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Venezuela im Rollstuhl 2001





Venezuela im Rollstuhl oder "Nichts geht mehr – oder Geht nicht gibt´s nicht?"

 

Samstag, den 22.12.01

Frankfurt - Caracas

 

Im Rollstuhl nach Venezuela, mitten durch den Dschungel? Im Einbaum 4 Tage durch den Urwald und übernachten unter freiem Himmel? Was, keine Toilette unterwegs? Niemals!!

 

Jule hat aber auch Ideen. In Südamerika war ich noch nie. Wollte immer schon mal nach Rio. Aber gleich so Hardcore. In Indien war ich schon, China auch, Sri Lanka ist meine Lieblingsinsel. Also ich behaupte schon von mir, im Rollstuhl seit 19 Jahren und zugegebenermaßen inkompletter Querschnitt, auch für außergewöhnliche Touren offen zu sein. Und wenn ich ehrlich sein soll, so wie ich hier gerade am Schreiben bin und die Tour schon zu Ende ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich sie auch empfehlen sollte. Aber entscheidet selbst...

 

Wenn schon heftig, dann richtig, dachte ich mir am Flughafen in Caracas, seit einer Stunde hoffnungslos am Fließband der Gepäckausgabe. Unsere Koffer und Taschen waren nicht da, wo sie sein sollten. Vielmehr noch in Amsterdam und drauf warten bis zum nächsten Flieger ist nicht. Die Tour fängt schon an – jetzt gleich!

 

Wir hatten gebucht bei Wikinger-Abenteuerreisen. Rollstuhlfahrer – oh Gott. Geht nicht. Oder vielleicht doch. Mal sehen. Vielleicht kann der Guide vor Ort Helfer organisieren. Mail zurück – geht klar, wir kriegen das schon hin. Was geht denn noch so?

Die Absprache mit dem Guide vor Ort fand nie statt. Oli, unser Führer aus Nürnberg, verheiratet in Venezuela, Altamerikaner und Biologe hatte schon mit seinem Schicksal gehadert, als er einen Tag früher von uns hörte. Absagen ging ja nicht mehr!!!

 

In der Reisetasche war natürlich die gesamte Fotoausrüstung, Klamotten für die Tropen, Katheter, Desinfektionsmittel, Medizin usw. Was man halt so braucht. Ok, dann eben nicht. Ein Minivorrat ist ja noch im Handgepäck. Mit uns hatten noch 5 von 18 Teilnehmer der Tour das gleiche Problem. Wir waren schon ein Team und hatten den Flughafen noch nicht mal verlassen.

 

Sonntag, 23.12.2001

Caracas – La Mission

 

Früh morgens um 7.00 Uhr ist Aufbruch und mit dem Tourbus geht´s in 4h nach San Felipe, wo wir die nächste Nacht verbringen. Am Straßenstand bekommen wir unser erstes venezulanisches Frühstück: Arepa. Ein Maismehlfladen, der im Fett gebacken wird und dann mit Fleisch, meist das beliebte Pollo (Huhn) gefüllt wird. Aber wer an einen Döner denkt, der hat gründlich geirrt. Der Fettgehalt ist bei halber Größe bestimmt doppelt so hoch, während der Geschmacksgrad zwischen „nach nicht viel“ und „recht fad“ liegt. Ab jetzt ist das unser täglich Brot...

 

Mittags weiter zur „la mission“, einer alten Missionsstation, die heute ein Botanischer Garten ist, und was für einer. Oli, unser Guide, ist ein wandelndes Lexikon auf zwei stämmigen Beinen. Zu jeder Pflanze und sogar bei einem undefinierbaren Krabbeltier weiß er gleich, was das ist, warum es so aussieht und welche Besonderheiten es in sich hat, incl. lateinischen Namen.

 

Hoch in den Bäumen entdecken wir die ersten Brüllaffen. Die brüllen aber nicht nur - sollten sie sauer werden, haben Brüllaffen eine nette Methode, um Besucher zu vertreiben: sie koten sich einfach in die Hand und zielen dann meist verdammt gut. Das schlimmste hier ist allerdings die Mückenplage. Ich werde nahezu gefressen, mein schwarzes T-shirt ist der totale Moskitomagnet. Jeder, der in die Tropen fährt, weiß das. Aber ohne Klamotten... Autan ist denen gerade mal wurscht. (Die Stiche von diesem Tag sollten uns die gesamten 3 Wochen begleiten!)

 

Montag, 24.12.2001

Valera – Anden – San Rafael de Mucuchies

 

10 Stunden im Bus. Nicht ein großer. Nein, für 20 kleingewachsene Südamerikaner vielleicht gerade annehmbar. Aber die nächsten 3500km sollten wir daran erinnert werden, dass wir auf einer Expedition sind. Natürlich ist unser Gepäck nicht am verabredeten Halt. Nächster Flughafen in 2 Tagen. Also weiter geht’s in Richtung Anden.

 

Wir durchfahren an einem Tag alle Vegetationszonen. In der trockenen heißen Savanne hält Oli eine kleine Kakteeneinweisung. Säulenkakteen und Opuntien („Ohrenkaktus“) so weit das Auge reicht gedeihen hier auf der steinigen roten Erde. Dort wo ein wenig Gras wächst, treffen wir am Straßenrand auf Ziegenhändler, die bei Bedarf die Tiere gleich schlachten. Da stehen die Ziegen einen halben Meter neben ihren gerade ausgewaideten Artgenossen und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Das wiederholt sich alle 2 Kilometer. Kühlschrank gibt’s natürlich nicht. Also geht es eben nur frisch.

 

Von der Wüste auf ca. 200 m ü.M. steigt die Landschaft auf dichtbewaldete höher gelegene Gebiete, dem Nebelwald, der undurchdringlich und wild ist und bis auf ca. 2400 Höhenmeter wächst. Dann wird die Vegetation karger, bis wir den Paramount erreichen, die Höhenlagen der Anden, in denen fast ausschließlich nur noch Frailejon wächst, eine haarige dickblättrige Pflanze, die eher an eine Agave erinnert. Sie ist optimal an diese extreme Höhe angepasst, wächst sehr langsam (pro Jahr nur ein Blattkranz) und kann die Feuchtigkeit so gut speichern, dass sie eine ganze Weile auch ohne auskommt.

