Archiv für die Kategorie 'Paralympics'

So langsam wird es amtlich. Der Behindertensport in Deutschland kann sich nicht mehr schoen reden lassen. Wenn Laender wie Spanien und Suedafrika vor Deutschland stehen, also traditionell eher auf Kriegsfuss standen mit dem Behindertensport, dann muss es ja mittlerweile wohl andersrum sein. Wir feiern schon Silbermedaillen als was besonderes und in der Berichterstattung ist in vielen breiten HP’s von den Paralympics noch nicht mal die Rede. Z.B. bei T-online sucht man die tagesaktuellen Infos vergeblich. Nicht mal mehr unter Sport sonstiges. Das zeigt doch deutlich, welchen Stellenwert dieser Bereich mittlerweile einnimmt. Aber kein Wunder bei dem Funktionaersunwesen und unprofessionellen Strukturen wie z.B. im Radsport. Dass mittlerweile 7 Handbiker statt nur 2 wie in Athen am Start sind ist zwar positiv zu werten aber von den laecherlichen Trainingslagermethoden bis hin zu einer voellig inkompetenten und unglaublich arrogant gefuehrten Deutschen Meisterschaft ist auch nicht mehr Erfolg zu erwarten. Im Gegenteil, haetten die deutschen Athleten besser abgeschnitten, wär ja wieder der Blick verstellt auf die wirklich wichtigen Themen wie kompletten Neuanfang bis hin zu strukturellen Veraenderungen mit mehr Profis. So machen wir uns langsam aber ganz sicher lächerlich.

Wer meinen allerhoechsten Respekt geniesst ist einmal mehr Heinz Frei aus der Schweiz. Er hat nicht nur schon zum x-mal eine Goldmedaille im Marathon der Rollstuhlmarathonis gewonnen und das mit ueber 50!! sondern auch noch die Handbikerennen sowohl des Strassenrennens als auch der Zeitfahrer. Hier kann und muss man von anderem Trainingsaufwand und Leistungsvermoegen ausgehen als von einigen anderen Sportarten, mit denen sich Deutschland im Medaillenspiegel ueber Wasser haelt. Hier zu gewinnen ist die Kroenung und Heinz Frei ist der Koenig!!! Leider hat es fuer die deutschen Jungs diesmal nicht zu einer Medaille gereicht, obwohl nah dran waren sie schon . Einmal mehr musste Norbert Koch, ein ehemaliger Team Rehability Fahrer seinem kurz vor den Spielen erlittenen Unfall Tribut zollen. Erst vor 14 Tagen wurde er beim Training von einem Auto von der Strasse geholt und hat sich eine Vielzahl von Prellungen zugezogen. So konnte es wohl auch nichts werden mit der Goldmedaille, dafuer respektablen 7. Platz.

