Monatsarchiv für Februar 2009

Michael Heil

Michael Heil beim Karneval in Rio

Michael Heil beim Karneval in Rio Rio hat angeblich ca. 6 Mio Einwohner (ohne Umland) und so viele Narren, dass Carneval auch ohne Touristen funktionieren würde – angeblich.

Tatsächlich kann man durchaus hier genauso Muffel erleben, wie in Köln, bei der die Bevölkerung durchaus auch auf den noch verbliebenen Gletschern dieser Welt zu finden ist und lieber Hüttengaudi jagert, als sich dem Gutelaunezwang zu ergeben. Also reihe ich mich unter all die Touristen dieser Erde, ob von London oder New York, aber auch aus Brasilia, der Hauptstadt Brasiliens, die als Retortenstadt im Dschungel offensichtlich noch keinen Narrenstatus hat.

Größtes Problem gleich am Flughafen: Bus hat ne Drehtür, Hotel 20 Stufen (trotz Voranmeldung, dass ebenerdiger Zugang gewünscht ist) und die Copacabana ist gar nicht mehr das Kleinod karibischer Strandglückseeligkeit, sondern wohl vor allem ein großer Puff. Nun, so schlimm ist es nun doch noch nicht, aber wenn einem Eingeweihte bei jeder Chika etwas von „professional“ faseln, dann bleiben nicht mehr viele übrig, die dem 4 km langen Strandoldie noch etwas romantisches verleihen sollen.

Aber schon am Flughafen hab ich gar keine Chance, einer Teilzeitrioanerin zu entkommen, die grade mal aus ihrem Zweitwohnsitz in Kalifornien kommt und mal so nach ihrem Anwesen an der Copacabana schaut. Zum Carneval!!! Also Urlaub vom Hüttenzauber, sozusagen. So rum geht’s auch. Sach- und fachkundig abgeliefert an der Uferpromenade übergibt sie mich auch gleich der nächstbesten Chika auf Fahrrad, mich zum Hotel zu geleiten. Und tatsächlich, Awena aus London, hier verheiratet seit 10 Jahren, Malerin und Lehrerin, packt ihr Malzeug zusammen und erzählt mir in den nächsten 2 Stunden ihr Leben. Dazwischen wechseln wir das Hotel (wegen den Stufen) und knacken ihr Fahrradschloss, das sich nicht mehr aufschliessen lässt, holpern die 4 km zum anderen Ende über portugiesisches Kopfsteinpflaster (mit Gepäck) und fachsimpeln über Gott, die Welt, ihren eifersüchtigen Ehemann (der alle 5 Minuten anruft, Awena geht nicht dran) und sie verabschiedet sich dann mit dem Zusatz: „…….Schade auch……..“

Nun, wenn das so weitergeht, dann fängt Carneval ja schon mal gut an.

Der zweite Tag war zur Orientierung gedacht, die Copa ist ja ein ganzes Stück weg vom Centro und das eigentliche Leben findet eh in den Favelas statt, da wo kein Tourist des Nachts alleine rumturnen sollte, wenn er mit seinen 7 Sachen wieder nach Hause kommen möchte. Da aber die Sambaschulen, die sich am Sambadrome 3 Tage lang mit 16 Konkurrenzen kollapsfördernde Tanz- und Kostümschlachten liefern, alle aus den Favelas sind, und diese an ihrem Standort kurz vor der Entscheidung ihr Viertel aus zugehörigkeitsfördernden Gründen zum Mitmachen stimulieren wollen, muss der interessierte Tourist eben diese Kröte schlucken und in die Höhle des Löwen. (Saublöder Ausdruck, die Tiere leben gar nicht in Höhlen…..)

Ich lass mich also in die Avenua Venezuela bringen und staune, dass da nichts los ist. Das Reisebüro, das mir dringend davon abgeraten hat, zum größten Favelafest der Stadt zu gehen, weil es da zu eng ist, dafür aber auf das Straßenfest der Bohemios da Lapa zu gehen, hat sich im Dschungel des Carnevals wohl verirrt, denn die Fete hat schon letzte Woche stattgefunden. Zum Zurückfahren oder Kartenbesorgen für den Megaball ist es aber schon zu spät und Hunger hab ich auch. Ich lass mich also absetzen, eben allein in der Nacht in einer berüchtigten Favela auf der Suche nach ner Kneipe. Nun, Lapa ist glücklicherweise ein mit Restaurants, Lifemusik und Diskos gesegnetes Viertel, das gar keinen Eindruck von Slum oder berüchtigtes Viertel hat. Bei so vielen Leuten, die an Tischen im Freien sitzen, während drinnen teilweise richtig historische, ja sogar burleske Einrichtungen selbst anspruchsvollen europäischen Geschmäckern genügen, kommt gar kein Gedanke an Gefahr oder Risiko auf. Lapa sollte man auf keinen Fall verpassen.