 

Bei 4000 Meter Höhe überqueren wir den Paß Pico El Aguila. Hier oben herrscht eine unglaubliche Nebelsuppe, Die Höhe gibt einem ein leicht schwummriges Gefühl, der Kreislauf ist ganz schön am Arbeiten. Rauf und runter geht es jetzt ständig mehrere hundert Meter, so dass wir schon mal einen Vorgeschmack bekommen, was in den nächsten Tagen auf uns wartet.

Am Abend erreichen wir schließlich San Rafael de Mucuchies, die am höchsten gelegenen Gemeinde Venezuelas, wo wir Weihnachten verbringen. Frederico Pannier, eine beeindruckende Persönlichkeit, begrüßt uns herzlichst auf Deutsch. Er ist zwar Venezulaner, aber hat in München Biologie studiert , war Schüler des berühmten Konrad Lorenz (den „Gänsevater“) und hat als Professor an der Sorbonne gelehrt. Jetzt hat er sich zurückgezogen und betreibt mitten in den Anden diese bezaubernde „Posada“. Die Zimmer sind liebevoll eingerichtet und wir bekommen ein hervorragendes (typisch deutsches) Weihnachtsmenue. Als auch noch der Strom ausfällt, wird`s am offenen Kamin zum letzten Mal für die nächsten Wochen so richtig urgemütlich.

 

Dienstag, 25.12.01

Sierra Nevada - Merida

 

Wieder mal früh auf stehen. Da das Gepäck (noch immer leider ohne unserem) noch vor dem Frühstück auf das Busdach verladen werden muß, ist Schluß mit schlafen schon morgens um 05.30 Uhr. Nach einer kurzen Fahrt erreichen wir den Nationalpark der „ Sierra Nevada“ und der Troß beschließt, eine Wanderung durch den Nationalpark zu unternehmen. Also wandern bzw. holpern wir die nächsten 1 ½ Stunden in traumhaft schönen Heidelandschaft zur Laguna Negra hinab, ein See der tiefschwarz erscheint und bei Sonne fast gestochen scharf die umliegenden Paramount-Berge widerspiegelt.

Die Strecke ist ein holpriger, sehr steiniger und z.T. ausgewaschener Pfad. Oli meint, es wären nur ca. 100 Höhenmeter, aber leider konnte er sich nicht daran erinnern, wie oft. Und das bei 4500 Meter Höhe. Also fast so hoch wie der Mont Blanc. Obwohl immer noch kein Gepäck, Wäsche waschen und schnorren bei den Mitreisenden wird zur leidigen Routine, habe ich aus Deutschland mit dem Rollstuhl ein Trekkingbike mitgebracht. Das Crazy Horse, so nennt Armin Gerstberger aus Kempten, der Hersteller dieses Handybike ohne Kurbel. Und es ist das ideale Gerät für diese Strecken. Abwärts geht’s ohne Hilfe teils abenteuerlich steil und schräg einen Hang mit dicken Steinbrocken und hohen Wurzelstufen hinunter. Die Umgebung wird dominiert von Krüppelkiefern, Flechten und Sträuchern. Bis zum See schaff ich´s nicht. Zurück soll`s ja auch noch gehen. Und Da spüre ich bereits ein heftiges Ziehen in der Bauchgegend. Also hoffe ich auf eine gute Gelegenheit, mich „abzuseilen“. Das ging erst mal überhaupt nicht, weg vom Weg - keine Chance. Dafür war der Rückweg ein Alptraum. Mit Seilen von vorne und Schiebern von hinten ging`s im Schneckentempo nach oben. Die Luft so dünn, dass wir alle paar Meter die Helfer austauschen mussten. Jede Anstrengung eine Tortour. Der Gipfel, nur unser Bus, aber schließlich war auch dieser kurze Start in den Abenteuerurlaub geschafft.

 

Da oben befindet sich im übrigen die einzige Condorstation Venezuelas. Mit 3 Metern Spannweite sind diese Riesengeier schon sehr beeindruckend. Bis auf 10 000m Höhe können sie fliegen, stundenlang segeln und kilometerweit riechen. Beim Füttern kann man nicht zuschauen, die Tiere sollen nicht menschenzahm werden – zu ihrem eigenen Schutz – denn immer wieder werden sie von unwissenden Bauern abgeschossen. Da sie als Aasfresser ab und an auf toten abgestützten Rindern sitzen, werden sie oft auch des „Mordes“ beschuldigt. 2 Condore hat die Station aufgenommen. Das Weibchen war angeschossen und nun flügelamputiert. Das Männchen wollte einfach nie fliegen lernen. Sieben Jahre brauchen sie zum perfekten Piloten, zwei Jahre um überhaupt in die Luft zu steigen. Dieses Männchen hier hebt mit seinen 10 Jahren immer noch nicht ab, für die Aufzucht eine Tragödie.

Abends wieder zurück ins Tal auf 1500 m/NN, wo wir kurz vor Merida in einer sehr schönen Posada übernachten.

