Archiv für das Tag 'Joe Jackson'

Der Trupp von gestern findet sich schnell zusammen wie ein Landschulausflug. Es gibt hier kein anständiges Frühstück und so hocken alle in der Fastfoodabteilung des Casinos. Der Bodyguard von Joe, Frank,  ein ebenso imposanter wie in die Jahre gekommener Hüne erzählt Storys von Michael und Joe´s Vergangenheit und alle hören andächtig zu. Vieles geht leider unter, sein Akzent ist so fürchterlich, dass ich nicht alles verstehen kann. Aus den Händen kann er auch lesen und wie ein Wahrsager verspricht er den Mädels alles mögliche für die Zukunft. Alle Entertainer – irgendwie.

Zum Premierenabend wird dann doch aufgebrezelt, was der Kleiderschrank hergibt. So trumpfen viele bei einer Hochzeit nicht auf. Der rote Teppich wird ausgerollt und das heißt für alle Celebrities, helfe sich wer kann. Was da retuschiert und verkleidet wird, mit Mieder zusammengehalten, was die Natur zur Freiheit drängt ist schon bemerkenswert. Was die Zeitschriften denn so alles vorenthalten : ))

Treffpunkt ist der Eingang zum Playboy Club. Aber da geht’s erst später hin. Von hier will man wohl möglichst auffällig als geschlossener Trupp an den Journalisten vorbei über den Teppich schreiten, damit man auch ja im Blitzlichtgewitter nicht verloren geht. Schon auf dem Weg dahin sind vor allem die Mädels der Gesangsfraktion ziemlich aufgeregt. Und weil es in Las Vegas ungewöhnlich kalt ist, haben viele um die nackten Schultern ein kurzes Jäckchen oder eine Stola umgelegt. Kurz vor den Fotografen aber fangen die ersten an, sich dieser Utensilien zu entledigen und wer wird so langsam zum Edelkleiderständer??? ICH!! So kann ich ja unmöglich selber mit dem Trupp an den Journalisten vorbei. Das Foto landet womöglich noch auf der Titelseite irgendeines Modeblattes und ich als Gespött der heimischen Hilfsmittelindustrie. Da sieht man dann mal wieder, welcher Stellenwert einem völlig unbekannten Nobody zugemessen wird – eben keiner. Ich benutze den Seiteneingang, während die Mädels sich bei ca. 5000 Volt wie Drehkreisel von jedem Winkel ihres zurechtgeschwindelten Traumbodys fotografieren lassen.

Wir werden anschließend in das Penthouseoffice des Hoteleigners geführt und schon am Anfang verschlägt es einem die Sprache. Da fängt der etwa 300 qm große Raum mit einem spektakulären Aquarium mit ca. 20000 l an und was schwimmt da drin rum? Nicht weniger als 10 mittelgroße Haifische. Eine Allegorie zum Branchenverständnis Las Vegascher Coloeur? Danach kann man nur erahnen, wie und wo die rauschendsten Partys der Stadt gefeiert werden. Über Geschmack kann man ja streiten. Aber da hat einer einen Top Innenarchitekten rangelassen. Dass man von da hinunter ins Spielcasino schauen kann, ist wohl der Befriedigung des Hotelbesitzers geschuldet, der wohl jeden eingeworfenen Dollar in eines seiner Banditen mit Gespielinnen aus dem Playboy-Club feiert.

Leider gibt es den ganzen Abend nichts zu essen. Aber vielleicht nachher – wenn die Premiere zu Ende ist. Da geht es aber erst mal hin, wieder im Trupp und so, dass die meisten Gäste des Kinos schon drin sind und wir möglichst viel auffallen. Da sitzen denn auch schon ca. 750 Leute und wir werden umständlich auf unsere Plätze begleitet. Alles schaut sich dieses Spektakel sehr aufmerksam an und bei jedem bekannten Gesicht erfolgt denn auch ein großes „Hello, what´s up buddy?“ Bei mit verzweifeln die meisten und dem Rest ist es wohl eh egal, dafür sitzt hinter mir eine Schönheit, die mir geradezu den Atem raubt. Leider eben hinter mir und nicht vor oder daneben…

Die Ansprache hält einer der bekanntesten Sportreporter und Entertainer der USA, Robin Leach, und führt eine Gruppe von als Zombie verkleideten Showgruppe ein, die wohl zum Thema Thriller später noch ihren Auftritt haben wird, aber hier würde eh der Platz fehlen. So langsam wird mir aber auch bewusst, was diese Veranstaltung gerade für Joe bedeutet. Selbst er hat diesen Film noch nicht vorher gesehen und ich gehe mal davon aus, dass es ja eine Hommage an das Leben und Wirken von Michael Jackson von Anfang bis Ende sein wird. Da muss schließlich auch ein Zeitraffer für ihn vor den Augen ablaufen.

