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Island 1998





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Island-Tour mit dem Handybike

Ein Reisebericht von Jule Graetke und Michael Heil

 

Es ist Juli und saukalt. Schwefelhaltiger Geruch steigt mir in die Nase, der Gestank erinnert sehr an faule Eier. Und doch fühle ich mich wohl und entspannt. Lufttemperatur 10° C, Wassertemperatur 30° C. Ich liege in der blauen Lagune, der wohl berühmtesten Therme Islands und erhole mich von der Handybike-Tour von Keflavik nach Reykjavik. Bis jetzt schlappe 50 km und das mit 20 kg Gepäck, Jule hat einen Fahrradanhänger und mindestens 30 kg Gepäck zu schleppen. Zuhause haben wir nicht sonderlich viel trainiert und so würden wir hier am liebsten übernachten.

 

Geht nicht. Weit und breit nichts frei oder überhaupt zum Übernachten geeignet. Also müssen wir uns wieder aufraffen und irgendeine Pension suchen, die uns aufnimmt. Gebucht haben wir nichts. Aus Prinzip, denn wir wollen ein Land kennenlernen, das nur wenige als ihr Urlaubsziel aussuchen. Und dabei gibt es hier unglaubliche Naturschönheiten und Menschen, die viel europäischer leben und denken, als wir glauben wollen.

 

Der Arm wird mir lahm, was sag ich – die Arme. Die Halsmuskulatur ist völlig verspannt. Der Rücken tut unsäglich weh. Vor mir ein etwa 500 m langer steiler Anstieg und Jule fährt schon in Trance fast außer Sichtweite vor mir her. Kein Haus in Sicht, keine Herberge weit und breit. Alle 5 Minuten fährt ein Auto an uns vorbei und so langsam verfluche ich unseren spleenigen Einfall, nach Island zu fahren auf diese gottverlassene Insel, die kein Erbarmen kennt. Nicht für mich jedenfalls. Ich bin fertig. Nur noch 8 km bis Reykjavik. Und dann: Der Bremszug reißt. Der Bowdenzug muß bei jeder Umdrehung der Kurbel Zug- und Druckbelastungen aushalten, wir sind gerade mal 70 km unterwegs und jetzt das. Bergauf ist das ja egal, aber wo es raufgeht, geht es auch wieder runter und Hilfe ist nicht zu erwarten.

 

Reykjavik ist die größte Stadt auf Island. Mit ca. 80.000 Einwohnern etwa so groß wie Marburg. Nirgendwo Superlative, die haben wir auch gar nicht gesucht. Aber eins steht fest: Reykjavik ist die teuerste Stadt (vielleicht außer Tokio), in der ich bis jetzt gewesen bin. Schlappe 80,- DM für ein Bett ohne Frühstück und Bettdecke. Schlafsack ist mitzubringen. 8,90 DM für einen Hamburger und 6,90 DM für ein paar Informationen von Zuhause sind an der Tagesordnung. Eine Flasche Bier kostet 13,- DM. Oh hab ich Durst.

 

Der Berg ist geschafft, mit 3 km/h bin ich hinaufgeschlichen und freue mich auf ein Bett, eine heiße Suppe und ein kühles Glas Bier. Die Erholung an der Blauen Lagune ist aufgebraucht. Am 2. Tag auf der Insel muß ich schon alle Energie zusammennehmen und ich wollte doch noch auf den Gletscher, zu den Gysiren und dem berühmten Wasserfall Gullfoss. Noch 6 km und ich hab keine Bremsen mehr. Was soll´s, ich bin froh, daß ich überhaupt rolle. Die Landschaft interessiert mich überhaupt nicht mehr. Ja vorhin, 30 km her, da haben wir sogar noch einen Abstecher gemacht. Von der Landstraße in einen Nebenweg hin zu einem eigentümlichen Ort, wo lauter merkwürdige Gegenstände an langen Leinen hingen und klapperten. Ein endloses Feld mit nackten Stangen auf dem Boden lag vor uns und wie Wäscheleinen mit Holzstangen als Stützen schienen uns die langen Schnüre, an denen – na was – Fischköpfe hingen. Hunderte, Tausende, unzählige Fischköpfe hingen hier zum Trockenen und wurden, wie wir später sahen, mit großen Lkw in die Stadt befördert. Trockenfisch, eine Spezialität auf Island. Aber das war eben vorhin.

