Dass ein roter Teppich für viele Menschen im Showbizz eine magische Anziehungskraft besitzt, hab ich mittlerweile schon einige male erlebt. In New York aber bekommt das eine noch zusätzliche Note. So crazy und abgedreht geht es selbst in Cannes nicht zu (siehe blog – „die Ohren sind das Limit“). Manchmal hat man den Eindruck, die Gäste wollen den Models auf Teufel komm raus Konkurrenz schon vor dem Catwalk machen. Wir haben von dem Treiben vor dem Mercedes-Benz Fashion Zelt Ensemble aber schon viel Zeit verbraten und eigentlich geht die Post ja erst mal Backstage ab. Da haben wir nämlich Foto- und Dreherlaubnis und wollen so eine Modenschau von der Vorbereitung bis zum Schaulaufen miterleben.
Man geht natürlich durch den Hintereingang mit Eintrittskontrolle und Bodyguardspalier in einfach gehaltene Zelträume mit ca. 40 qm Fläche pro Raum und in jedem dieser Räume sind Spezialisten und warten auf die Modells, um sie zu schminken, Haare zu modellieren und Kleider anzuziehen. Und das geht erst mal erstaunlich gemächlich zu. Ca. 1 ½ Stunden vor der Show sind noch gar nicht so viele da. Nur die Kameraleute, Visagisten, Haarkünstler und Leute mit Bügeleisen, Nähmaschine und … jede Menge Journalisten, die mit ihren Mikrophonen aus den verschiedensten Radio-, Fernseh- oder Printredaktionen aufgeregt durcheinander wedeln und keinen, der ihren Weg kreuzt, ohne Fragenbombardement ziehen lassen. Und weil nicht jeder was zu sagen hat, weil vielleicht nur fürs Wasser zuständig, ist das schon ziemlich nervig. So habe ich aber erst mal Zeit, mit meinen Mitstreitern Fotos zu machen, die Szenerie erst mal einzufangen und die Models, die schon mal da sind, zu beobachten.
Da kommt plötzlich Leben in die Bude, Lena Gerke von Germanys next Top Models ist grade eingetroffen und wird zusammen mit Sara Nuru auf dem Catwalk laufen. Sofort werden sie in Beschlag genommen von Prosiebensat1, die mit einem ganzen Filmteam eingetroffen sind. Heidi ist nicht mitgekommen. Die ist zu diesem Zeitpunkt wohl schon zu schwanger. Während die Mädels also schon geschminkt werden, läuft die Kamera gnadenlos mit, damit auch ja keine Pore oder Pickel unbemerkt bleibt. So langsam füllen sich die Schminkplätze. Die Mädels, aber auch ihre männlichen Kollegen machen einen relativ relaxten Eindruck. Einige laufen jeden Tag für verschiedene Designer, kennen das Prozedere schon aus der Routine, sitzen mit iPod in einer Ecke und nehmen ihre Umgebung gar nicht richtig wahr. So werden sie auch in Ruhe gelassen. Aber wenn einer oder eine auch nur Anstalten macht, aufzustehen, sind die Kameras schon zur Stelle und die Mikrophone erhalten die immer gleichen Worthülsen wie Fußballspieler, die kurz nach dem Abpfiff das eben von allen eh schon gesehene Spiel kommentieren sollen. Klar, dass jeder die Klamotten ihres grade aktuellen Brötchengebers toll findet. Was sonst….?
Die Bude wird voll. Die Leute schieben sich durch die Räume, jeder will seinen Job machen, die Maniküre findet auf dem Fußboden statt. Während oben geredet, in der Mitte gerafft und unten lackiert wird, sich das Model komplett seiner Bestimmung übergibt, redet der Figaro genauso über die Frisur des Jetsets und der Visagist über die neuesten Lipgloss-Technik. Das Model findet die Klamotten toll und der Fotograf will das Kinn ein wenig höher, die Augen ein wenig offener. Von Konzentration vor dem Auftritt ist nicht zu denken.