Nun, wer den Film gesehen hat weiß, dass sich die ganze Handlung einzig und allein um die abgesagte Bühnenshow Michael Jacksons in London handelt. Diese 50 mal stattfindende angebliche Entweihung genialer Musik- und Tanzkunst, wie sie keiner so perfekt beherrscht hat wie Michael in den 80ern. Und irgendein Lump, ein Geschäftemacher und Fledderer der restlichen Hochachtung dieses gebrochenen Künstlers versucht nun hier auf Kosten der Kinobesucher und der entehrten Familie Jackson die ausgefallene Show doch noch zu Geld zu machen. Aber Amerika feiert seine Helden und so wird der Film zur Chlorifizierung des einstigen Kinderstars sicher mit beitragen.

Nix da. Die Scouts sind gnadenlos. Wer den Anforderungen der Choreografen nicht genügt, wird als Tänzer abgelehnt. Von überall her kommen die MöchtegernemitMichaelJacksononStageTänzer und Musiker. Jedem ist es ein Traum, ein Lebenswunsch, mit diesem ehemaligen Weltstar auftreten zu dürfen. Von Michael ist lange noch nichts zu sehen. Wie soll der sich aber mit seinen 50 Jahren und abgehalfterten, von Drogen geschwächten und von vielen Operationen zerfressenen Gesicht mit diesen jungen Heißspornen messen lassen wollen. Oder sind die die Kompensation eines müde und lahm daherkommenden Frontmans, der Unterstützung braucht, um die 1 ½ Stunden dauernde Show ohne Pfiffe überleben zu können? Schon die ersten Szenen zeigen aber einen ganz anderen Michael. Er ist der Boß. Er hat das Sagen. Ist ganz der Tänzer, Sänger und Komponist, der er schon vor 30 Jahren war. Er interpretiert und lässt die Musiker eine bestimmte Sequenz so lange üben, bis sie seinen Vorstellungen entspricht. Das ist Perfektion, Genialität gepaart mit einer Agilität und Körperspannung, dass ich die vielen Bildzeitungs-, Fernseh- und Zeitschriftenartikel vor und anlässlich seines Todes zum geplanten Londoner Spektakel nur fassungslos und kopfschüttelnd Revue passieren lassen kann. Wie ist das möglich? Was hat man den Lesern und Zuschauern nicht alles an Horrorszenarien vorgegaukelt. Ein gebrochener, von Schlafmitteln und Drogen gezeichneter, einer kräftezehrenden Show nicht gewachsener Mann, dem man aus lauter Profitsucht mit 50 statt 10 Shows den Gnadenstoß versetzen wollte.

Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass das alles auch gerade in diesem Moment sein Vater sieht und mit Wut im Bauch und Tränen in den Augen seinen Sohn in einer Konzentration erlebt, die keiner für möglich gehalten hätte. 50 Jahre soll der da sein? Seine Stimme, so fest und kraftvoll, dass sie jeden Vergleich seiner früheren Alben zulassen würde. Wie kam dieser Typ zu Tode, der angeblich von einem Arzt permanent überwacht und betreut wurde? Die Jacksons haben Strafanzeige gestellt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass ihr Sohn so einfach an Schwäche plötzlich gestorben sein soll. Diese Bilder geben ihnen Recht und als Simon mir erzählt, dass der gestrenge Übervater, der vielleicht sogar den Vergleich mit Mozarts Vater wie den Mephisto im Don Giovanni zulassen würde, der erste Mensch gewesen sein soll, den Michael angerufen hat und ihm seine Befürchtung mitteilte, dass man ihn wohl kaum seinen Auftritt machen lassen würde. Er hätte das Gefühl, tot mehr wert zu sein als lebend. Da sei einfach zu viel Geld im Spiel. Das schwirrt plötzlich im Kopf herum und dann, als eine phantastische Szene vom Making Of des Thrillers gezeigt wird, erinnere ich mich an einen Film über Michael, wie er begleitet von einem Journalisten ein paar Tage seines Lebens dokumentieren lässt. Darin schildert er allerdings auch seine tiefe Erschütterung über seine Kindheit, die Prügel seines Vaters, dementierte die fürchterlichen Operationen in seinem Gesicht, alles sei unwahr. Er geht mit dem Kameratross durch  ein Antiquitätengeschäft in Las Vegas, genau das, welches ich 2 Tage zuvor zufällig im Venetien entdeckt hatte, in dem er ohne groß nachzusehen mit der Hand auf alle möglichen Kunstwerke zeigte und fast 600.000 Dollar ausgab. Crazy. Vorne auf der Bühne tanzt er gerade zu „Billy Jean“. Danach „Bad“ und dann „Heal the World“. Hatte ich schon gesagt, ich wäre nie ein Jackson Fan gewesen? Ich erlebe gerade eine sehr emotionale, durchaus verwirrende und zutiefst demütige Transformation zu einem Bewunderer eines Menschen, der offensichtlich kein ernsthaft zufriedenstellendes Gesamturteil zulässt.  Was auch immer gewesen war: das Sichtbare, das Unzerstörbare, Unfassbare ist letztlich die Entwicklung eines Kindes hin zu einem Megastar, der die Menschen berührt, Künstler inspiriert, Medien beschäftigt hat. In einer Art und Weise, wie es weder Jennis Joplin, Kurt Cobain oder Bob Marley geschafft haben. Ok, die wurden alle nur 27. Dafür war Michael Jackson aber auch 20 Jahre mehr oder weniger als Künstler von der Bildfläche verschwunden.

Die Szenen, alle zusammengeschnitten aus den Bühnenproben der legendären Londonshow sind eine aneinandergereihte Abfolge der so tatsächlich hätte stattfindenden Show. Mit Einschnitten der Kritiken Michaels zu bestimmten Szenen, in denen er immer der war, der andere zu noch besserer Leistung angetrieben hat. Selbst der Regisseur hat ihm nie widersprochen. „I love you, I love you all“. Da steht ein zutiefst spiritualisierter Mensch, den man jahrzehntelang instrumentalisiert und letztlich wie mit Spuren von Arsen schon psychologisch langsam vernichtet hat. Der Film ist zu Ende und alle, wirklich alle im Kino sind still, fassungslos, unendlich traurig. Ich möchte erst gar nicht wissen, was gerade in den Jacksons vorgeht. Seine Brüder schauen sich die Premiere in Los Angeles an. Ihr Verhältnis zu Vater und auch zu Michael zutiefst gestört. Hatte Michael doch die Jackson 5 verlassen, um mit 19 eine Solokarriere zu starten. Und Thriller war seine erste LP, die er als Abschiedsgeschenk mit ihnen geteilt hatte. Und trotzdem haben sie ihn verklagt. Das sagt vieles. Da stimmt nichts mehr.

Wie soll man so ein Erlebnis so einfach hinter sich lassen? Wie kann man da einfach sich zum nächsten Programmpunkt, der Verleihung des Stars of Fame im Palm´s widmen?

Müssen wir aber. Beim Hinausgehen schauen sich alle des gestrigen Abends wissend, still, betroffen und traurig an. Was war das eben? So dicht an den Personen, die Michael gemacht und vernichtet haben. So dicht an der Quelle allen, was das Gesehene, Gehörte hat entstehen lassen. Authentizität, wie es selten zu erleben möglich ist. Die Honoeur, der Mensch dahinter und hinter vorgehaltener Hand im Zentrum der Kritik, der Übervater, der Unmensch, der Sklaventreiber, brutaler Kindermißhandler – ihm ist es als ersten und einzigen womöglich in unseren schnelllebigen, medial nur noch zeitbegrenzten Perioden sowohl stilistisch wie auch starzerfleischend (Britney Spears, Amy Winehouse etc.) gelungen, dreien seiner Kinder zu den höchsten Weihen des Musikolymp zu führen. Michael, Germain, La Toya – alle haben Platin geschafft. Wie geht das, wenn man so ein Unmensch ist? Nipplegate, We are the world, Neverland. Bruchstücke aus dem Jacksonclan. Dazu passt, dass es gerade einem Bruder von den Jackson 5 eben nicht gelungen ist, eine Michael Jackson Gedächtnis Tournee in Deutschland auf die Beine zu stellen. Keine Band hatte sich bereit erklärt, mitzumachen. Sie wurde abgesagt. Der Vater wird geehrt. Soll sich jeder sein eigenes Bild machen. Die Kinder soll die Großmutter betreuen. Der Vater reist alleine. Warum? Seine Frau ist zutiefst religiös und nicht willens, sich dem Business auszusetzen. Der Vater schon, weiter unterwegs als Promoter und Agent seiner Mädels, die auch heute zu seinen Ehren auftreten sollen.