 

Mittwoch, 26.12.02

Merida - Seilbahn

 

Die längste Seilbahn der Welt von 1500 Metern auf 4800 Metern Höhe: „ So weit herobn worn mer noch nie...“. 4 Gondelstationen (1500 – 2400 – 3400 – 4000 – 4800 Meter /NN) führen uns von subtropischer Schwüle in winterliche und luftdruckarme Höhen. Die letzte Etappe ist erst seit einem Jahr wieder in Betrieb mit einer neuen Gondel aus der Schweiz und neuen Stahlseilen aus Deutschland. Es ist zudem die längste freischwebende Gondel der Welt. Auf 800 Höhenmetern befindet sich nicht ein Stützpfeiler. Vom tropischen Meridatal „überfliegen“ wir wieder alle Klima- und Vegetationszonen, der dichte undurchdringliche Nebelwald mit dem markanten Affenschwanzbambus (Pudelquasten) fasziniert von oben und lässt erkennen, dass man keinen Meter weit käme, wenn man die Strecke zu Fuß bewältigen müßte. Zwischen 2000 und 3000 Metern /NN lichtet sich der Wald und vieles ähnelt sehr unserem Alpenland mit Krüppelkiefern und Kalkfelsen. Anschließend beginnt wieder der Paramount und der kalte Pico de Bolivar ist mit Schnee überzogen. Bei 6 Grad wird uns wieder bewusst, dass wir immer noch kein Gepäck haben...

Bei der kleinen Paramountwanderung habe ich diesmal ein leichteres Los erwischt, auf einem Esel, besser gesagt einem Muli reite ich die schroffen Felswände mit steilen Abhängen entlang einfach mit, sofern das Tier auch gehen will. Die Pferde und Mulis werden ansonsten an wanderfaule Touristen (meist Venezulaner) vermietet, und in 3 Stunden kann man bis zu einem alten Indianerdorf reiten, das nur auf diese Weise erreichbar ist.

Nachmittags fahren wir Gepäcklosen mit Oli zum Flughafen Merida, während sich die anderen in der Stadt vergnügen. Doch auch zähes Durchfragen und Telefonieren bringt anfangs nur das Ergebnis, dass der Flug gestern wohl auch storniert wurde. Keiner weiß, wo das Gepäck ist. Endlich dürfen wir zu einem Schalter und nach den Koffern Ausschau halten, was auch für die drei anderen, außer Jule und mir, von Erfolg gekrönt ist. Doch unsere Sachen sind immer noch nicht da. So langsam wird es eng. Ohne Wäsche, vor allem den dauernd wechselnden Temperaturen entsprechende Kleidung und ganz ernst den notwendigen Kathetern, ist der Trip nicht mehr lustig. Wieder Telefon, es kommt wohl noch eine Maschine aus Caracas in einer Stunde...Ich glaub nicht mehr dran. Ob wir die Sachen überhaupt wiedersehen? Warum waren wir auch so blöd, die Videokamera und den Foto ins Gepäck zu tun?

 

Teil 2

 

Halleluja - gerettet. Gegen 17.30 Uhr bekomme ich endlich meinen ersehnten Rucksack. Ich fass es kaum, das Gepäck war über Mauritius nach Venezuela gekommen. Für unsere nächste Nacht fahren wir wieder in die Berge rauf zu Frederico Pannier.

 

Donnerstag, 27.12.01

Anden – Llanos

 

Nachdem ich in dem viel zu kleinen Bad nach leichten „Gleichgewichtsproblemen“ ausgerutscht war und die gesamte Armatur mit dem Wasserspülkasten abgerissen hatte, sollte unsere heutige Tour von den kühlen hohen Anden ins venezulanische „Texas“, den Llanos führen. Llanos sind die heißen Ebenen, in denen die Llaneros mit Cowboyhüten auf Pferden durch ihre Rinderherden reiten. Man fühlt sich ein bisschen wie im Wilden Westen. In der Regenzeit ist hier alles überschwemmt, die Rinder stehen dann auch meist im Wasser oder Sumpf. Cowboys, die sich die wilden Pferde auf der endlosen Prairie einfangen müssen, machen es sich einfach. Statt im Corral die Pferde zuzureiten, werden die Tiere in den Teichen ohne große Anstrengung müdegeritten. Und fällt mal einer runter, plumpst er halt ins Wasser. Von wegen Cowboyehre.

 

In der Trockenzeit verschwinden die großflächigen Seen und Teiche, übrig bleiben trübe kleinere und größere Drecktümpel, ein Lebensraum für überraschend viele Tiere. So leben hier die kleineren Krokodile, genauer Brillenkaimane. In jedem Tümpel, und es gibt Tausende hier, dösen die größeren am Ufer in der Sonne oder verstecken sich die kleineren vor Störchen, Reihern und ihren Artgenossen im trüben Wasser.

 

Etwas später erreichen wir den Apure-Fluß, doppelt so breit wie der Rhein. Mit dem Einbaum gleiten wir den Fluß aufwärts, die Tier- und Pflanzenwelt ist hier im Amazonasgebiet besonders spannend . Ein sintflutartiger Regen lässt uns ahnen, mit welcher Kraft die Natur hier regiert. Oli macht für uns die Tiere ausfindig: wir „Stadtkinder“ sehen nur Bäume und Wasser. In den Ästen hocken die Brüllaffen, Leguane sitzen an den Stämmen, die verschiedensten Papageien machen einen neugierigen Rundflug über uns und um uns herum viele Reiher – und Raubvogelarten. Spannend wird`s, als Oli den Schwanz einer Anakonda im Fluß entdeckt. Aufregung im Boot, diese Riesenschlange kann mehr als 8 m lang werden und ein Kalb verschlingen. Zuvor schnürt es sein Opfer wie ein Paket ein und mit unglaublicher Kraft erdrückt es nicht nur sondern zerquetscht regelrecht jedes Gerippe, um es an einem Stück herunterwürgen zu können. Doch wir haben Glück – oder Pech - nur ein Skelett ist übrig. Die Anakonda könnte sich überfressen haben, im Wasser zu viel Tiefgang bekommen und ertrunken sein. Anakondas sind meist im Wasser zuhause. So vollgefressen wehrlos ist sie selber Opfer der überall im Wasser lebenden Pirhanas. Die haben der Schlange denn auch den Garaus gemacht. Nur eben der Schwanz ist noch ganz. Der Rest bis auf die Knochen abgenagt.