 

Wenn es nicht regnet, und ein wenig die Sonne scheint, dann ist Reykjavik ein interessantes Städtchen. Am Hafen tummeln sich die Fischkutter, da liegt dann auch mal ein toter Seehund in einer Plastikwanne und die Walfänger sind heute selten noch Walfänger sondern viel mehr Walbeobachter, indem sie Touristen zu den Walgebieten führen. Viel besser. In der Sonne kann man dann auch mal einfach im Park auf dem Rasen alle viere von sich strecken und genießen. Was für eine Wohltat.

 

Es regnet. Noch 4 km und ich will nicht mehr. Die Finger sind klamm, der Körper funktioniert nur noch, weil liegenbleiben keine Lösung ist. Wind hat es jetzt auch, natürlich von vorne. Da das klar war, kein Problem. Naß sind wir eh schon, das Regencap wirkt wie eine Bremse. Bergrunter ist das auch nicht schlecht, aber sonst... Ich hasse diese Tour.

 

Von Reykjavik mieten wir uns einen Jeep und packen alles rein und oben drauf, ein kleines Raumwunder, das wir für 200,- DM pro Tag erstanden haben. Eine Woche und 150 km inclusive. Bei den Wegverhältnissen soll das genug sein, daß wir damit auskommen, sagt uns der Vermieter. Ah ja. Immerhin erreichen wir den wohl größten Gysir, allerdings nicht mehr aktiv. Dafür gleich nebenan zeigt uns Stokkur, das „Butterfaß“ aus 1 km Entfernung, daß wir da sind. Dort angekommen erleben wir, wie ein Gysir funktioniert. Da ist erst mal ein Loch, ca. 1,5 m Durchmesser und daraus wabert langsam immer höher steigend heißes Wasser aus dem Erdinneren. Steigt das Wasser über die Erdkruste, bildet sie eine Glocke und plötzlich explodiert diese Glocke förmlich und steigt ca. 20 m hoch in die Luft. Dabei wird unglaublich viel Energie frei. Wir können uns gar nicht satt sehen an dem Schauspiel, das alle 2 min. vor sich geht. Aber wir wollen ja noch zum Gullfoss. Einem Wasserfall, der es in sich hat.

 

Die Stadtgrenze ist erreicht und der Verkehr hat Ausmaße angenommen, die Zuhause in Heidelberg nicht schlimmer sein könnten. Allerdings bin ich nur noch ein Klumpen müdes Fleisch. Wir sehnen uns nach einer heißen Dusche, sie kann auch ruhig nach Schwefel stinken, Hauptsache warm und erholend. Daß wir auf der Autobahn, der einzigen 4-spurigen Straße auf Island fahren, ist jetzt völlig egal. In die Stadt wollen wir, und das ohne Umwege. Tatsächlich erreichen wir endlich das Zentrum und von dort aus haben wir in unserem Reiseführer ein ganz kleines aber gemütliches Zimmer ausgesucht. Dort angekommen zeigt uns die Hausbesitzerin gleich ihren „Hotspot“, eine große Badewanne im Freien, gespeißt aus der dünnen Erdkruste, die mit ihrer unterirdischen Lava das Grundwasser so anheizt, daß die Bewohner Islands es vielerorts sogar im Winter als Badewasser benutzen können. Jedenfalls werden wir die nächsten 2 Tage nicht aus dem Wasser steigen.

 

Vom Gullfoss, dem größten Wasserfall Europas kann man nicht genug kriegen. Eine legendenschwangere Umgebung voll von Feen und Kobolten, die in der sagenreichen Vergangenheit Islands mit mächtiger Stimme den Besucher zu beeindrucken sucht, kommen wir so langsam in das Landesinnere. Hier herrscht das ganze Jahr über Herbst und Winter. Riesige Gletscher, so weit das Auge reicht, Lavafelder mit schwarzer Färbung, die wie Mondlandschaften aussehen und nur von einigen Findlingen in ihrer trostlosen Eintönigkeit unterbrochen werden. Faszinierende Berge, die wie reines Kupfer schimmern und immer wieder Bachläufe, die die Landschaft durchtrennen. Keiner kennt ihren Verlauf, dauernd wechseln sie ihre Richtung und man weiß nie, wie tief der Graben gerade ist, den man überqueren muß. Also muß einer raus aus dem Jeep und den Wasserlauf durchwaten. Wer nämlich mit dem Auto im Bach stecken bleibt, verliert den Versicherungsschutz. Abgesehen davon, kann es Stunden dauern, bis wir gefunden wären und dann ist noch nicht unbedingt Hilfe in Sicht. Aber mit der Zeit bekommt man Übung und die Angst weicht fast überheblichem Pioniergeist. Gottlob kann man mit dem Handybike hier oben nicht viel anfangen, man würde unweigerlich im feinkörnigen Lavasand steckenbleiben oder auf scharfkantigem felsigen Gestein die Reifen aufschlitzen. Und gerade deshalb ist diese Landschaft traumhaft schön.

 

Nachdem wir die Insel in der Mitte durchquert hatten, treffen wir in Hafnavördir ein. Einem malerischen kleinen Fischerdorf im Norden der Insel, wo es zum ersten Mal längere Zeit gutes Wetter hat. Auf dem Tacho haben wir allerdings auch schon ca. 230 km und jeder km kostet 1,20 DM mehr. Der Liter Sprit übrigens 2,30 DM. Wie alles hier eben. Aber eine Whalewatching Tour wollen wir doch noch erleben und dazu melden wir uns auf einem ehemaligen Fischkutter, der groß genug ist, daß man mit dem Rollstuhl an der Reeling entlang fahren kann und beste Sicht auf das Wasser hat.

 

Wir schippern gerade mal 1 Stunde auf dem Meer, als wir andere Kutter ausmachen, die offensichtlich etwas gesehen haben und tatsächlich, Möwen kreisen über der Wasseroberfläche und da sehen wir auch schon Fluken aus dem Wasser ragen. Das sind die Flossen der Zwergwale, die hier in ganzen Schulen unterwegs sind. Unser Kutter nimmt Kurs auf die Schule und nicht lange, dann tauchen die Wale direkt neben unserem Kutter auf. Neugierig drehen sie sich leicht zur Seite, um uns besser beobachten zu können. Friedlich ist die Szene, andächtig schauen wir ihnen nach, als sie davon schwimmen. Da klopfen die Matrosen auf die Holzplanken und machen einen Heidenlärm. Tatsächlich kommen die Wale noch mal zurück und tauchen unter dem Kutter durch bis sie sich von uns verabschieden. Schlimm, wenn man daran denkt, daß diese Arglosigkeit auch heute noch mißbraucht wird, um diese riesigen Tiere aus nächster Nähe zu töten.

 

Unser Island-Törn ist zu Ende. Aber die Erinnerungen, ob mit dem Handybike oder mit dem Jeep und dem Kutter werden wir niemals verlieren.

 

Es gäbe noch so viel zu erzählen, z.B. vom Wikingerfest in Hafnafjördir oder den Gletscherfeldern von Langkjökull. Oder habt Ihr schon mal mit dem Handybike gesegelt? Kein Problem. Auf dem Rückweg nämlich von Reykjavik nach Keflavik hatten wir einen derartigen Rückenwind, daß man nur den Rücken breit, sprich die Jacke strecken mußte und wir ganze 20 km zum Flughafen fast ohne selbst fahren zu müssen, davongesegelt sind. Na ja, fast jedenfalls. Jule hat es 2 mal vom Fahrrad geweht und fand es gar nicht lustig.



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