Wir treffen uns draußen im Foyer, die Kameras schon in Stellung gebracht, wer zu spät kam, sieht nichts. Muss sich an der Seite aufstellen. Wir Eingeladenen haben unsere Sitzplätze. Toll, ich sitz neben Leuten, die jeder kennt – bloß ich nicht. Auf der anderen Seite sitzen Footballstars, die mit T-shirt und Turnschuhen reinschlappen und denen trotzdem jeder Zeitungsfuzzi hinterherschleimt. Die Boxer sind auch da. Merryweather z.B. und seine Highness, der Übervater der Boxer, der wie Joe stets im Dunkel und im Licht gleichermaßen vermutete Don King gibt sich die Ehre. Was für eine Persönlichkeit. Im Fernsehen nehme ich ihn eher immer als Spinner wahr. Hier und heute ist er eine Lichtgestalt. Einfach so. Einfach da. Ruhm lässt sich nicht kaufen. Stehlen schon. Aber da ist einer, der Jahrzehnte daran gearbeitet hat, der Arsch, der Starmanager, der Verheizer und Goldesel zu werden, der er heute und für alle Zeiten ist. Und ich sitz in der 2. Reihe und damit mitten drin. Leider direkt hinter einer Säule. Ich seh nix. Total bescheuert. Da könnt ich genauso gut hinter den Kameraleuten sitzen.

Reden werden gehalten. Die Promis reißen sich das Mikro aus der Hand. Gabriela singt die amerikanische Hymne, alle stehen auf, ich bleib sitzen. Die Säule tuts für mich. Joe kniet auf dem Boden und berührt seinen Stern im heiligen Foyer des Brenden Theatres, das so viele Premieren dieser Glitzerwelt gesehen hat.

Wir werden zum Abschluß nochmals in das Penthouseoffice eingeladen. Alle Promis und ein Interview der von Joe gemanagten Mädels. Erfolg ist Heute. Ruhm war gestern. Wer nicht nachlegt, verschwindet von der Bildfläche. Und ich bin stiller Betrachter dieser für mich, für mein Wirken, meine eigenen Erfolge und Misserfolge hier völlig deplatzierte Glitzerwelt.

Die Rehaszene feiert, wenn überhaupt stiller, unspektakulärer. Ohne Otto Bock mit der Paralympics Night gar völlig im Verborgenen. Die „Stars“ sind Nobodys, die oft genug ohne Konkurrenz zu Ehren kamen, die woanders nicht mal für den Vorlauf eines Provinzrennens reichen würden. Das hier ist großes Kino. Und ich versteck mich, so gut es geht. Da kommt Don King fahnenwedelnd mit Gefolge den Gang entlang. Auf seinem Weg ständig angesprochen, für ein Foto zur Verfügung zu stehen. Ich bin immer so blöd und halte das für unter meine Würde. Was soll das? Und doch ärgere ich mich danach oft, eine Gelegenheit ausgelassen zu haben, Zeitgeschichte nicht mit eigener zusammenzubringen. Don sieht mich, ich schau ihm in die Augen. Er kommt zu mir, sein „how do you do“ klingt nicht überflüssig, wirklich interessiert und schüttelt mir die Hand. „Where is your photo? Lets make a picture!!!”. That’s America. Der Einzige der so drauf ist, den ich kenne, ist Rainer Calli Calmund. Eine Begegnung, die ich vielleicht später hier  beschreiben werde (wen es interessiert, ihr könnt ja voten ; ))