 

An einer kleinen Nebenflussmündung werfen wir dann die Angeln aus: und wirklich – keine 10 Sekunden hängt schon der erste Piranha am Haken. Aber Vorsicht!! Wie bekommt man ein Piranha vom Angelhaken? Die kleinen scharfen Zähnchen sind rasiermesserscharf. Als wir ein Stück Fleisch an einem dicken Ast ins Wasser werfen, geht die Post ab und die gierige Fischmeute zieht den ganzen Ast unter Wasser. Wie kochendes Wasser brodelt es unter uns. Aber Oli ist ganz cool, hängt sogar vorne am Boot die nackten Füße ins Wasser. Wenn man nicht blutet, tun die nichts; aber manchmal sieht man Kinder, denen schon mal ein Zeh fehlt. Na danke, wir wollen`s nicht probieren.

Auf dem Rückweg begleiten uns noch einige neugierige Flussdelphine, die man aber leider nicht richtig sehen kann. Die Süßwasser-Delphine springen nämlich nie aus dem Wasser.

 

Freitag, 28.12.01

Hato el Frio – Fernando de Apure

 

Direkt nach dem Aufstehen geht`s bei Jule schon los, heute ist Diarrhoe-Tag. Wie kann`s auch anders kommen in diesem Land. Die fetten Arepas, Enschiladas und der grauslige Kaffee. Alle 10 Minuten stürmt sie aufs Klo und hofft nur, dass bis zur Weiterreise alles draußen ist. Gottlob hab ich Verstopfung. Anders ist die Reise ohne Toilette unterwegs auch nicht zu machen. Hätte ich Jules Probleme, wäre die Katastrophe sicher.

 

Kurz vor der Abfahrt zeigt uns Oli noch Wasserschweine, die rund um der Posada (Hazienda) leben. Sie sind die größten Nagetiere der Welt, sehen aus wie schweinsgroße Meerschweinchen und leben an und in den Tümpeln der Llanos. Ab und zu sieht man sie aus dem Wasser springen. Dann ist wieder ein Brillenkaiman hinter ihnen her. Das Schauspiel wiederholt sich mehrmals. Sieht fast lustig aus. Für die Wasserschweine sicher nicht.

In 3 Stunden Fahrt geht`s weiter durch die Steppe Venezuelas, den Llanos, der Heimat der Südamerikanischen Cowboys. Ohne sie wäre der Befreiungskampf Bolivars in den 1820er Jahren gegen die spanischen Eroberer nicht zu gewinnen gewesen. Und hier, da wo sie herkommen, überall Rinderherden, die oft mit den Hufen tief im Wasser stehen.

 

Jule liegt hinten auf der letzten Sitzbank lang, versucht sich von Ihren Krämpfen zu erholen und bekommt nur am Rande mit, wie Oli immer wieder Geschichten über Kaimane, Reiher, Sumpfrallen erzählt. Ein Soldatenstorch, der größte Adeba der Erde, bietet eine besonderes Schauspiel, als er gerade eine junge Anakonda hinabwürgt. Die Schlange ist mindestens 1 ½ m lang. Kaum ist die Ana verschwunden, geht der Storch schon wieder auf Futtersuche. Unglaublich. Nach etwa 3 Stunden gelangen wir zum Hato El Frio, einer Ranch, die hauptsächlich von der Rinderhaltung lebt, aber auch als Naturreservat eine optimale Ausgangsstation für Tiersafaris ist. Mit dem Jeep wie in Afrika durch Sumpflöcher und Termitenhügel. Junge Wasserschweine nehmen Reißaus vor den hier massenhaft vorkommenden Brillenkaimanen. Im Sonnenschein liegen sie mit offenen Maul an jedem Tümpel. Der gelbe Nationalvogel Venezuelas – der Turpial – macht uns auch seine Aufwartung, sowie Orinoco-Gänse, Eisvögel, Fliegenschnäpper, Storche und eine Menge anderer Vögel. Doch der schönste ist der scharlachrote Ibis, der wie ein kleiner Flamingo aussieht; aber in der Farbe unglaublich intensiv.

 

Während die Brillenkaimane ca. 2 Meter lang sind, stehen wir in einem Gehege des Hato vor drei fast ausgewachsenen Orinoco-Krokodilen. Das größte misst ca. 5 m und liegt scheinbar faul am Ufer. Vorsichtig nähern wir uns mit schussbereiten Kameras bis auf 4 Meter. Am Zaun nebenan fängt Oli einen Leguan, den er zu den Krokos setzt in der Hoffnung auf eine spektakuläre Fressjagd. Der Leguan hat die Wahl, an uns vorbei oder mitten durch die Krokodile ins Wasser auf die andere Tümpelseite. Wir sind fast betroffen - er wählt die Krokos. Für Sekunden gleicht der Tümpel einem Gysir, Wasser spritzt und Leiber kreisen blitzschnell um- und übereinander. Der Leguan ist entwischt. Eine verletzte ausgewachsene Anakonda gibt es auch im Lager. Fast wieder gesund schlängelt sie gemächlich an uns vorbei. Aus dem Rollstuhl versuche ich ihren Schwanz zu packen und mich mitziehen zu lassen. Dabei spüre ich selbst am dünnen Ende die unglaubliche Kraft, die diese Schlange hat. Sie zerrt mich fast aus dem Stuhl. Als wenn nichts wäre, schleicht sie weiter. Irre.

Leider war´s das auch schon wieder und in weiteren 5 Stunden Busfahrt erreichen wir San Fernando de Apure, wo wir in einem allerdings recht heruntergekommenen Stadthotel übernachten.