Ich hab noch keine Karten für den Sambadromo. Nur im Centro befindet sich die einzige Verkaufsstelle für die Zona 4, bei der man einen ebenerdigen Zugang zum Stadion hat (mehr dazu später). Nicht im Internet, nicht an offiziellen Verkaufsstellen für Touristen, eben nur da und persönlich. Ich geh da also hin und will ne Karte. Bei 3 Veranstaltungen a` 82 Tsd. Zuschauern ist das ja kein Problem und so hoffe ich, eine Karte ganz unten an der Basis zu bekommen, da wo man am nächsten dran ist.

„Sorry, no more tickets available, why do you come so late?“ (Nix gibts mehr, wer zu spät kommt, den ……)

Fassungslos starre ich in das Gesicht einer recht freundlichen, mich aufs „tiefste“ Bedauernde an, die mir gerade sagen will, dass ich die 20000 km (ok, hin und zurück) von Deutschland nach Rio wegen einigen Strassenfeten gekommen bin und die legendäre Show verpassen soll??? Schimpfen hilft jetzt nicht, jetzt sind Schleimspuren, Honig und Trübsal angesagt. Ich muss verdammt gut sein, eine Kollegin, die gar kein englisch spricht, hat meinen Bühnenauftritt beobachtet, zieht meine Kassandra zur Seite und redet auf sie ein. Diese nickt und kommt wieder auf mich zu: „You are lucky, I´ve got one more ticket, but you have to be alone and its 450 Rial).” Also: “Du kannst froh sein, dass ich meinen guten Tag habe, ich hab noch eine Karte gefunden, aber dafür zahlste ne extra Gebühr, am liebsten 450 Rial, und deine Chika kannste zuhause lassen!” Nun, das sind in Rial immerhin noch 180 Euro, aber das ist jetzt auch egal, immerhin ist der Sambodrome so etwas wie das Finale im Champions League. Und die Chikas an der Copacabana werden einen Abend ja wohl mal ohne mich auskommen.

Zuvor spricht mich eine dunkelhäutige Schönheit an. Sie hat Urlaub und wenn ich möchte, zeigt sie mir ein wenig die Stadt. Na, wenn das kein Angebot ist. Ich möchte zu einem der Blocos, berühmte Straßenfesten, die überall auf der Stadt verteilt zu Sambarythmen das Volk zum Feiern in die jeweiligen Favelas einlädt. Wir gehen nach einem recht überschaubaren Umzug auf der Copacabana zu dem viel aufregenderen Strandviertel Ipanema. Und dort ist gerade Transvestitenparty. Und weil die Jungs, die eigentlich Mädchen sein wollen (oder umgekehrt?) die phantasievollsten Kostüme zeigen, ist das ein Muß! Aber dort sind noch andere auf den Trichter gekommen und es ist so voll, dass an ein Durchkommen gar nicht zu denken ist. Beim Verweilen an einer vollbesetzten Bar werde ich wieder angesprochen. Diesmal wohl eher aus Mitleid, zumal ich grade Gefahr laufe, erdrückt zu werden. Eine Dame lädt uns ein, doch an Ihrem Tisch Platz zu nehmen, geschützt hinter einem Gitter. Interessant wird das Ganze, da keine der Mädels, auch meine Stadtführerin, deutsch oder englisch und ich kein portugiesisch spreche. Aber mit französisch, italienisch, spanisch und englischen Brocken kommt doch eine etwas langwierige aber doch interessante Konversation zustande.

Derweil ist der Bloco kein Carneval mehr sondern nur noch eine Müllhalde. Aber morgen wird’s besser. Schließlich bin ich im Sambadromo…..