Wir kriegen hier nichts zu essen. Wenn dieser Abend einen Makel hat, schließlich hat er um 17.30 begonnen, und jetzt ist es schon nach 21.30 Uhr, dann der, dass wir hungrig und traurig und excited jetzt geschlossen in den Playboy-Club wechseln sollen. Da ganz oben unterm Dach, geht’s mit dem Aufzug erst mal 34 Stockwerke nach oben. Da oben soll er sein. Der ultimative, der geheimnisumwitterte, frauenfeindlichste, erotischste Bunny-Club der Welt. So oder ähnlich hab ich ihn mir jedenfalls vorgestellt. Wir sind natürlich Ehrengäste, daher keine Eintrittskarten, wohl aber Bodycheck. Man weiß ja nie!!! Direkt nach dem Eingang steht man schon wieder im Spielcasino. Ich glaubs ja nicht. Und hinter den Tischen – Bunnys. Und die Bedienung um die Tische mit Tabletts kurvend – Bunnys. Hinter der Bar – Bunnys. Natürlich mit stilechten Öhrchen und Wuschel. Dafür mit einem sehr zuvorkommenden Service. Was Du wolle! Auf amerikanisch. Bei Bedarf setzt sich eines der Mädchen auch gerne für ein Foto auf meinen Schoß. Die Bilder an diesem Abend sollten alle ziemlich langweilig werden. Zumindest was die Pose angeht. Ständig hockt irgend so eine Schönheit bei mir auf dem Rollstuhl, umd macht mir den Platz streitig. Ich bin der Käs. Aber das war´s noch nicht. Im 2. Stock des Clubs geht die Post ab. Nightclub ist hier Disco. Und was für eine. Es ist Helloween-Competition. Die besten Kostüme werden prämiert. Und die Amis haben es drauf. Bei uns würden die Probanten mit nem Vampirgebiß auftreten. Hier werden Aliens,  Startreck und Elsmere Street präsentiert, dass Hollywood seine Freude hätte. Leider seh ich das etwas aus zu großer Entfernung für meine Kamera, bei dem Licht wird das nix. Wir sind nämlich auf der Balustrade. Kommen nur geladene Gäste rauf und die Szenerie ist so phantastisch, dass der eigentliche Grund des Abends und die gedrückte Stimmung schnell vergessen wird. Party at it´s best.