Michael Heil

Letzter Tag in Beijing

Bevor ich Beijing verlasse, wollte ich auf jeden Fall noch etwas Kultur erleben. Dazu soll es hier grandiose Galerien geben neben Kunstausstellungen, die zum Teil auf verlassenen Fabrikgelaenden ausgelagert wurden. Dazu muss ich aber mit dem Taxi erst mal aus der Stadt fahren und das dauert dann auch etwa 1 Stunde. Gefruehstueckt hab ich noch nichts. Wirds ja sicher dort was geben. Aber vorher wollte ich noch auf den Kohlehuegel am Nordausgang der Verbotenen Stadt, dort wo sich ein Kaiser, nachdem seine Wachen ueberrumpelt wurden gefluechtet und zusammen mit seinem Lieblingseunuchen selbst erhaengt hat. Heute ist das ein riesiger Huegel, der von einem frueheren Kaiser angelegt wurde und zwar aus Feng shui Gruenden. Gleichzeitig fungiert der Huegel aber auch als Park fuer die Einheimischen und morgens sollen aeltere Herrschaften dort Tai zhi, eine Art Schattenboxen praktizieren. Und ich komm und seh – eine Art Volkspark und Tausende von Leuten allen Alters und Musik, vielmehr Krach aus allen Ecken und Enden durch Lautsprecher, Tanzgruppen, Lautespieler und Rasenmaeher. Alles auf einmal. Hinter jedem Baum und jedem Felsbrocken steht jemand und reckt und dehnt sich, von Schreitherapien und Stretchingbaeumen bis Meditation. Alles dabei. Ich bin etwas verwirrt. Zuviel (Un-)ruhe hier, wo ich doch den metaphysischen Chinesen kennen lernen wollte. Ich also wieder raus und Taxi suchen. Leider nehmen nicht wenige gleich wieder Reissaus, wenn sie sehen, dass da wieder so ne Langnase noch dazu im Rollstuhl steht. Die schauen dann geflissentlich weg und wechseln die Fahrbahn. Aber schliesslich haelt einer und mittels eines Reisefuehrers kann ich ihm auch zeigen, wo ich hin will. Also eine Stunde Fahrt und endlich da – erst um 15 Uhr geoeffnet. Eine junge Chinesin mit recht gutem Englisch gibt mir aber ein paar Tipps, was auf hat und in der Naehe ist, wenn ich schon mal da bin und ab gehts, wieder ins Taxi. Natuerlich hat mir die Kleine die Adresse auf chinesisch geschrieben und so kann ja nichts schief gehen. Ich bin hundemuede und nicke ein, und steh schliesslich wieder in der Stadt vor einem Starbuckscafe. Da will er mich rausschmeissen. Ich glaub’s nicht. Die Adresse ist wohl richtig, beschreibt aber einen Bezirk der halt so heisst wie die Strasse der Ausstellung. Ich hab Hunger, ja noch nix gegessen und die Nase voll. Wenn das morgen so weitergeht, dann steh ich irgendwo in China an der russischen Grenze statt an der Terrakotta-Grube in Xian….

Aber so schnell aufgeben iss nich. Also noch mal ins Taxi und zur Galerie 798. So heisst die. Und als ich da bin, glaub ichs nicht. Ein Industriekomplex, verlassen und umgebaut und hier pocht das, oder vielmehr eines von mittlerweile vielen Herzen der kuenstlerischen Seelen chinesischer aber auch auslaendischer Kuenstler. Eine Ausstellung nach der anderen und wer glaubt, die liegen alle in irgendwelchen verkommenen Hinterhoefen sei eines besseren belehrt. Modern, kreativ und unglaublich gut. Hier wird ein Markt geschaffen, den wir sehr bald spueren werden. Auch in Europa.

Wei kommt vorbei und wir schlendern noch eine Weile durch die vielen Gebaeude. Dann muessen wir zu einem Meeting der NGO’s, d.h. non government organisations. Also gemeinnuetzigen Vereinen, die sich kleinen Pflaenzchens gleich Bahn brechen, um die Interessen von Minderheiten, nicht kommerziellen Interessen und eben auch Behinderten in der chinesischen Gesellschaft zu vertreten. Und ich bin etwas ueberrascht, statt 3-4 Vertretern und einem Interview sehbehinderten Journalisten sind gleich 16 Leute aller Richtungen, von Glasknochen, Cerebralparese und Sehbehinderten vertreten. Sie alle wollen wissen, wie es mir gefaellt, was ich hier tue und vor allem zuhause. Mit der Zeit stelle ich fest, ich werde regelrecht geloechert. Der Bedarf an Erfahrungen in vor allem westlichen Laendern ist enorm. Aber jeder meint, es muesse mehr staatliche Foerderung her, die Kritik wird nicht in der Partei gehoert und die Behinderten nicht wahrgenommen. Ich denke, dass man hier weniger mit lauter Kritik bis unverhohlener Polemik weiterkommt als mit konstruktiven Vorschlaegen, wie die Leute sich erst mal selber helfen, eigene Leute fuer die Weiterentwicklung von Hilfsmitteln und Verbesserung der Alltagssituation koennen. Auch die Chinesen haben ihren Schaeuble. Der Sohn Deng Xiao Pings, des Nachfolgers von Mao an der Regierung wurde von regierungstreuen Schergen waehrend der Unruhen der 80er Jahre so maltraetiert, dass er sich keinen anderen Ausweg wusste, als waehrend der “Befragung” aus dem 3. Stock zu springen und ist seither querschnittgelaehmt. Heute spielt er eine wichtige Rolle in der Politik. Aber mit politischen Aemtern ist es eben so eine Sache. Wenn man als Betroffener mit universellem Anspruch sich zu sehr fuer eine Randgruppe einsetzt, ist man eben nicht mehr waehlbar oder unabhaengig genug und setzt sich unverstaendlicher Weise eben zu wenig in den Augen der “eigenen Leute” ein. Aber das ist kein Thema fuer diesen Blog.

Michael Heil

Die Mauer steht noch!!

Michael Heil bei den Paralympics in Peking Ich glaubs gar nicht. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, seh ich den Himmel. Blau. Himmelblau. Ich dachte echt, hier gibt es nur Dauernebel. Smog und kein bisschen Sonne. Aber gestern warn wir noch zum Abhaengen auf einer Partymeile in der Naehe der Altstadt und haben leider Pech, da es dauerregnet. Das hat aber wohl die Luft gereinigt und so haben wir heute dieses einzigartige Vergnuegen. Also rauf auf die Mauer. Unser Fotograph hat hierzu eine Uniform eines Wachsoldaten besorgt und zusammen mit Gamaschen, Maomuetze und einer Wasserflasche, ne Flinte war leider nicht drin, machen wir uns auf den Weg an die grosse Mauer. Vor 20 Jahren war ich schon mal hier und das auch noch an Weihnachten. Etwa 1 Stunde von Beijing entfernt hatte es nicht weniger als -20 Grad im Wind. Nicht zum Aushalten und ausserdem kaum etwas gesehen. Zum Teil ist die Mauer so steil, dass selbst Leute gut zu Fuss Probleme haben, nicht abzurutschen, Treppen gibts nur an den Tuermen. Aber wohl zu den Olympischen Spielen haben sie einige Abschnitte vollkommen renoviert, gut sortierte und nett aussehende Verkaufshaeuschen gebaut und fuer Rollstuhlfahrer sogar am ersten Stueck Rampen gebaut, so dass man an Stellen kam, bei denen die ganze Region eingesehen werden kann. Und das ist echt spektakulaer. Man kann sich nicht vorstellen, wie die Menschen damals auf mehr als 4000 km Laenge in teilweise absolut gebirgigem Gelaende Mauern und Tuerme errichten konnten. Es sind aber auch viele Tausend Arbeiter dabei ums Leben gekommen. Und hier wollte ich ein Foto.

Als Rollstuhlfahrer die Mauer bewachen, in Uniform und auch noch als Auslaender, mehr Widerspruch geht nicht. Aber darum geht es ja. Und abgesprochen ist es auch noch. Unsere Mittelsleute von der Regierung fanden die Idee so absurd, dass sie schon wieder gut war. Jetzt muss die Umsetzung aber auch 100% stimmen. Wir suchen uns also bei bestem Wetter einen geeigneten Platz, wo die Szene authentisch und mit einem gehoerigen Stueck Mauerverlauf aufs Bild kommt. Dabei laufen oder vielmehr stehen immer mehr Touris um uns rum und gerade die Chinesen finden die Szene offenbar so gelungen, dass sie sich dauernd mit mir ablichten lassen wollen. Wenn ich nen Hut haette rumgehen lassen, waer meine Reise bezahlt.

Den Rest des Tages verbringe ich wieder auf dem Olympiagelaende und schau mir mal die Ausstellungen an. Die Expo waere hier auch gut repraesentiert. Es ist unglaublich, mit welchem Aufwand die Firmen selbst fuer die Paralympics hier praesent sind. Aber bei den Massen an Besuchern ist jedes Stadion ausgebucht. Die Stimmung gigantisch. Deutsche Beteiligung mal wieder Mangelware.

Leider trenne ich mich von Qian qian. Sie moechte lieber noch eine Woche in Beijing bleiben und ausserdem ist die ganze Sache etwas organisatorisch aus dem Ruder gelaufen. So aufwaendig war vor allem die Fototour nicht geplant und Erfahrung sind dazu halt Mangelware. Aber besser so eine Entscheidung jetzt als zu einer Zeit, wo wir gemeinsam irgendwo in China stehen. Ich muss also jetzt ohne Dolmetscherin auskommen und das in einem Land, bei dem ein Taxifahrer noch nicht einmal die romanische Schriftsprache lesen kann geschweige denn verstehen. Das wird lustig, oder vielmehr eben nicht. Aber man waechst ja bekanntlich an seinen Herausforderungen…

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