Das Taxi will schon mal das Doppelte. Carneval ist insgesamt in Rio nicht nur die Zeit der Narren sondern auch der Halsabschneider. Doch schon die Ankunft ca. 1 km vor der eigentlichen Arena entlohnt alles. Schon das Vorfeld, bei dem man sich die riesigen Wagen ganz nah anschauen kann, sind schon die Anfahrt wert. Da stehen schon die Wagen für die heutige Präsentation, von denen es an 3 Tagen jeweils die schon erwähnten 16 Schulen gibt, die um die Krone des brasilianischen Carnevals konkurrieren. Der Sieg ist nicht nur wirtschaftlich äußerst interessant, sondern auch eine nationale Ehre. Die Champions Leaque ist nicht höher einzuschätzen. So ist denn auch das Stadion nicht einfach ein umfunktioniertes Fußballstadion, sondern ein extra für diesen Event gebautes Ensemble von Tribünen, Pressezentren, VIP Logen usw entlang einer etwa 600 m langen geraden, ca. 10 m breiten Straße. Nicht weniger als jeweils 82 Tsd. Zuschauer verfolgen denn auch jeden Abend die etwa 4-5 Tsd. Akteure mit ca. 7-8 Wagen, die alle für sich Kunstwerke auf Rädern sind, auf denen bis zu 100 Personen eine schweißtreibende Show abziehen und nicht wenige von den Sanitätern von der Strecke geschleppt werden müssen. Viele der Teilnehmer sind nämlich gar keine Brasilianer. Touristen können sich mindestens eine Woche vor der Show bei den einzelnen Schulen bewerben, sich ein Kostüm anpassen lassen, dieses mit 200 Euro bezahlen und nach einem Choreographie-Crashkurs am Defilee teilnehmen. Bei ca. 2000 solcher „Gastteilnehmern“ kommt für die Schulen eine hübsche Summe zusammen, die zusammen mit der Beteiligung an den Eintrittsgeldern (zw. 180 und 500 Euro) die Kosten für die Wagen, die Kostüme und die Logistik mehr als aufwiegen. Dazu kommen Einladungen zu Veranstaltungen über ganz Brasilien und ins Ausland, Fernseheinnahmen, Videoverkauf usw. Carneval ist für Rio der wichtigste Wirtschaftszweig. Sao Paulo ist ähnlich verrückt, aber eben nicht so erfolgreich. Gewertet werden verschiedene Kategorien. Da ist erst mal der Aufbau, d.h. wie kommt die Schule daher, dann die Choreographie, die Kostüme, Musik und Text (wobei nur ein Stück über 1 ½ Stunden echt auf den Wecker gehen kann), und natürlich die schönsten Wagen. Punkte gibt es auch für den flüssigen Ablauf, wer dauernd stehen bleibt, bekommt Punkte abgezogen.

Meine Befürchtung, ich muss nehmen, was ich noch als Nachzügler bekommen kann, sind nicht ganz unbegründet. Ich finde erst mal den Eingang für die Zone 4 nicht, muß mit dem Taxi um den kompletten Komplex herumfahren, weil der Eingang auf der anderen Seite des Defilees ist und ein Tunnel gibt es nicht, nur eine Überführung mit ca. 200 Stufen. Drinnen tobt schon die Masse im Sambafieber, die Schulen werden mit einem eigenen Feuerwerk begrüßt, also 6 mal heute abend. Wer hier her kommt, muß ausgeschlafen sein. Beginn ist um 21 Uhr und geht bis morgens um 6 Uhr!!!

Endlich bin ich da und sehe ….. eine fast leere Tribüne. Nur für Rollstuhlfahrer und deren Begleitung. Da drängeln sich ca. 15 Leute, davon 6 im Rollstuhl, und ich trau meinen Augen nicht, so viel Theater und jetzt das. Überall sonst treten sich die Leute auf die Füße und hier haben wir nicht nur einen Platz in der ersten Reihe, also direkt auf Handschüttelabstand. Gegenüber ist auch noch der VIP Bereich und da steht eine, die ich schon mal gesehen habe. Da fragt mich mein Nachbar, ob ich weiß, wer das ist!? Und supercool klär ich ihn auf, was er eh schon weiß: Gisele Bündchen. Ein schmächtiges, blondes Persönchen, die abgeklärter und professioneller nicht sein kann. Weiß sich in Szene zu setzen, in jede Kamera zu lächeln, zu winken und zu tun, als ob ihr das alles nur Spaß macht. Ich mach ne Wette mit ihr. Sie geht mindestens eine halbe Stunde vor mir. Kameralächelstreß gegen mangelndes Sitzfleisch. Das ist fair.