In dieser Szenerie fällt ein Rollstuhlfahrer natürlich ganz besonders auf. Und mit gestylten Rädern, rote Bänder statt Speichen und einem passenden roten Hemd wirkt mein Auftreten offensichtlich selbst stylish. Ab und an werde ich selbst zum Fotoobjekt und bekomme auch gleich Anweisungen. Ein Model wird einfach herbeizitiert, die das auch bereitwillig macht und ich soll sie ablichten. Der Profi fotografiert mich dabei und so wirkt die Szenerie noch mal völlig anders. Dass ich dann auch gleich eine Visitenkarte vom Cheffotograph der New York Times in die Hand gedrückt bekomme, macht mich schon irgendwie stolz. Na ja….
Einen Raum weiter tut einer seinen Job, der eigentlich dem Höhepunkt des Jahres entgegen fiebern sollte. Custo ist eigentlich nur da, um Interviews zu geben. Der Aufwand eines halben Jahres mit Kosten, die locker hoch sechsstellig sind, liegen alleine in der Verantwortung seiner Mitarbeiter. An Tipps und Anweisungen für die Models ist nicht zu denken. Jeder, der ein Mikro hat, steht in der Schlange und je nach dem, wie bekannt der Interviewer ist, drängeln sich die Kameraleute dazu, um etwas von der Szenerie mitzubekommen. Ich steh regelmäßig hinten. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren. Wer hier keine Fotos für seine Redaktion liefert, ist geliefert. Also gibt es keinen Pardon. Jeder ist sich selbst der nächste. Da kommt ein Geraune, eine schon an Ehrfurcht gebietende Atmosphäre auf. Jemand betritt den Raum und hat vor sich eine Traube von Fotographen gestellt, die unbedingt das beste Foto schießen wollen. Ich sehe die Szenerie nur von hinten. Denn das Gesicht ist ja in Richtung der Blitzlichter. Die Gestalt, eine elegante ältere Dame erhält durch das Blitzlichtgewitter von hinten eine regelrechte Aura, die schon fast einer sakrosankten ähnelt. Und es kann sich eigentlich nur um eine Chefredakteurin einer Vogue, Elle oder Bazzare handeln, deren Urteil in der Modebranche über Wohl und Wehe eines Designers entscheidet.
Noch eine halbe Stunde vor der Show. Es wird schon eingeläutet, die Gäste sollen so langsam ihre Plätze einnehmen. Ein kurzer Probelauf soll die Beleuchtung und die Choreographie checken und jetzt geht für die Models eigentlich der Stress los. Jetzt sollte alles sitzen. Aber nix da. Custo interviewt immer noch und die Models sind zum Teil immer noch in Straßenjeans. Die haben die Ruhe weg. Ich schau mir mal die Szene im Catwalkbereich an. Und das ist beeindruckend. Ca. 50 m lange Sitzreihen, ca. 10 in die Höhe gebaut und an der Stirnseite positionieren sich die Kameraleute. Ca. 25 m und in 8 Reihen übereinander. Wo man hinsieht nur Ojektive. Das sieht schon grotesk aus. Man sieht gar nicht die Leute dahinter, so groß sind die Kameras mit Weitwinkel, ein regelrechter Wald. Und die Gäste sind noch gar nicht drin. Und ich begreife schnell, warum sich die Gäste so viel Zeit lassen. Jeder der reinkommt, wird zum Star. Die Fotomeute schießt alles, was vom Eingang reinkommt. Und da ich wieder mal dahinter stehe, bekomme ich wenigsten die Powackler am besten mit. Und wenn die dann den nächsten Platz machen, steh ich schon bereit, sie 2 m vor mir vor die Linse zu bekommen. Und kaum halte ich die Kamera hoch, fangen die Mädels sofort an zu posen, sie schmeissen sich in halb- bis professionelle Figuren, dass ich mir ganz anders vorkomme. Wenn die wüssten, dass meine Bilder mindestens zur Hälfte falsch belichtet sind, z.T. verwackelt, weil ich oft den falschen Zeitpunkt zum Abdrücken finde, dann würden die sich wohl nicht so viel Mühe machen. Aber immer wieder zappeln die Mädels wie von einer Schnur gezogen vor mir rum, dass es schon Spaß macht, bloß die Kamera zu heben und schon geht’s los. Jede hat die Hoffnung, irgendwo in einem Magazin zu landen, entdeckt zu werden oder eben nicht vergessen. Leider kenn ich die New Yorker Szene nicht und so laufen da Leute run, die hier Klitschko oder Becker Status haben, für mich aber eben nur Gretel und Pledel. Egal, vielleicht krieg ich ja nen Brad Pitt vor die Linse und erkenne ihn bloß nicht, weil er sich grad hinter nem Vollbart versteckt hält.
