26.06.2009
Die Ohren sind das Limit
Logbuch 25.05.2009. Ort des Schauplatzes. Le Luc in der Provence in Südfrankreich, ca. 40 km von Monaco. Genau, da ist grade Formel 1 und Le Luc ist eine private Formel 1 Rennstrecke, pardon – war – jetzt gehört sie der Stadt. Denn vor 15 Jahren hatte der ehemalige Formel 1 Rennfahrer Paul Riccard eine eigene Testrennstrecke in die Berge bauen lassen und musste dem Rennzirkus Tribut zollen - und aufgeben. Was blieb, war ein Fuhrpark von verschiedenen Rennwagen aus den 90ern mit 550 bis 700 PS, Le Mans Boliden und jede Menge Ersatzteile. Was macht man damit, wenn man nicht mehr im Zirkus mitfahren will? Genau, man vermietet den Plunder und lässt Hersteller ihre Reifen testen, Fahrertalente zu Profis ausbilden und Touris ihren Spaß haben. Und wir sind grade von Monaco vom Fahrertraining in die Berge gefahren, weil klar ist - dass das was die da vorm Cafe de Paris in Monaco hinkriegen, können wir schon lange.
Die Firma AGS, so heißt der Name dieses Ex-Rennstalls hat der besseren Vermarktung ihres Rennangebotes als zweites Unternehmen neben McLaren einen Doppelsitzer gebaut, mit dem man wie in einem Jagdflugzeug hintereinander sitzt und der Pilot dem Co-Pilot zeigt, was Sache ist. So was hat natürlich seinen Preis. Ein Wochenende mit Selbstfahrtraining in so einem Boliden kostet schlappe 3500 – 8500 Euro. Je nach dem, ob man mit einer 550 PS Schlaftablette oder einer 700 PS Hallo-Wach Rakete über den Ring stottern will. Denn das, was die meist russischsprachige Meute am Fahrerlager auf dem Ring fabriziert, lässt sich mit einem getunten GTI auch bewerkstelligen. Schon der Start lässt uns ein mitleidiges Lächeln entlocken, wenn der Einweiser schon zum dritten Mal erklären muss, dass man den Motor mit mindestens 5000 Umdrehungen erst mal hochdrehen muss, um dann die Kupplung kommen zu lassen. Der Krach lässt offensichtlich nichts gutes erahnen, denn dann würde man ja auch wohl sehr schnell vom Start weg kommen. (Von 0 auf 200!!! in 4,5 sec).
Lächerlich. Die haben doch 400 m Auslauf bis zur Kurve. Was stellen die sich an. Das können wir, Peter Wiedkamp, zwei Freunde aus Duisburg und Ich besser. Aber vor der Kür kommt die Pflicht. Rennanzüge aus feuerfestem Material sowie einer Sturmhaube und dem Helm sowie Handschuhe und Rennschuhe. Alles original Formel 1. Das Zeug ist aber alles andere als leicht anzuziehen. Das Gewürge mir allerlei Verrenkungen dauert schon mal gute 20 Minuten und dann sitzen wir erst mal in der prallen Sonne. So gut 33° C und die Leute vom Selbstfahrtraining sind noch lange nicht fertig. So langsam brennt es unter den Klamotten und nicht drüber. So war das nicht gedacht. Schwitzen als Warmfahrtraining? Als dann auch noch gut 15 Russen, Schweizer und Tschechen vor uns dran kommen, qualmen nicht nur die Socken. Aggression als Vorbereitung auf den heißesten Ritt Südfrankreichs. Dafür sollen die lachhaften 2 Runden im Doppelsitzer auch schlappe 340 Euro pro Nase kosten. Geschenkt. Aber sicher kriegen wir fürs Warten einen Bonus und haben noch ne extra Runde. Die Probanten vor uns steigen allerdings ziemlich kniebreiig wieder aus und schütteln ungläubig den Kopf. Jetzt sind sie selbst das ganze Wochenende mit den Kisten um den Kurs geheizt und jetzt im Doppelsitzer sieht alles ganz anders aus.