Hoffe, ich hab die richtigen Klamotten an. Entweder, beim Dinner ist casual angesagt und die Premiere ist mit Frack und Anzug, oder das Dinner ist der Kracher, und zum Kino geht man mit Straßenklamotten, oder …. ach was. Dann eben bei beidem nicht daneben, die Krawatte in de Däsch, und bei Bedarf um den Hals gehängt. Das wird schon. Treffpunkt: im für amerikanische Verhältnisse mindestens 1 Sterne Restaurant, natürlich auch im Hotel, allerdings im Palms II. Das Hotel hat 2 Türme. Kennen tu ich keinen, Cynthia hab ich noch nicht gesehen, sie hatte Verspätung und lässt mich einigermaßen im Regen stehen, Simon ist mit Joe beschäftigt, der wohl als letzter auftaucht und so sitzen Gäste des Restaurants und Eingeladene von Joe Jackson wild durcheinander in der Bar des Hotels, warten entweder auf ihre Plätze oder Joe Jackson. Leider weiß keiner, wer wer ist und man kann sich vorstellen, wie blöd man sich vorkommt, wenn einer keinem vorstellt. Also einfach mal drauflos quatschen und ab und an wird man ja hoffentlich einen erwischen, der zur Party gehört. Weiteres Problem, das ich schon in New York hatte: amerikanische Promis müssen nicht zwangsläufig bei uns in Europa bekannt sein. Wenn man dann doch einen erwischt und nicht erkennt, ist das aber nicht minder peinlich. Was macht man denn sonst hier, wenn man nicht zum Set gehört???? Ich werde beobachtet. Was macht der da? Wer ist das? Woher kenn ich den? Mir geht auf, dass es den Teilnehmern mit mir geht wie mir mit Ihnen. Bloß nichts Falsches sagen, um sich keine Blösse zu geben. Rein gesellschaftsrethorisch eine reife Leistung, zumal alles auch noch in englisch mit den abenteuerlichsten Akzenten bei wenig dezenter Barmusik stattfindet. Kaum hab ich einen interessanten Gesprächspartner gefunden, der natürlich nicht zur Truppe gehört, kommt Joe mit Simon unbemerkt ins Restaurant, setzt sich schon mal in den Nebenraum und lässt bitten. Aha, so geht das. Vorstellung entfällt und da man sich ja kennt, ist das offensichtlich ja auch nicht notwendig. Joe sitzt, nein, er thront am Ende des Raumes am Tischende und keiner geht hin, um ihn zu begrüßen. Eine merkwürdige Situation. Abgehoben? Ehrfürchtig? Unsicherheit ob der sichtlich fehlenden Etikette? Ich geh hin und sag Hallo, er sollte mich zumindest von meinem kurzen New York Auftritt ja noch kennen. Joe ist ja schon 80, gesetztes Alter also und mit der Sonnenbrille wirkt er schon sehr entrückt. Trotzdem begrüßt er mich nicht mit Handshake sondern wie einen Kumpel mit der  Faust, Front, Up n´ Down. Holla. Dieses Ritual hab ich fast exklusiv. Dafür setz ich mich ziemlich weit weg an das andere Ende des Tisches. Ich bin ja hier wohl der unwichtigste Gast und da dräng ich mich nicht vor. Das passt Simon gar nicht, er holt mich vom Platz weg und verscheucht den Börsenmakler aus Kanada, damit ich möglichst nahe bei Joe sitzen soll. Mein Gott, ist mir das peinlich. Mit dabei sind, wie ich später feststellen werde, neben Cyn natürlich, eine Lady Thompson, die eine eigene TV Show hat und sich um Charity Veranstaltungen beschäftigt. Für Fotos hat sie auch gleich eine Mitarbeiterin, Kathy, mitgebracht, die sie entsprechend in Szene setzen soll. Der Börsenmakler aus Kanada eben sowie die von Joe Jackson promoteten Künstlerinnen  Taina, Zicka und Chrystal, die gerade versuchen, in die Charts zu kommen.  Die Opernsängerin Gabriela Pochinki ist ebenso mit von der Party wie die ehemalige Miss Polen, Monika Spruch, die mittlerweile in den USA lebt und als Filmschauspielerin, Model und Sängerin Karriere macht. Dazu gehören die entsprechenden Manager der Mädels, die alle aussehen wie Edelrapper aus Harlem. Ja – und ich. Rollstuhlhändler aus Deutschland, der einem Freund geholfen hat, sich ins finanzielle Unglück zu stürzen, um ein Magazin mit dem Namen Casting auf den Markt zu bringen. So lauf ich denn auch als Scout für zukünftige Stars auf, der nach Talenten sucht und siehe da, jeder will unbedingt mit mir in Kontakt treten. Miss Polen bietet gar ein Interview in Deutschland an, wenn sie in 6 Wochen in Polen ist. Die Opernsängerin Gabriela will unbedingt Fotos haben, die ich so nebenher ganz offiziell schießen darf und so hab ich an dem Abend die Kappe auf. Das Essen ist eher durchschnittlich, die Gespräche dafür umso interessanter und die Stimmung recht schnell auf einem Niveau, das man sich auf einer Geburtstagsparty wünschen würde. Nix steif, nix peinlich. Joe fordere ich zu verschiedenen Posen mit seinen Mädels auf und als ich rufe, „more sexy please, Joe“, sind alle am lachen und Joe macht gerne mit.

Den Abend schließen wir ab mit einem ausgelassenen Tanzabend in der Rooftopbar, die von allen möglichen Leuten, Gästen wie Einheimischen bevölkert wird. Meine Tanzeinlagen mit den Mädels werden zum Dauerthema für die nächsten 2 Tage und Simon ist mit seinen über 60 Jahren so ausgelassen wie ein 25 jähriger. Na denn, das kann morgen ja was werden.

Der Anruf kam völlig unerwartet. Cynthia, die schwarze Perle von New York, die meinem Team von Casting  Magazin nach der Fashion Show die Möglichkeit gab, Joe Jackson für ein Interview zu treffen (siehe Bericht New York Fashion Show Teil 5), ruft mich aus Chicago an und fragt mich, ob ich Lust auf ein Essen mit Joe Jackson hätte. Es wäre nur ein kleiner Kreis eingeladen, ein Kostenbeitrag wäre für die Gründung des neuen Jackson Museums in Gary, Indiana vorgesehen und der Grund der Aktion ist die am folgenden Tag stattfindende Verleihung des Stars of Fame für Joe Jackson als erfolgreichster Family Music Manager aller Zeiten im Palms, einem der größten Hotels in Las Vegas und der Premiere des Michael Jackson Films „This is it“, das ich mit ausgewählten Gästen sowie einer ganzen Schar von Journalisten als erster vor allen anderen miterleben dürfte.