 

Samstag, 29.12.01

San Fernando de Apure - Puerto Ajacucho – Orinoco

 

Kein Frühstück, 07.00 Uhr morgens, schon wieder unterwegs. Ein paar Bananen auf dem Markt für Julchens empfindlichen Magen. Die kleinen süßen Essbananen gibt es hier gar nicht so häufig, meist werden die herben Kochbananen verkauft. Erkennen kann man den Unterschied in der Wachstumsform. Die süßen Bananen wachsen in den Stauden von oben nach unter, die Kochbananen von unten nach oben. Weiß doch jeder. Auf dem Markt herrscht ein wirres Durcheinander, die Händler stehen hinter ihren Schubkarren voll Bananen, Tomaten, Maniok, Melonen. Kaum ein Durchkommen mit dem Rollstuhl. Auf einer schmuddeligen LKW-Pritsche wird gerade ein frisch geschlachtetes Schwein zerlegt. Appetit bekommt man jedenfalls hier nicht, auch nicht beim Anblick eines großen Lasters, der mit kleinen Kisten 4 Meter hoch beladen ist, in jeder Kiste drängeln sich zig Hühner. Aber vermutlich auch kein schlimmerer Anblick als eine Legebatterie mitten in Deutschland. Beim Getränke-Einkauf meldet sich mein Bauch so schnell, dass ich eiligst das Privatklo des Ladenbesitzers aufsuchen darf. In der Not beherrscht man eine Fremdsprache doch gleich viel besser.

 

Auf der Weiterfahrt nach Süden wird die Landschaft immer trockener, die Tümpel werden zu Pfützen, und der Boden zunehmend sandiger. Plötzlich erheben sich große Wanderdünen, die sich langsam durch die Steppe walzen. Ein komisches Bild bietet sich mit einem üppigen Teich mit sattgrünem Ufer im Vordergrund und direkt dahinter ein Stück Sahara...

In der Trockenzeit duftet hier alles wie in der Provence, was an der wohlriechenden Kräuterpflanze Monstrant liegt. Dreimal müssen wir heute mit Autofähren Flüsse überqueren. Jeder doppelt so breit wie der Rhein. Jiwi-Indianer-Kinder verkaufen auf den Fähren kleine Schmuckwaren, z.B. geschnitzte Schildkröten aus Asawache, versteinertes Holz, das aus dem Orinoco heraufgeholt wird. Aus Palmfasern wir die Kette dazu geflochten.

Oli klärt uns über die Flüsse auf: es gibt drei Arten von Fließgewässern. Zum einen das Braunwasser, wie der Orinoco oder der Apure, das Wasser hier ist trüb mit vielen Schwebteilchen, Schlamm und Nährstoffen. Hier haben die Fische - sogar die großen Flussdelphine - einen idealen Lebensraum mit viel Nahrung. Zum anderen gibt es das Weißwasser, diese Flüsse sind klar, was das Pflanzenwachstum durch Lichteinfall begünstigt. Und drittens gibt es das Schwarzwasser, das klar ist, aber rostbraun erscheint. Es hat einen sehr sauren PH-Wert durch Gerb- und Huminsäuren, was für Fische und Pflanzen ungünstig ist. Für uns jedoch am besten zum Baden und Trinken geeignet, denn auch Bakterien halten sich hier nicht. Manchmal ist es zwar etwas schaumig, doch das ist durch Eiweißausflockung bedingt.

 

Eigentlich sollte es zum Mittagessen Schildkröte geben, doch der Wirt, der für uns am Sina-Ruco-Fluß kochen wollte, hat die Schildkröten erst für morgen bestellt. Schildkröten gibt es aber auch fast überall.

 

Der Orinoco, unser letzter und größter Fluß zum Überqueren, teilt auch das Landschaftsbild. Große Granitmonolithen ragen aus der flachen Steppe und zwischen den Felsen und am Fuß wuchern Sträucher und Bäume. Die Auswaschungen bei Regen oder Hochwasser lassen die Uferböschungen einbrechen und bringen Nährstoffe und Sedimente. Wir sind nun in ursprünglichen Indianer-Gebieten. In kleinen Gruppen wohnen sie hier in Rundhütten mit Palmdach, die meist seitlich offen sind. Sie leben von der Jagd, noch ganz ursprünglich mit Pfeil und Bogen oder Blasrohr. Es gibt auch noch viele Stämme, die kaum Kontakt zur „zivilisierten „ Welt haben und abgeschieden mit Lendenschurz leben wie vor Hunderten von Jahren. Ein traumhaft schönes Camp direkt am Orinoco-Fluß erwartet uns mit offenen kleinen Rundhütten für je zwei Personen. Auf einer Schlafempore liegt man unterm Moskitonetz und schaut über den Fluß. Wir können mal so richtig entspannen.

 

Fürchterlich lästig sind hier nur die kleinen Sandfliegen – Puri-puri – die hässlich juckende Stiche hinterlassen und denen Autan, wie wir ja schon wissen, völlig egal ist. Da helfen nur lange Hosen und lange Hemden.

 

Sonntag, 30.12.01

Orinoco-Camp

 

Während die meisten in der Truppe schon um 8.00 Uhr zu einem Indianerdorf mit 2-stündiger Wanderung und Naturwasserfall-Rutsche aufbrechen, genießen wir es heute zum erstenmal seit Beginn unserer Tour, richtig

auszuschlafen. Erholung und Landschaft genießen. Herrlich. Damit war dann auch mein Schicksal besiegelt. Der anschließende Durchfall sollte sich über 3 Wochen hinziehen.

 

Montag, 31.12.01

Orinoco – Caura

 

Heute ist wieder ein Fahrtag, das heißt 10 Stunden im Bus sitzen. Unser Ziel ist der Caura-Fluß, ein Zufluß des Orinoco. Die Landschaft ändert sich heute kaum und nach unserem Einkauf von 10 kg Orangen und zwei Ananas sowie 6 Flaschen Rum und einer Malibu für eine Silvester-Bowle verbringen wir die Zeit lesend und schlafend im Auto. Mittagspause gibt es an einem kleinen Schwarzwasserfluß, der sogar zu einem kleinen Bad einlädt.

Die letzten 1 ½ Stunden ist die Straße unbefestigt und wir holpern durch die Dämmerung, überall „Ziegenmelker“-Vögel.

 

Von der Lage dem Orinoco-Camp, dem schönsten Platz in Venezuela nicht unähnlich, gelangen wir an Sylvester zum Caura-Camp. Mitten im Urwald an einer Flussbiegung gelegen, übernachten wir in einer offenen zweistöckigen Rundhütte, in der Hängematten wie Kuchenschnitze von innen nach außen aufgehängt sind. Über die Hängematten sind Moskitonetze gezogen und man liegt drin wie in einem Schmetterlingskokon. Zuerst wird uns erklärt, wie man in den Matten liegt, nämlich diagonal, so dass die Liegefläche größer und gerade ist. Wenn die Hängematten nicht so fürchterlich modrig müffeln würden, wär`s gar nicht so schlimm.

 

Aber bevor wir ans feiern denken, kümmern wir uns noch um die Bowle. Im Mixer wird das Obst zermanscht und in zwei 10-Liter-Eimern alles zusammengepanscht. Während alle anderen sich dem Alkoholrauch entgegensaufen, versuche ich das Schlimmste zu verhindern. Ich sitze mehr auf dem improvisierten Klo und traue mich kaum in die Hängematte. Denn jede Anstrengung, und rauszukommen ist gar nicht so leicht, wird schnell zur Katastrophe. Das Licht ist seit 23 Uhr aus und die verfluchte Taschenlampe hat schon gestern ihren Geist aufgegeben. Silvester 2002 wird für mich zum denkwürdigsten Verdauungsgau meines Lebens. Noch nicht gestraft genug, muss ich mich regelrecht von den Stechmücken zerfleischen lassen. Keine Chance, die Toilette zu verlassen und ausser einem dünnen Rinnsal aus der Dusche gibt es auch nichts, was zur Wiederherstellung menschenwürdigen Zustandes verhelfen könnte. Aber irgendwann muss es ja mal wieder dämmern...

 

Dienstag, 01.01.02

Caura – Regenwaldwanderung

 

Ich bleib heute im Camp, während alle anderen per Boot den Caura-Fluß hochfahren. Wir lernen den tropischen Schauerregen von innen bis außen kennen, während wir schutzlos auf unserem Einbaum unter minderwertigen Regencapes die Hoffnung auf Sonne nicht aufgeben. Bei einem einfachen Camp, das wohl einmal einem Franzosen gehört hat, machen wir noch einen Zwischenstopp, praktisch zum kurzen Abtrocknen. Die Einheimischen hier halten ein paar Tiere, die Oli uns vorstellt. Gerade Vögel bekommt man recht schwer vor die Kameralinse. Die freilebenden Aras und Trompetervögel kommen aber hier interessiert näher. Der Pauxihahn ist riesig mit seinem roten Schnabel und weißem Bauch; leider bei den vielen Fotoshootings auch recht angriffslustig. Ganz anders als der kleine grüne Sperlingspapagei, der sich bei Jule auf der Schulter niederlässt und friedfertig am Ohr knabbert. Sehr interessant ist auch das Lapa, ein Nager, der bis zu 40 kg wiegen kann uns als Spanferkelersatz oft auf dem Teller landet. Er sieht aus wie eine Mischung aus „Rieseneichhörnchen“ und „Meerschwein“ mit der Fellzeichnung eines Rehkitzes.

 

Unsere ursprüngliche Wanderung bläst Oli allerdings ab, denn erstens sind wir vom Regen nass genug und zweitens hat der Fluss sehr viel Wasser, so dass wir nur langsam gegen die Strömung ankommen. Das erspart uns 2 h Bootsfahrt und der Trupp geht in der Nähe mit einem einheimischen Indianer 3 h auf Regenwaldwanderung. Für mich ist erst mal Pause angesagt. Jede Anstrengung ist ein Anlaß, eine hier doch relativ selten vorkommende Toilette aufzusuchen. Aber der tiefe Urwald ist faszinierend, Gerüche nach Moder, Tier und Wald wechseln sich ständig ab. Wir gehen von tiefergelegenen Gebieten, die oft überflutet werden bis in den hohen Regenwald, wo sich 40-50 Meter hohe Bäume mit riesigen Brettwurzeln in die Höhe schieben. Über hunderte von Metern geht das Wurzelwerk in die Breite, damit sich der Riele überhaupt halten kann.

 

An Tieren sehen wir gar nicht so viele, kein Wunder, wenn sich 17 europäische Touristen trampelnd und stolpernd durch den dichten Urwald bewegen. Der Boden ist voller abgebrochener Äste und Laub, das sofort in den Biokreislauf wieder aufgenommen wird. Hier ist immer Sommer, Frühling und Herbst gleichzeitig. Die feuchte Hitze ist unglaublich. Ich habe das Gefühl, ich stecke in einem Inhaliertopf, der nur ständig das Aroma wechselt. Das meiste Getier hier sind Ameisen, die in allen Varianten hordenweise den Regenwald besiedeln und uns in die Hosenbeine krabbeln, sobald man stehen bleibt. In Acht nehmen muß man sich eigentlich aber nur vor der großen 24-Stunden-Ameise, die mit 2-3 cm Körperlänge schon sehr unangenehm beißen kann. Also nix von wegen überall Schlangen, Spinnen und Skorpione. Einmal ordentlich aufgetreten und schon sind im Umkreis von 100 Metern die Tiere verschwunden. Beeindruckend ist auch der Harlekin-Käfer (ca. 10 cm groß) der gut getarnt und doch recht bunt mit seiner grau-schwarz-roten Färbung am Baum sitzt. Oli versucht erfolglos, uns eine Vogelspinne zu präsentieren, indem er in jedem Loch mit einem Ast rumstochert. Von den großen Tieren sehen wir natürlich überhaupt nichts, aber die Hufabdrücke und ein Kothaufen lassen auf 2 große Tapire schließen, die erst vor kurzem unseren Weg gekreuzt haben. Ein paar wunderschöne riesige Schmetterlinge besuchen uns im Unterholz, die Vögel und Brüllaffen sehen wir nur kurz, 40 m über uns, bevor sie das Weite suchen.

