wartet das Dachsteinpanorama, und auf der Hüttn werdet’s mit Kaiserschmarrn wieder hergestellt.“

Insgesamt gab es für die Trekking-Tour sechs aufregende Bergsportabenteuer zu bestehen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Neben dem Kräfte zehrenden Bergsteigen in Trekking-Bobs, gab es luftiges Gleitschirmfliegen, rasante Wildwasser- und Hundeschlittenfahrten, Handbike-Touren sowie eine atemberaubende Höhlenerkundung auf Spezialkissen.

Dabei wurde dem 18-köpfigen KSG-Rolli-Trekking-Team, darunter acht Rollstuhlfahrer, einiges abverlangt. Neben Teamgeist und Ausdauer war in einigen Situationen auch Geschicklichkeit und gutes Quäntchen Wagemut gefragt. Jeder Rollstuhlfahrer konnte seinen eigenen Teampartner mitbringen.

Harry Höll erklärte zu Beginn die wichtigsten Marschrichtungen in Landessprache: “Auffi, abi, ummi, fieri“, damit ihr wisst’s, wo’s lang geht.“ Doch nun die Alpin Abenteuer der Reihe nach:

Rafting-Randale

Im „Frühtau zu Berge“ pfeift am Montagmorgen im Bundessport- und Freizeitzentrum Obertraun keiner, gilt es doch, die Vorspann- und Handbikes bei spätsommerlichen zehn Grad startklar zu machen. Helme auf. und auf geht’s zum Hallstätter See, wo das Übersetzen in die Rafting-Boote läuft und die signalfarbenen Sicherheitswesten angelegt werden. An die Paddel fertig los, zwei Rafting-Boote mit Platz für zehn Paddler steuern die wilde Traun hinunter. Die Strömung an diesem Morgen, moderat aber dennoch gefährlich, denn kaum haben die zwei Teams ihre Boote einigermaßen auf Kurs, fühlen sie sich zum Entern aufgefordert.

Wie das endet, war abzusehen: Wer nicht durch die Strömung mal über Bord geht, wird von seinen Bootskollegen oder anderen Leichtpiraten über Bord befördert. Pitschnass und putzmunter zieht der Tross zurück in die Sportschule Obertraun. Das Grinsen steckt den Teilnehmern in den hintersten Mundwinkeln, Bilbo Beutlins Satz, wonach Abenteuer scheußliche, unbehagliche Sachen seien, die nur dazu führten, dass man zu spät zum Essen komme, bestätigen sich nicht.

Alpenpanorama satt

Beim Frühstück keine Spur von Müdigkeit, denn beim Stichwort Paragliding leuchten die Augen aller Teilnehmer. Doch vorher gilt es, mit den Paramounties, den von BeRollKa eigens für die Tour hergestellten Trekking-Bobs, die 150 Höhenmeter vom Bergrestaurant bis zum Startplatz Graskogel zu überwinden. Jule Heils Satz „Gemeinsam geht’s“ klingt noch in den Ohren, da stoßen, ziehen und schieben alle Rollis und ihre Helfer sich und die Bobs „auffi“.

Vorbei an den verblüfften Spaziergängern, die ungläubig schauen, als wären sie eben Zeuge einer Mondlandung geworden. Auf 1.700 Metern Höhe wird’s ernst: Vom Bob auf die Wiese und von da in die für Tandemflüge üblichen Sitzgurte. In den Sonnebrillen der Fluglehrer spiegelt sich der strahlend blaue Himmel, Sonne satt und dank leichtem Föhn zieht der Wind die Paras schnell auf 1.800 Meter.

Alpenpanorama pur. Dachstein, Krippenstein und Gosauerkamm liegen aufgereiht wie Spielzeugalpen unter uns und im glasklaren Wasser des Altausser Sees spiegelt sich das angrenzende Bergmassiv. Freudenschreie und Jodelversuche im Flugwind. Wem jetzt der Atem stockt, den erinnert das Herzklopfen bei der Landung an zügiges Ein- und Ausatmen. Dank hervorragender thermischer Bedingungen gelingen die Landungen einfach, und alle haben wieder festen Boden unter den Füßen.

Fliegende Hunde

Zeit zum Durchschnaufen gibt’s anschließend wenig, weil in Obertraun schon die Huskies hecheln und Rolli-Trekking schließlich keine Kaffeefahrt durch die Lüneburger Heide ist. Kaum sind aus der Meute von 18 Schlittenhunden sechs ausgesucht und angeleint, beginnt bei den verbleibenden ein Jaulen, als dürften sie nie wieder mit ihrem Musher, so nennt man den Hundführer, Schlittenfahren. Waldwege werden zu Rennpisten. In den Kurven hat der Musher Mühe, die Meute auf dem Weg zu halten. Festhalten und Gewicht rechtzeitig verlagern. Nicht auszumalen, wen das Sextett beschließen sollte, einem Hasen ins Unterholz zu folgen.