Na wenn das mal nichts ist. Ich überleg nicht lange. So eine Chance bekommt man nicht jeden Tag und wenn ich aus der Fashion Show noch was machen will, dann ist das sicher nicht die schlechteste Aktion. Dass dabei vielleicht ein zu tiefer Blick in die Augen einer etwas gestressten Rapperin mit Managmentfunktion für den Jackson Clan schuld sein könnte, lass ich mal so stehen. Warum sollte mich Joe an einem solchen Tag, der wohl die größten Emotionen eines sicher nicht überall kritiklosen Vaters des Superstars Michael Jackson dabei haben wollen. Dabei sein wird die gesammelte Prominenz aus Las Vegas und mit Joe in Verbindung stehende Box- und Musikszene.

Nun warum ist das für Joe, den mittlerweile über 80 Jahre alten Patriarch des Jackson Clans so wichtig und heikel zugleich?

Dazu erst mal ein kleiner historischer Ausblick:

Joe Jackson, in der 50ern Vater eines 9 kinderdiehaareauffressenden Familienclans in einem Slum von Gary, Indiana nahe der Autometropolen Chicago und Detroit, hatte alles an Arbeit angenommen, was möglich war, um seine Kids über die Runden zu bringen. Wobei die Aussicht, dass das jemals anders werden könnte, sehr gering waren. Also musste er erst mal versuchen, seine Talente ins Spiel zu bringen. Er boxte, nicht schlecht, aber auch nicht wie ein Weltmeister, er arbeitete auf dem Bau, Hilfsjobs. Nichts, was wirklich was brachte. Da kam ihm die Idee, allerdings wie viele andere auch, seinen Kindern die Musik näher zu bringen und die ältesten 4 Söhne konnten leidlich gut singen. Damit ließe sich sicher der eine oder andere Dollar verdienen. Allerdings wollte der Kleinste, Michael, mit seinen 5 Jahren aber nicht alleine zuhause bleiben und so wurde er kurzerhand mit eingebaut. Die Jackson 5, die ihren ersten wichtigen Auftritt im New Yorker Apollo Theatre hatten, der legendären Talentschmiede im Herzen Harlems; damals schon nicht mehr die Nobelgegend Big Apples, waren geboren. Wer übrigens die Chance hat, im wiedereröffneten Apollo eine Show zu besuchen, sollte das unbedingt tun. Dort wurden unter anderem Whitney Houston, Lionel Ritchie und viele andere mittlerweile berühmte Stars „geboren“. Ich selbst erlebte einmal den Auftritt Mike Tysens, der mit ner Boxershort direkt vom Training nebenan einfach mal so auf die Bühne kam, hallo sagte und wieder verschwand. New York eben. Hier also wurden die Jackson 5, die von Motown Records auch sogleich unter Vertrag kamen, entdeckt und der kleine Michael der Frontman seiner Brüder.

Das Problem: jetzt mussten die Jungs ran, jeden möglichen Auftritt wahrnehmen und Joe, der Vater sah die Chance seines Lebens und die seiner Familie, aus dem Slum raus zu kommen. Ein Organisationstalent war er schon immer, und als Promoter, Maker und Manager seiner eigenen Kinder musste er auch für die Disziplin sorgen. Das war aber mit Kids nicht immer einfach. Um die Situation nicht gleich wieder einschlafen zu lassen, griff Joe leider zu nicht immer korrekten Maßnahmen. Es setzte durchaus Schläge, Joe war ein strenger Vater, Studiozeiten waren oftmals uferlos, Zeit war Geld und die Plattenfirma wollte neue Records. Vermutlich hat Michael damals viele seiner später merkwürdigen Marotten erworben, ein normales Leben kannte er gar nicht. Vergleichbar mit Kidbands wie z.B. Tokio Hotel, die ja jetzt schon mit Schlagzeilen entwicklungsgestörten Verhaltens aufmerksam machen, konnte Michael später auch keine normale Beziehung zu Mädchen oder Frauen aufbauen. Kinder waren immer sein Versuch, seine eigene Kindheit nachzuholen, einer von ihnen zu sein und so wurde er, was wir bis zum Schluß von ihm wahrnahmen – ein abgedrehter Künstler, der in den 80 u. 90ern seine Hypezeit hatte und danach von den Medien zum Freak gemacht wurde.