Wieder zurück am Boot besuchen wir noch ein Indianerdorf, in dem 2-3 Familien sehr einfach und traditionell leben. Es ist schon erstaunlich, dass sich das ganze tägliche Leben auf Essenssuche, Zubereitung und ein bisschen Wäsche reduziert. Stundenlang sitzen die Indianer einfach dösend rum. Kein Buch, kein Radio, nichts. Fotografieren lassen wollen sie sich nicht, nur die große Maniokpresse nehme ich ins Bild. Aus dem Maniok, der in einen eigenartigen Korbschlauch kommt, wird durch Zug der blausäurehaltige Saft gepresst, sonst wäre der Maniok gar nicht geniessbar. Auf der Rückfahrt zum Camp sehen wir noch viele Flussdelphine, die direkt neben dem Boot auf- und abtauchen.

 

Mittwoch, 03.01.2002

Caura – Ciudad Bolivar

 

Heute ist wieder Fahrtag nach Ciudad Bolivar angesagt. Kurz hinter unserem Caura-Camp sitzt mitten auf der Straße unsere so vergeblich gesuchte Vogelspinne – teraphosa leblondie – in Pose. Sie ist recht angriffslustig, da sie gerade ihre Häutung hinter sich hat, was man an der leichten Rosafärbung erkennt, und dann für Feinde recht schutzlos ist.

 

Die Stadt selbst ist langweilig.

 

Donnerstag, 04.01.2002

Ciudad Bolivar – Kavac

 

Um 7.00 Uhr ist mal wieder die Nacht vorbei und wir sind wie so oft am Packen. Die Hälfte des Gepäcks bleibt hier. Jeder darf nur 10 kg Gepäck mitnehmen! Vom Flughafen geht`s mit 5 Cesnas (Kleinflugzeuge) in Richtung Süden, immer fünf Personen pro Flugzeug. Von oben kann man wunderbar die Flussläufe verfolgen, wie sie sich ganz unregelmäßig durch Savanne und Regenwald winden. Ein großer roter Klotz wird sichtbar, ein Berg mit den größten Eisenvorkommen Venezuelas. Der große Guri-Stausee hat so wenig Wasser wie noch nie und ähnelt eher einer Wattlandschaft. Überall sehen wir kleine Rauchschwaden. Bauern fackeln Wald oder Buschwerk ab, um Platz für Rinder oder Ackerfläche zu schaffen. Nach 1,5 Stunden ragen vor uns plötzlich die Tafelberge (Tepuys) in den Himmel - wir erreichen Kavac, nachdem wir eine wahnsinnig teure Schleife am Salto Angel fliegen (35$ Aufpreis pro Person!!! Nur für den Vorbeiflug). Der höchste Wasserfall der Erde hat eine Fallhöhe von 976 Metern, bei Trockenheit wie jetzt sieht es aus, als ob unten nur Gischt ankommt. Das Kavac-Camp liegt am Fuße des Auyan-Tepuy, dem höchsten Tafelberg hier. Die hohen Felsplateaus sind ca 3,5 Milliarden Jahre alt, älter als jedes Lebewesen der Erde, denn sie bestehen noch aus ganz ursprünglichem Gestein.

 

Im Camp gibt`s wieder große Rundhütten, in die wir unsere Hängematten spannen. Hier beginnt nun unser Leben ohne Dusche, ohne Wasser, ohne Strom. Aber der wunderschöne klare Fluß lädt herrlich zum Schwimmen ein. Hier könnten wir getrost einige Tage verbringen.

 

Mittags wandert die Gruppe in Trekkingsandalen und Badezeug in die Kavac-Schlucht. Ich kann immer noch nicht mit. Zuerst geht`s zur Grotte der Leidenden, eine Höhle, bei der auf allen Seiten eines großen Deckelsteins das Wasser runterläuft. Natürlich erreichen wir die Grotte nur schwimmend. Man muß sich ganz schön festhalten, und schließlich wird jeder von uns doch aus der Grotte herausgespült.

 

Wir schwimmen durch 2 kleine natürliche Staustufen, kraxeln zwischendurch wieder über Steine und erreichen einen 2 Meter breiten Canyon. Die Felswände ragen 50 Meter senkrecht in die Höhe, oben ein Streifen Himmel und unten nur das schwarze Wasser, durch das wir schwimmen. Fast unheimlich ist diese Stimmung hier, in der wir das Tosen eines Wasserfalls schon vom Fels widerhallend hören. Und plötzlich öffnet sich die Schlucht und wir befinden uns direkt vor einem Wasserfall, der ca 80 Meter in die Tiefe rauscht. Der Lärm und der Wind sind enorm und wir schwimmen durch das rauschende Tosen bis hinter den Wasserfall – ein wahnsinniges Gefühl und eindeutig das tollste Erlebnis dieses Urlaubs.

 

Zurück im Camp genießen wir die Abendstimmung, die Tepuys werden glutrot angestrahlt und verschwinden schließlich im Nachthimmel. Es bleibt ein Sternenhimmel, wie wir ihn noch nie gesehen haben.

 

Freitag, 04.01.2002

Kavac – Iwanameru

 

Heute können wir den Tag so richtig gemütlich angehen. Es gibt erst um 8.30 Uhr Frühstück und wir nehmen ein herrliches Morgenbad im Fluß. Dann wird unser Gepäck, Essen und Hängematten auf einen Laster verladen. In 5 h bei sengender Hitze wandern wir nach Kamarata, einem kleinen Indianerstädtchen, das aber dank einer immer noch intakten Missionsstation sehr gut entwickelt ist. Die Schulbildung ist sehr gut und es gibt sogar Strom hier. Wir können das letzte mal ein kühles Bier einkaufen, das wir auch dringend gebrauchen können, denn der Weg durch die Savanne ist sehr heiß und sandig. Ich bleibe trotz Mountainbikebereifung ständig in Sandverwehungen stecken. Ohne das „crazy horsebike“ mit Seilen zum Ziehen würde ich mit dem Rollstuhl nicht weit kommen. Es sieht alles so flach aus aber der Boden ist bewachsen mit fast buschartigem Gras. Hochstielig und kaum zu überrollen. Jule schiebt, während Oli mit unserem Zugseil vorne eingespannt ist. Nur kurz nehmen wir den wunderschönen Blick auf die Tafelberge war, während die Rollireifen schon wieder im weißen glühenden Sand versinken. Bei kleinen Flussüberquerungen nutzen wir das kühle Naß zur Erfrischung.