Jetzt wird es auch Zeit für mich, irgendwo Platz zu nehmen. Aber leichter gesagt. Meiner ist nämlich in der 5. Reihe und da komm ich nicht hoch. Die erste Reihe ist für die Prominenz reserviert. Jeder Sitz hat ein Namensschild. Und da sitzt das who is who der Modewelt. Näher an den Models geht’s nicht. Ich krieg also einen Platz am Ende des Catwalks direkt vor den Kameraleuten zugewiesen, da wo die Models die Kurve kriegen müssen. Besser geht es gar nicht. Alle sind da und es fängt ohne großes Firlefanz an. Die Musik ist so laut, dass man schon den Bass in der Magengrube fühlen kann. Und schon kommen Models rausgelaufen. In rascher Folge Mädchen wir Jungs und erstaunlicher Weise in allen Gewichtsklassen. Zu schlanke ebenso wie sportliche und sehr definierte. Sehr attraktive ebenso wie eher schüchtern daherkommende, die man in der Stadt gar nicht wahrnehmen würde. Aber einige laufen hier mit einer Eleganz oder Selbstbewusstsein, das erahnen lässt, warum einer der Topdesigner der Welt gerade sie für seine Fashionshow gebucht hat. Blöderweise seh ich die Show nur durch die Kamera und das ist sehr schade, daher lass ich jedes 2. Model aus und mach eben kein Foto, da ja gleich die nächste kommt. Die Kleidung kann sich sehen lassen. Nichts, was so abgehoben oder abgedreht ist, das man nicht anziehen könnte, sehr farbenfroh, luftig, locker, die Jungs mit halblangen Hosen, Hüten und Pullis unter den Jackets. Die Mädels flattern mit ihren luftigen Kleidern über den Catwalk und hinterlassen einen bleibenden Eindruck gelungener Cuture.
Und ich hab so langsam rausgekriegt, wie ich mit den Lichtverhältnissen die besten Schnappschüsse machen kann. Aber dadurch, dass ich genau am Wendepunkt sitze, machen die Kids so schnelle Bewegungen, dass entweder die Blende zu kurz ist und zu dunkel, oder zu lange und verschwommen. Aber was solls, es kommen ja noch welche, ist ja erst 15 Minuten her. Und dann kommt plötzlich Custo und verneigt sich vor dem begeisterten Publikum. Ich bin verwirrt. Was ist jetzt los?! Der sollte doch als letzter raus kommen. Tut er leider auch. Denn so wie es angefangen hat, hat´s auch aufgehört. Die Leute stehen auf und streben dem Ausgang zu. Der nächsten Show entgegen, z.B. zum MTV-Award, der heute auch in der Stadt in der City Hall stattfindet. Ein wenig konsterniert und besorgt, ob ich genug gute Bilder für die CASTING-Zeitschrift, die mit dem Bericht in einer der nächsten Ausgaben rauskommen wird, geschossen habe, treffe ich mich mit meinem Team, das hoffentlich auch gute Sicht hatte, vor dem Gelände und atme erst mal tief durch. Wow. Das war ein Event, den die meisten nur vom Fernehen her kennen. Hinter den Kulissen sieht es eben ganz anders aus. Und wer weiß, vielleicht werde ich ja noch mal eingeladen und kann den einen oder anderen Kontakt nutzen.