Diese Situation im Kopf kam ich nach Las Vegas, wo ich Simon Sahouri, den Organisator des Premierenabends im Palm´s Hotel traf und mit seinem Magazin LVH – Las Vegas Hollywood Magazine, nicht nur die Promiszene in Las Vegas bestens kannte sondern auch weiß, wo und wie man so einen Event am besten feiert.

Ich bin zum ersten Mal in Las Vegas und  nehme natürlich die Gelegenheit wahr, mir erst mal einen Überblick zu verschaffen, was hier eigentlich alles los ist. Dazu check ich erst mal nicht im Palms sondern im Venezien ein, einem Hotel, das mit italienischem Marmor und Flair ein wenig die Lagunenstadt Venedig nachempfinden soll. Und tatsächlich, da haben die doch glatt mit viel Marmorimitaten, Pappmaschee und echten Gondeln ein Minivenedig angelegt, das mit etlichen Edelshops und Restaurants vor allem eins sein soll: die angenehme Fassade of that what it is, nämlich nichts anderes als ein großes Spielkasino. Und damit das Geld im Haus bleibt, haben die auch gleich so große Musicals bzw. Theatersäle eingebaut, um den Megaseller: The Blue Men Group unterzubringen. Man braucht das Haus also nicht mehr verlassen. Aber die untere Ebene gehört den Banditen. Allesamt einarmig und die Spieltische kennen keine Anzugsordnung. Also Krawatten und Sakko ist nicht wie in Baden-Baden. Hier kommt man notfalls im Trainingsanzug und schmeißt bereits um 8 Uhr morgens seine Kohle im 20 Sekundentakt in den Kellersafe des Hauses. Etwa 20 große Hotels gibt es in Vegas und jede Menge kleinerer, die vom Konzept her alle gleich laufen: Spielen, Entertainen und Hotel sein.

Über den Lastminuteschalter kommt man auch recht günstig an Karten für die gerade laufenden Shows ran, die in den Hotels angeboten werden. Die reichen von Variete über Musicals bis hin zu Konzerten in Hundertschaften einfallender Stars, die wie Celine Dion schon auch mal ein ganzes Jahr hindurch fast jeden Tag dort auftreten.

Ansonsten dehnt sich der Strip, die Hotelmeile ewig in die Länge. So ca. 8 km lang reihen sich die Hotelmonster in Abständen mehrerer 100 m aneinander und das macht das dann doch anstrengender als man dachte. Ohne Taxi geht da nach spätestens 2 Tagen nichts, sonst sieht man ja immer nur das Gleiche.

Nun, mit meinem Jetlag von 8 Stunden bin ich abends dann doch schon ziemlich lange unterwegs, da ruft mich Simon an, ob wir uns noch treffen könnten, den Ablauf für den morgigen Tag zu besprechen. Da er am nächsten Tag für die Veranstaltung wenig Zeit hätte, wär das jetzt noch am besten. Ich warte auf ihn in einer Bar des Venetiens. Um 01 Uhr kommt er dann auch endlich gestresst an und ich hab mittlerweile ja schon wieder 9 Uhr morgens. Wie soll ich das denn überleben am nächsten Abend beim Dinner. Da schlaf ich ja am Tisch ein. Wie peinlich!!!! Nun, Simon ist ein persönlich sehr enger Freund von Joe und hat sich gerne bereit erklärt, zusammen mit dem Theaterbesitzer des Palm`s, Johnny Brenden, die Premiere des Jackson Films zu organisieren.

Der Zeitplan: morgen abend das Dinner mit etwa 12 Gästen, dann gemeinsamer Besuch der Toproofbar des Hauses mit spektakulärem Ausblick auf die Skyline von Las Vegas. Am Tag drauf  Meeting im nicht weniger spektakulären Penthouse Office von Johnny, Enkel der berühmten Schauspielerin Ronda Fleming. Danach Premiere des neuen Jackson Films „This is it“ im berühmten Brenden Theatre, natürlich auch im Haus und dann geht’s auch schon in den legendären Playboy-Club, na wo? Yes, auch im Haus. Mehr Programm kann man nicht erwarten und wenn ich nicht einschlafe, immerhin ist mein Jetlag immer noch sehr ausgeprägt, dann wird das ein geiler Event.

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