 

Hinter Kamarata erreichen wir das Ufer des Rio Akanan, auf dem es mit Einbaumbooten weitergeht. Ab jetzt ist Expedition pur angesagt. Bei Niedrigwasser die Tafelberge hinauf. Da ist Arbeit angesagt. Trotzdem gibt es kleine Stromschnellen unterwegs und das Gepäck muß möglichst wasserdicht verladen werden. Flussabwärts geht`s nun 4 h auf dem Boot weiter. Bei der Mittagsrast noch schnell ein Bad in den Stromschnellen mit Wassermassage, derweil unsere 6 einheimischen Begleiter an großen Seilen vorsichtig die Boote die Stromschnellen hinunter lassen.

 

Zwei große offenen Dächer sind unser Camp für die nächste Nacht und die Hängematten werden von uns heute auch selbständig aufgehängt. Hoffentlich hält die Hütte auch, denn die Querbalken, an die wir die Hängematten binden, knarren lauter als das nächtliche Schnarchkonzert.

 

Da wir Selbstversorger sind, ist Oli hier in der Wildnis unser Koch und wer Lust hat, probiert denn auch mal Ameisensauce oder im Fluß gefangene Sardinen aus, einschließlich einer Kostprobe des von Indianern selbstgebrauten Bieres, bei dem sie den Maniok weich kauen, in eine Schale spucken und gären lassen. Na, denn Prost.

 

Ziel der Bootstour ist der Fuß des Angel Falls. Da, wo das Wasser aus über 960 m auf den Felsen aufschlägt, als Gischtwolke und Dauerregen niedergeht. Wer schon mal am Niagara-Fall bei Buffalo (USA) gewesen ist, hat vielleicht eine Ahnung, wie das aussehen kann.

 

Aber bis dahin müssen wir erst mal Flußaufwärts. Da wir Niedrigwasser haben und ständig Steine und Baumstämme im Weg liegen, müssen fast alle dauernd aus dem Boot aussteigen und trotz teils reissendem Wasser das Boot über die Hindernisse ziehen. Die Einbäume waren einmal mächtige Urwaldriesen, die für diese Zwecke ausgehöhlt und für bis zu 20 Passagiere incl. Gepäck und Benzinfässer zu schwimmtauglichen Booten „geschnitzt“ wurden.

 

Es ist müssig zu erzählen, dass wir an unwirklich schöner Natur vorbeifuhren, leider nur unterbrochen durch den Krach der eigenen Bootsmotoren, die an manchen Stellen, wo gerade noch Wasser unter dem Kiel war, oft quälenderweise einen Höllenlärm verursachten. Wie wir später erfuhren, waren die Bootsführer regelrechte Helden, wenn Sie ohne kaputte Schiffsschrauben von der Tour zurückkamen. An den Camps jedenfalls wurden solche Schrauben gestapelt.

 

Was ein sich selbst überlassener Fluß an Naturgewalt entwickelt, erkennt man leicht an den umgestützten oder mit gewaltigem Wurzelwerk sich wehrenden Baumriesen. Wo das Wasser den Boden besonders an den Biegungen unterhöhlt, wird natürlich das Fundament der Bäume weggespült und diese stürzen dann um. Nicht selten eben in den Fluß, wo sie dann irgendwo hängen bleiben. Je höher wir kommen, desto lebensärmer wird der Fluß. Es gibt fast keine Fische, wenig Vögel und ab und zu ein paar Schildkröten. Hier ist das Wasser zu nährstoffarm, kommt von den Plateaus der Tafelberge und ist richtig sauer (hoher PH-Wert). Aber die Mühe und Quälerei lohnt sich. Nach 3 Tagen auf dem Boot ohne Sonnenschutz, auf harten Brettern und pausenlosen Rein- und Rausgehoppse sind wir endlich in der Nähe des Wasserfalls. Mitten im Urwald klettert die Truppe natürlich wieder ohne mich steile, klitschige Hänge hinauf, überquert Sturzbäche und steht plötzlich – vor dem trockenzeitniedrigwasserführenden Angel Fall. Eine kleine Gischt. Das meiste Wasser wird schon in der Luft von den Winden zerstäubt. Ich kann nicht viel verpasst haben.

 

Aber der Weg war´s wert. Der Rückweg ein Kinderspiel und der Rückflug mit den kleinen Cessnas zum Sonnenuntergang noch mal ein Erlebnis, das die ganze Reise trotz Durchfall, Mückenstichen und endlosen Kilometern in Bus und Boot vergessen ließ.

 

Wer eine solche Tour vor hat, soll sich gut vorbereiten, aber Angst muß er nicht haben, dass es es nicht schaffen könnte. Wer wirklich will, aber nicht alles selber kann, lernt, fremde Hilfe anzunehmen und wird feststellen, dass gerade Situationen, in denen man auf andere angewiesen ist, zu Team und Zusammengehörigkeit führen. Verbissene, Überängstliche und über alles Nörgelnde haben da nichts zu suchen. Vorsicht ja, aber keine Angst, Kompromissfähigkeit und die Fähigkeit, gewohnte Abläufe und technische Errungenschaften wie eine Toilette auch einmal unkonventionell ersetzen zu können, sind entscheidend und solche Erfahrungen helfen auch später im Alltag. Viel Toilettenpapier und Kunststofffolien mit Klebebänder ersetzen denn auch schon einmal eine frische Hose.

 

Wer mehr darüber erfahren möchte, meldet sich bei:

 

Michael Heil

Mierendorffstr. 51

69469 Weinheim

Tel.: 06201 / 99 69 0

heil@rehability.de



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