Archiv für das Tag 'Beijing'

Michael Heil

Letzter Tag in Beijing

Bevor ich Beijing verlasse, wollte ich auf jeden Fall noch etwas Kultur erleben. Dazu soll es hier grandiose Galerien geben neben Kunstausstellungen, die zum Teil auf verlassenen Fabrikgelaenden ausgelagert wurden. Dazu muss ich aber mit dem Taxi erst mal aus der Stadt fahren und das dauert dann auch etwa 1 Stunde. Gefruehstueckt hab ich noch nichts. Wirds ja sicher dort was geben. Aber vorher wollte ich noch auf den Kohlehuegel am Nordausgang der Verbotenen Stadt, dort wo sich ein Kaiser, nachdem seine Wachen ueberrumpelt wurden gefluechtet und zusammen mit seinem Lieblingseunuchen selbst erhaengt hat. Heute ist das ein riesiger Huegel, der von einem frueheren Kaiser angelegt wurde und zwar aus Feng shui Gruenden. Gleichzeitig fungiert der Huegel aber auch als Park fuer die Einheimischen und morgens sollen aeltere Herrschaften dort Tai zhi, eine Art Schattenboxen praktizieren. Und ich komm und seh – eine Art Volkspark und Tausende von Leuten allen Alters und Musik, vielmehr Krach aus allen Ecken und Enden durch Lautsprecher, Tanzgruppen, Lautespieler und Rasenmaeher. Alles auf einmal. Hinter jedem Baum und jedem Felsbrocken steht jemand und reckt und dehnt sich, von Schreitherapien und Stretchingbaeumen bis Meditation. Alles dabei. Ich bin etwas verwirrt. Zuviel (Un-)ruhe hier, wo ich doch den metaphysischen Chinesen kennen lernen wollte. Ich also wieder raus und Taxi suchen. Leider nehmen nicht wenige gleich wieder Reissaus, wenn sie sehen, dass da wieder so ne Langnase noch dazu im Rollstuhl steht. Die schauen dann geflissentlich weg und wechseln die Fahrbahn. Aber schliesslich haelt einer und mittels eines Reisefuehrers kann ich ihm auch zeigen, wo ich hin will. Also eine Stunde Fahrt und endlich da – erst um 15 Uhr geoeffnet. Eine junge Chinesin mit recht gutem Englisch gibt mir aber ein paar Tipps, was auf hat und in der Naehe ist, wenn ich schon mal da bin und ab gehts, wieder ins Taxi. Natuerlich hat mir die Kleine die Adresse auf chinesisch geschrieben und so kann ja nichts schief gehen. Ich bin hundemuede und nicke ein, und steh schliesslich wieder in der Stadt vor einem Starbuckscafe. Da will er mich rausschmeissen. Ich glaub’s nicht. Die Adresse ist wohl richtig, beschreibt aber einen Bezirk der halt so heisst wie die Strasse der Ausstellung. Ich hab Hunger, ja noch nix gegessen und die Nase voll. Wenn das morgen so weitergeht, dann steh ich irgendwo in China an der russischen Grenze statt an der Terrakotta-Grube in Xian….

Aber so schnell aufgeben iss nich. Also noch mal ins Taxi und zur Galerie 798. So heisst die. Und als ich da bin, glaub ichs nicht. Ein Industriekomplex, verlassen und umgebaut und hier pocht das, oder vielmehr eines von mittlerweile vielen Herzen der kuenstlerischen Seelen chinesischer aber auch auslaendischer Kuenstler. Eine Ausstellung nach der anderen und wer glaubt, die liegen alle in irgendwelchen verkommenen Hinterhoefen sei eines besseren belehrt. Modern, kreativ und unglaublich gut. Hier wird ein Markt geschaffen, den wir sehr bald spueren werden. Auch in Europa.

Wei kommt vorbei und wir schlendern noch eine Weile durch die vielen Gebaeude. Dann muessen wir zu einem Meeting der NGO’s, d.h. non government organisations. Also gemeinnuetzigen Vereinen, die sich kleinen Pflaenzchens gleich Bahn brechen, um die Interessen von Minderheiten, nicht kommerziellen Interessen und eben auch Behinderten in der chinesischen Gesellschaft zu vertreten. Und ich bin etwas ueberrascht, statt 3-4 Vertretern und einem Interview sehbehinderten Journalisten sind gleich 16 Leute aller Richtungen, von Glasknochen, Cerebralparese und Sehbehinderten vertreten. Sie alle wollen wissen, wie es mir gefaellt, was ich hier tue und vor allem zuhause. Mit der Zeit stelle ich fest, ich werde regelrecht geloechert. Der Bedarf an Erfahrungen in vor allem westlichen Laendern ist enorm. Aber jeder meint, es muesse mehr staatliche Foerderung her, die Kritik wird nicht in der Partei gehoert und die Behinderten nicht wahrgenommen. Ich denke, dass man hier weniger mit lauter Kritik bis unverhohlener Polemik weiterkommt als mit konstruktiven Vorschlaegen, wie die Leute sich erst mal selber helfen, eigene Leute fuer die Weiterentwicklung von Hilfsmitteln und Verbesserung der Alltagssituation koennen. Auch die Chinesen haben ihren Schaeuble. Der Sohn Deng Xiao Pings, des Nachfolgers von Mao an der Regierung wurde von regierungstreuen Schergen waehrend der Unruhen der 80er Jahre so maltraetiert, dass er sich keinen anderen Ausweg wusste, als waehrend der “Befragung” aus dem 3. Stock zu springen und ist seither querschnittgelaehmt. Heute spielt er eine wichtige Rolle in der Politik. Aber mit politischen Aemtern ist es eben so eine Sache. Wenn man als Betroffener mit universellem Anspruch sich zu sehr fuer eine Randgruppe einsetzt, ist man eben nicht mehr waehlbar oder unabhaengig genug und setzt sich unverstaendlicher Weise eben zu wenig in den Augen der “eigenen Leute” ein. Aber das ist kein Thema fuer diesen Blog.