Mittlerweile kommt die erste Schule an uns vorbei. Die ersten Gruppen sind am beeindruckensten. Phantasievolle Kostüme, ca. 10 kg schwer werden von oft mehr als 60 jährigen über die mehr als 1 km lange Piste (mit Vorlauf) und wieder zurückgetragen. Themen wie die Eroberung Amerikas durch die Spanier und Portugiesen, dann die Franzosen, die auch hier eine Zeit lang das Sagen hatten, werden immer wieder mit sehr viel teils krotesken Übertreibungen dargestellt. Aber auch das Thema Seefahrt, was ja mit der Besiedlung durch die Europäer zu tun hatte und auch die Ägypter sind ein beliebtes, ein beeindruckendes Thema, vor allem in der Umsetzung mit den teilweise gewaltigen Wagenaufbauten, die oft über 10 m hoch sind und bei uns durch keine Straße passen würden. Die Wagen sind mit Besatzung das Beste, was ich seit der 200 Jahrfeier in Paris 1989 gesehen habe. Und als totaler Kontrast die Mädels, bei denen es für ein Kostüm nicht mehr gereicht hat. Die müssen dann eben nackt auf dem Wagen stehen und sich von den Zuschauern mit teils mehr als 100 m Entfernung begaffen lassen. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, die Chickas geniessen das, werfen uns (mir?) mit Augenzwinkern Kusshändchen zu und betonen kurz und bewusst, was andere mit ständigem Zurechtrücken der Robe zu verdecken suchen. Dazu das unvermeidliche Samba-Po-Wackeln. Zuhause hat es noch 0 ° C, da dürfte der Karneval etwas weniger erotisch ablaufen. Aber ich bin ja nur hier, um mir die Kostüme anzuschauen…..

23.30 Uhr. Gisele macht sich aus dem Staub. Ich hab noch 4 Schulen vor mir. Aber die Kleine hat das ja auch schon ein paar mal gesehen und ich bin noch Novize. Manche Defilees hören überhaupt nicht mehr auf. Wenn man denkt, das wars jetzt, schaut man nach links und stellt fest, da kommen noch immer Wagen aus ca. 400 m Entfernung.

Um 4 Uhr 30 geb ich auf. Die Tribünen sind noch voll, ich hab noch ne Stunde Taxi vor mir und mittags wollte ich zu einer Stadtfahrt aufbrechen. Schließlich hat Rio ja noch was anderes zu bieten.

Als 3. Alternative im Carneval haben sich die Hotels zu wahren Hütern gehobenen Sambapartys gemacht. So hat das Sofitel die Mädels vom Moulin Rouge eingeladen, um mal von den echten Sambagirls gezeigt zu bekommen, was echte Erotik ausmacht. Leider bin ich am Mittwoch schon wieder zu Hause. Meinen Smoking hatte ich ja auch nicht dabei. Dann eben demnächst in Paris. Mal sehen, was die so gelernt haben in Rio. Dafür mach ich mich auf den Weg zur 4. Alternative. Im Nachtclub an der Copacobana soll es am heftigsten zugehen und die schönsten Mädchen Rios den Samba von seiner schönsten Seite zeigen. Das möchte ich nicht verpassen, zumal meine Bleibe keine 100 m entfernt ist. Vor 24 Uhr geht man da nicht hin, ich hab also noch Zeit, das eine oder andere Bloco anzuschauen. In der Innenstadt in der Rue Branca soll der Teufel los sein. Leider auch wieder alles so voll, dass es keinen Spaß macht, sich von den Mengen erdrücken zu lassen. Stimmung ist so schlecht möglich und verdirbt eher das Ganze. Also ab in „Help“. Ein sehr bezeichnender Name….

Der Club ist eine riesige Disko mit einer sehr zentralen Tanzfläche. Galerien von oben lassen das Geschehen dort unten ganz entspannt, hrm, beobachten und man ist noch kaum drin, ist man auch schon umringt von sambabegeisterten Nachtschwärmern. Das Besondere heute: alles ist erlaubt. Sogar topless mit einem Netztopp getarnt und wer ohne was drunter hier ist, lässt das auch gerne wissen. Man weiss gar nicht, wo man hinschauen soll. Und kaum eine oder einer verlässt die Tanzfläche, die einem nicht noch einen Kuß oder eine Bemerkung mitgibt. Es gibt einem schon einen Flash, wenn man von 20-30 Astralathleten umringt ist und nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Dass der Abend nicht auch vor 5 Uhr zu Ende ist, versteht sich von selbst. Aber leider ist heute auch wieder der Rückflug angesagt. Schöner kann der Trip nach Rio aber auch nicht beendet werden.

Fazit: wer bereit ist, mitzumachen, hat garantiert Spaß und Erlebnisse, die zusammen mit ca. 30 C Sommerwetter die triste Kälte zu Hause vergessen machen. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen.