Bevor ich Beijing verlasse, wollte ich auf jeden Fall noch etwas Kultur erleben. Dazu soll es hier grandiose Galerien geben neben Kunstausstellungen, die zum Teil auf verlassenen Fabrikgelaenden ausgelagert wurden. Dazu muss ich aber mit dem Taxi erst mal aus der Stadt fahren und das dauert dann auch etwa 1 Stunde. Gefruehstueckt hab ich noch nichts. Wirds ja sicher dort was geben. Aber vorher wollte ich noch auf den Kohlehuegel am Nordausgang der Verbotenen Stadt, dort wo sich ein Kaiser, nachdem seine Wachen ueberrumpelt wurden gefluechtet und zusammen mit seinem Lieblingseunuchen selbst erhaengt hat. Heute ist das ein riesiger Huegel, der von einem frueheren Kaiser angelegt wurde und zwar aus Feng shui Gruenden. Gleichzeitig fungiert der Huegel aber auch als Park fuer die Einheimischen und morgens sollen aeltere Herrschaften dort Tai zhi, eine Art Schattenboxen praktizieren. Und ich komm und seh – eine Art Volkspark und Tausende von Leuten allen Alters und Musik, vielmehr Krach aus allen Ecken und Enden durch Lautsprecher, Tanzgruppen, Lautespieler und Rasenmaeher. Alles auf einmal. Hinter jedem Baum und jedem Felsbrocken steht jemand und reckt und dehnt sich, von Schreitherapien und Stretchingbaeumen bis Meditation. Alles dabei. Ich bin etwas verwirrt. Zuviel (Un-)ruhe hier, wo ich doch den metaphysischen Chinesen kennen lernen wollte. Ich also wieder raus und Taxi suchen. Leider nehmen nicht wenige gleich wieder Reissaus, wenn sie sehen, dass da wieder so ne Langnase noch dazu im Rollstuhl steht. Die schauen dann geflissentlich weg und wechseln die Fahrbahn. Aber schliesslich haelt einer und mittels eines Reisefuehrers kann ich ihm auch zeigen, wo ich hin will. Also eine Stunde Fahrt und endlich da – erst um 15 Uhr geoeffnet. Eine junge Chinesin mit recht gutem Englisch gibt mir aber ein paar Tipps, was auf hat und in der Naehe ist, wenn ich schon mal da bin und ab gehts, wieder ins Taxi. Natuerlich hat mir die Kleine die Adresse auf chinesisch geschrieben und so kann ja nichts schief gehen. Ich bin hundemuede und nicke ein, und steh schliesslich wieder in der Stadt vor einem Starbuckscafe. Da will er mich rausschmeissen. Ich glaub’s nicht. Die Adresse ist wohl richtig, beschreibt aber einen Bezirk der halt so heisst wie die Strasse der Ausstellung. Ich hab Hunger, ja noch nix gegessen und die Nase voll. Wenn das morgen so weitergeht, dann steh ich irgendwo in China an der russischen Grenze statt an der Terrakotta-Grube in Xian….
Aber so schnell aufgeben iss nich. Also noch mal ins Taxi und zur Galerie 798. So heisst die. Und als ich da bin, glaub ichs nicht. Ein Industriekomplex, verlassen und umgebaut und hier pocht das, oder vielmehr eines von mittlerweile vielen Herzen der kuenstlerischen Seelen chinesischer aber auch auslaendischer Kuenstler. Eine Ausstellung nach der anderen und wer glaubt, die liegen alle in irgendwelchen verkommenen Hinterhoefen sei eines besseren belehrt. Modern, kreativ und unglaublich gut. Hier wird ein Markt geschaffen, den wir sehr bald spueren werden. Auch in Europa.
Wei kommt vorbei und wir schlendern noch eine Weile durch die vielen Gebaeude. Dann muessen wir zu einem Meeting der NGO’s, d.h. non government organisations. Also gemeinnuetzigen Vereinen, die sich kleinen Pflaenzchens gleich Bahn brechen, um die Interessen von Minderheiten, nicht kommerziellen Interessen und eben auch Behinderten in der chinesischen Gesellschaft zu vertreten. Und ich bin etwas ueberrascht, statt 3-4 Vertretern und einem Interview sehbehinderten Journalisten sind gleich 16 Leute aller Richtungen, von Glasknochen, Cerebralparese und Sehbehinderten vertreten. Sie alle wollen wissen, wie es mir gefaellt, was ich hier tue und vor allem zuhause. Mit der Zeit stelle ich fest, ich werde regelrecht geloechert. Der Bedarf an Erfahrungen in vor allem westlichen Laendern ist enorm. Aber jeder meint, es muesse mehr staatliche Foerderung her, die Kritik wird nicht in der Partei gehoert und die Behinderten nicht wahrgenommen. Ich denke, dass man hier weniger mit lauter Kritik bis unverhohlener Polemik weiterkommt als mit konstruktiven Vorschlaegen, wie die Leute sich erst mal selber helfen, eigene Leute fuer die Weiterentwicklung von Hilfsmitteln und Verbesserung der Alltagssituation koennen. Auch die Chinesen haben ihren Schaeuble. Der Sohn Deng Xiao Pings, des Nachfolgers von Mao an der Regierung wurde von regierungstreuen Schergen waehrend der Unruhen der 80er Jahre so maltraetiert, dass er sich keinen anderen Ausweg wusste, als waehrend der “Befragung” aus dem 3. Stock zu springen und ist seither querschnittgelaehmt. Heute spielt er eine wichtige Rolle in der Politik. Aber mit politischen Aemtern ist es eben so eine Sache. Wenn man als Betroffener mit universellem Anspruch sich zu sehr fuer eine Randgruppe einsetzt, ist man eben nicht mehr waehlbar oder unabhaengig genug und setzt sich unverstaendlicher Weise eben zu wenig in den Augen der “eigenen Leute” ein. Aber das ist kein Thema fuer diesen Blog.