Wir werden neugierig. Endlich sind wir an der Reihe. Der “Sitz” hinter dem Piloten, na ja, Flugzeugcockpit beschreibt die Fahrzelle schon besser, ist keiner!!! Einfach nur ein Kasten ohne Polster, Seitenhalt, Rückenlehne, ausfahrbaren Getränkehalter….. nix. Einfach nur ein Hasenkasten und ohne eigenes Kissen würden wir einfach nur auf dem Bodenblech sitzen. Nach vorne hat’s nur 2 Griffe zum Festhalten und gnädigerweise kriegen die Weicheier eine Hartschaumplatte hinter den Rücken – das war’s mit Komfort. Blöderweise macht unser Boxenluder, äh, Hostess, die für uns zuständig ist, Stress, weil wir unsere Sturmhauben und Helme noch nicht auf haben. Ihr Chef schimpft immer, wenn die Standzeiten für den Boliden unnötig lange sind, da die Reifen abkühlen und dann weniger Grip haben. Aha. Also, schnell die Haube auf und die Ohrenstöpsel, die sie uns eindringlich empfiehlt. Blöderweise setze ich die Haube vor Hast verkehrt rum auf und sehe fast nichts. Also, schnell rumdrehen und noch mal. Wieder nix. Verzappelt und dabei die Ohrenstöpsel verloren, noch mal versuchen, Helm drauf… Passt. Mist, die Stöpsel sind weg. Auch gut. Der Helm ist ja schon Schutz genug und ich zwäng mich in die Kiste. Der Fahrer spielt schon mit dem Gas. Der Einweiser hebt den Arm, kaum dass ich mich einigermaßen gemütlich eingerichtet habe und ich schau noch mal zu Peter und möchte winken, da schlägt mein Kopf schon auf dem Chassis auf. Mit 4,2 sec von 0 auf 200 mit Vollgas vom Start weg in die erste Kurve. Kein Problem. Hab noch nix gegessen. Kurz vor dem Scheitelpunkt schlägt mein Kopf wieder auf, der haut in die Bremsen, als ob da ne Mauer wäre und schmeißt, jawohl schmeißt, die Kiste im 120° Winkel um die Ecke und sofort wieder Vollgas. Das dröhnt nicht schlecht. Alle Sekunde einen Gang höher und am Sound erkennt man, dass der Sitz eigentlich der Auspuff ist. Ich denke…., da schlägt der Kopf schon wieder am Chassis auf. Ich glaubs einfach nicht. Die Physik scheint andere Regeln zu kennen. Meine Kiste wäre schon lange ausgebrochen und hätte sich überschlagen, da schützt mich mein Helm wieder am Hinterkopf. Nach einer rechts links Kombination, die mein Pilot fährt, als sitzen wir in einem etwas zu groß geratenen Go-cart, und nichts anderes ist so eine Rennmaschine, kommt wieder eine längere Gerade. Der Fahrer zieht die Gänge auf 13000 U/ min und das pfeift nicht schlecht in den Ohren. Aber es geht schon wieder auf eine Haarnadelkurve zu. Meine Hände umklammern den Griff, als wenn mein Leben dran hinge. Tut’s irgendwie auch. Der Typ fährt über die Curbs, die Straßenrandmarkierungen, als wenn sie nicht da wären. Mein Hintern meldet aber, dass wir grade wieder mit ca. 160 km/h einen Bocksprung fabrizierten und dann wieder auf 250 km/h hochdrehen. Die Runde ist zu Ende, die lange Gerade mit Vollgas, ca. 290 km/ h an der Tribüne vorbei. Da, wo vorhin die Anfänger schon auf die Bremse getreten sind, schaltet der Typ noch mal hoch. Der spinnt. Meine Ohren tun schon weh. Und dann, klar, irgendwann, lange nach meinem ohnehin schon späten Bremspunkt, schmeißt mein Pilot den Anker raus, wirft die Kiste wieder um die Ecke, die Räder springen über die Curbs, er dreht wieder jeden Gang hoch bis zur Schmerzgrenze und langsam klingeln meine Ohren. Die Kurven werden mir egal, bloß nicht so hoch drehen. Wir sind erst in der 2. Runde!!!!! Fasziniert schau ich dem Treiben vor mir zu um dann gleich wieder den Kopf einzuziehen, dem Kreissägengeräusch zu entkommen, was unmöglich ist. Mein Helm hat seine Bewährungsprobe bestanden. Wir fliegen von Kurve zu Kurve in Geschwindigkeiten, die auch mit einem Tourenwagen nicht möglich sind.
Ein Vergleich: Fiat hatte mal eine Werbung gezeigt. 4 Fahrzeuge: ein Fiat Punto mit 150 PS, ein Alfa Romeo 159 mit 250 PS, ein Ferrari Testa Rosso mit 450 PS und einen Ferrrai Formel 1 Wagen. Der Punto fährt als erster los. 4 Sekunden später der Alfa, weitere 4 Sekunden der Ferrari und im Rennwagen saß noch keiner. Der Fahrer trank noch einen Kaffee, stülpt sich seinen Helm auf, die Handschuhe an und steigt ein, schnallt sich an und fährt los. Alle kommen fast gleichzeitig an.
Ich will hier raus, mein Trommelfell ist schon zerfleddert, zuhalten kann ich meine Ohren ja nicht, der Helm – Gott sei Dank – rechts – links – hinten mit Vollgas aufs Chassis. Mein Pilot ist ehrgeizig. Er will den Touris was bieten fürs Geld. Die beiden Runden kosten 380 Euro und ich zahl ihm gerne noch nen 10 drauf, wenn er die Gänge nicht so hoch dreht. Alles andere ist geil. Die Reifen haben einen Grip. Das gibt’s gar nicht. Ich will erst gar nicht wissen, wie die Jungs in Monte Carlo mit viel weniger Gewicht, weichen Reifen und Adrenalin bis zum Anschlag um die Ecken heizen. Da ist unser Chauffeur ein Gentlemen. Aber endlich ist die Tribüne in Sicht. Wir lassen es austrudeln. Die Meute klatscht – mir? – wie ich gönnerhaft in die Menge winke und dabei nur um Hilfe flehe, bitte endlich den Helm ab und meine Ohren auf Tauchstation. Was eine Wohltat……
Infos unter www.rehability.de oder