Michael Heil

Administration

Die Olympiade in Bijing wie uebrigens auch in Barcelona oder Athen sind nun mal gepraegt von der Angst vor Anschlaegen. Da machen auch die Paralympics nicht halt. So ist es aber auch ein Zeichen von Normalitaet und Gleichbehandlung nicht nur im Guten sondern auch in den Dingen, die das Leben manchmal schwierig machen. Ueberall Kontrollen. Ueberall Roentgengeraete und Passkontrolle, vielmehr der Akkreditierung. Jede hat verschiedene Kuerzel und man kann noch so ViP sein, es gibt immer einen Eingang, eine Veranstaltung oder Bereich, der eben nicht zugaenglich ist. So bin ich eben nicht im Pressezentrum vorgesehen, also komm ich auch nicht rein. Dass ich trotzdem drin war, ist Gluecksache, aber eben nicht geplant. So treff ich Andreas Schneider, verantwortlich fuer den Internetauftritt der ParalympicSport TV Hier werden die Aufzeichnungen des Chinesischen Fernsehens fuer das deutsche Publikum zurechtgeschnitten und aufgezeichnet. Da er gleich zur Deutschen Botschaft zu einem Empfang muss, unterhalten wir uns kurz ueber die wichtigsten Termine und was sonst noch so wissenswertes ueber das Leben als Offizieller bei den Paralympics ist.  Im Swiss Hotel, der Zentrale der Paralympics laufen wir Herrn Samaranch ueber den Weg und Mr. Graven, der President des IPC ist auch auf einer Stepvisite da. Uebrigens auch Werner Lempke, der Ex-Manager des Werder Bremen, jetzt in offizieller Mission fuer die Paralympics unterwegs. Und weil sich die grosse Familie eben immer wieder und ueberall trifft, stosse ich auch auf Margit Quell und Prof. Krombholtz, kurz Krumbine, die seit Jahrzehnten das Rollstuhltanzen in Deutschland aufgebaut und organisiert haben. Krumbine spricht mich sofort mit Namen und der einzigen Veranstaltung an, die ich mit dem Tanzen und ihrer persoenlichen Anwesenheit verbinde, das waren die Rock n’ Roll Meisterschaften in Muenchen 1985. Sie kann sich sogar noch an Einzelheiten meines Auftritts erinnern, obwohl ich damals ja nur 7. wurde. Ich bin perplex und kann es nicht glauben, dass man ein so gutes Gedaechtnis haben kann. Ich kann mir Namen nicht mal 5 Minuten merken. Wahnsinn. Mittlerweile heimsen die Chinesen, Amerikaner und Englaender eine Goldmedaillie nach der anderen ein. Von den deutschen Athleten ist nicht viel, oder gar nichts? zu sehen. Aber die haben vielleicht ja nur noch nicht “ihre” Disziplinen am Start. Schaun mer mal….

Logo Paralympics Dass Michael Heil, einer der Geschäftsführer von Rehability, gerne möglichst weit weg von Haus und Hof, Alltag und Stress in der Ferne neue Eindrücke sucht, Erfahrungen und Erlebnisse dann auch hier zum Besten gibt, ist ja nichts Neues. Und so wird er die Gelegenheit wahrnehmen, zu den Paralympics nach China zu reisen und Bericht zu erstatten, wenn es denn etwas aufregendes zu berichten gibt.

Dabei wird er begleitet von chinesischen Studenten der Heidelberger Uni, die bei den Paralympics für Funk und Fernsehen Dolmetscher spielen werden. Aber wer will denn schon die ganze Zeit in Peking abhängen.

Das Reich der Mitte hat Städte mit weit mehr als 10 Mio. Einwohnern, die noch kaum jemand kennt, geschweige denn wüsste, wo genau die denn liegen. So z.B. Huongzhou, eine alte Kaiserstadt nahe von Shanghai, oder Xian, ebenfalls eine Kaiserstadt, lange bevor Peking eine solche werden sollte.

Aber nicht nur Städte sind interessant, auch das Leben auf dem Land mit seinen Problemen aber vor allem Schönheiten hat seinen Reiz. Und das Ganze dann auch noch im Rollstuhl. Leider wird in den mittlerweile immer westlicher werdenden Metropolen kaum noch chinesische Traditionen geboten.

Wir haben sogar einen unserer Mitarbeiter unter den Teilnehmern: Tobi Knecht vom Team Otto Bock und tätig in der neuen Filiale in Sinsheim wird die Handbiker unterstützen. Klar, dass wir ihm die Daumen drücken und viel Erfolg wünschen.