Nach 30 Minuten über glitschige, Laub bedeckte Forstwege gönnen die Hunde den Fahrern eine Pause. Royal Canin heißt das Teufelszeug, das die Hunde zum Fliegen bringt, teilt uns der Musher mit. Apropos fliegen, fahren… Feiern ist anschließend angesagt. Zur Gitarrenmusik (Mundorgel sei dank) werden Songs von „Countryroads“ bis „Über den Wolken“ geschmettert.

Alle oben, alle glücklich

Am Tag darauf der Aufstieg zur Goiserer Hütte. Zur Bewältigung des sechsstündigen Aufstiegs werden weitere freiwillige Helfer, von den Rollis liebevoll Mulis (Maulesel) genannt, engagiert. Die erste Etappe bis zur Iglmoosalm kann noch in Rollstühlen mit Stollenbereifung und Zugleinen bewältigt werden. Für alle Beteiligten ist das der Auftakt zur Überwindung der knapp 900 Höhenmeter. Jetzt sind nun die Trekking-Bobs unverzichtbar.

Meter für Meter schiebt sich der Tross die nächsten Stunden in Richtung Gipfel. Die sommerlichen Temperaturen und die Sonneneinstrahlung machen den Aufstieg zur Ausdauerprobe. Bei aller Anstrengung belohnen kurze Seitenblicke auf die umliegenden Almen und Gipfel, der immer anstrengender werdende Aufstieg zehrt an den Kräften. Der Übergang vom Waldweg über die steilen und holprigen Bergwiesen hinauf zur Goiserer Hütte wird zur Grenzerfahrung für Rollis wie Fußgänger gleichermaßen.

Letzte Reserven werden mobilisiert, durchgeschwitzt und erschöpft geht es über die letzten, in den Stein geschlagenen Stufen auf den kleinen Vorplatz der Hütte. Die umliegenden Gipfel in Augenhöhe, genießen alle das Gipfelglück. Alle oben. Alle glücklich, lassen den Blick schweifen von den Hohen Tauern (mit Großglockner und Wiesbachhorn), über das Tote Gebirge bis zum Höllengebirge, Traunstein, Dachstein….

Das Große Krabbeln

Nicht alles was geht, muss man auch durchziehen. Der Fön soll am nächsten Tag Regen nach sich ziehen. „Selbst bei geringer Feuchtigkeit würde der Weg morgen hinauf riskant, der Abstieg dann spiegelglatt und das ist super gefährlich“, erklärt Harri. Statt Aufstieg zum Kalmberg also zurück ins Tal, direkt in die Sauna der Sportschule Obertraun. Danach ins Bett sinken? Weit gefehlt. Stattdessen den Abstieg in die Koppenbrüller Höhle üben. In der Sporthalle wird im Übungsparcour die Fortbewegung ohne Rolli einstudiert.

Rein in Hüft- und Brustgurte, die robusten Sitzkissen angeschnallt und vorwärts, rückwärts, seitwärts zwischen Turnbänken durchrobben. Mittels zweier Steigklemmen klettern alle am Führungsseil bis unter die Hallendecke. Keine zwölf Stunden später wird in gleicher Ausrüstung, ergänzt durch Stirnlampe und signalfarbene Overalls, die Koppenbrüller Höhle erkundet.

Wasser tropft von den Wänden. Die Stirnlampen sind keine Leuchten. Fünf Kilometer im Bauch des Berges bleiben die Rollstühle zurück und das große Krabbeln beginnt. Der Kurs ist wohl durchdacht, hier sind aber noch nie Rollstuhlfahrer durchgekrabbelt. Dunkelheit und Enge schärfen die Sinne. Eckardt wird als erster in den Schlund abgeseilt, von wo er sich mit Kallis Hilfe den engen und niedrigen Felsspalt entlang bis zur ersten Höhle vorwärts schiebt, drückt, hebelt.

Seine Füße sind zusammengebunden, damit Kalli sie über größere Absätze anheben kann. Er flucht wie ein Kutscher, keucht und zwängt sich vorwärts. Ein großer Felsbrocken hält die beiden minutenlang in Atem. Über ihnen 70 Meter Steine. Zurückgriechen undenkbar. Nach vorne kein Durchkommen. Durch die Overalls steigt schweißgetränkter Dunst empor. Kalli kommt wie Eckardt selbst kaum voran.

Im Schneckentempo am Seil entlang

Schneckentempo. Entlang des Führungsseils stemmen und hebeln sich die beiden Stück für Stück weiter. Zwischenstopp in einer kleinen Höhle. Auf die anderen warten, die sich gleichsam Meter für Meter bis zur kleine Höhle schinden. Nach und nach tauchen die mit Lehm verschmierten Gesichter auf.

Ein Sektkorken knallt gegen die Decke. Blitzgewitter aus den mitgeschleppten Kameras für die Erinnerungsfotos. Die letzten 20 Meter aufwärts durch einen schmalen Schacht sind kein Spaziergang, aber das Licht am Ende des Tunnels mobilisiert die letzten Reserven. Auf den letzten Metern in den orangefarbenen Overalls verrät ein Blick auf die Uhr. 6 Stunden und 13 Minuten unter Tage. „Ganz schön heftig“, schmunzeln Eckardt und Kalli. Gemeinsam geht’s!

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