Archiv für das Tag 'Roter Teppich'

Der Trupp von gestern findet sich schnell zusammen wie ein Landschulausflug. Es gibt hier kein anständiges Frühstück und so hocken alle in der Fastfoodabteilung des Casinos. Der Bodyguard von Joe, Frank,  ein ebenso imposanter wie in die Jahre gekommener Hüne erzählt Storys von Michael und Joe´s Vergangenheit und alle hören andächtig zu. Vieles geht leider unter, sein Akzent ist so fürchterlich, dass ich nicht alles verstehen kann. Aus den Händen kann er auch lesen und wie ein Wahrsager verspricht er den Mädels alles mögliche für die Zukunft. Alle Entertainer – irgendwie.

Zum Premierenabend wird dann doch aufgebrezelt, was der Kleiderschrank hergibt. So trumpfen viele bei einer Hochzeit nicht auf. Der rote Teppich wird ausgerollt und das heißt für alle Celebrities, helfe sich wer kann. Was da retuschiert und verkleidet wird, mit Mieder zusammengehalten, was die Natur zur Freiheit drängt ist schon bemerkenswert. Was die Zeitschriften denn so alles vorenthalten : ))

Treffpunkt ist der Eingang zum Playboy Club. Aber da geht’s erst später hin. Von hier will man wohl möglichst auffällig als geschlossener Trupp an den Journalisten vorbei über den Teppich schreiten, damit man auch ja im Blitzlichtgewitter nicht verloren geht. Schon auf dem Weg dahin sind vor allem die Mädels der Gesangsfraktion ziemlich aufgeregt. Und weil es in Las Vegas ungewöhnlich kalt ist, haben viele um die nackten Schultern ein kurzes Jäckchen oder eine Stola umgelegt. Kurz vor den Fotografen aber fangen die ersten an, sich dieser Utensilien zu entledigen und wer wird so langsam zum Edelkleiderständer??? ICH!! So kann ich ja unmöglich selber mit dem Trupp an den Journalisten vorbei. Das Foto landet womöglich noch auf der Titelseite irgendeines Modeblattes und ich als Gespött der heimischen Hilfsmittelindustrie. Da sieht man dann mal wieder, welcher Stellenwert einem völlig unbekannten Nobody zugemessen wird – eben keiner. Ich benutze den Seiteneingang, während die Mädels sich bei ca. 5000 Volt wie Drehkreisel von jedem Winkel ihres zurechtgeschwindelten Traumbodys fotografieren lassen.

Wir werden anschließend in das Penthouseoffice des Hoteleigners geführt und schon am Anfang verschlägt es einem die Sprache. Da fängt der etwa 300 qm große Raum mit einem spektakulären Aquarium mit ca. 20000 l an und was schwimmt da drin rum? Nicht weniger als 10 mittelgroße Haifische. Eine Allegorie zum Branchenverständnis Las Vegascher Coloeur? Danach kann man nur erahnen, wie und wo die rauschendsten Partys der Stadt gefeiert werden. Über Geschmack kann man ja streiten. Aber da hat einer einen Top Innenarchitekten rangelassen. Dass man von da hinunter ins Spielcasino schauen kann, ist wohl der Befriedigung des Hotelbesitzers geschuldet, der wohl jeden eingeworfenen Dollar in eines seiner Banditen mit Gespielinnen aus dem Playboy-Club feiert.

Leider gibt es den ganzen Abend nichts zu essen. Aber vielleicht nachher – wenn die Premiere zu Ende ist. Da geht es aber erst mal hin, wieder im Trupp und so, dass die meisten Gäste des Kinos schon drin sind und wir möglichst viel auffallen. Da sitzen denn auch schon ca. 750 Leute und wir werden umständlich auf unsere Plätze begleitet. Alles schaut sich dieses Spektakel sehr aufmerksam an und bei jedem bekannten Gesicht erfolgt denn auch ein großes „Hello, what´s up buddy?“ Bei mit verzweifeln die meisten und dem Rest ist es wohl eh egal, dafür sitzt hinter mir eine Schönheit, die mir geradezu den Atem raubt. Leider eben hinter mir und nicht vor oder daneben…

Die Ansprache hält einer der bekanntesten Sportreporter und Entertainer der USA, Robin Leach, und führt eine Gruppe von als Zombie verkleideten Showgruppe ein, die wohl zum Thema Thriller später noch ihren Auftritt haben wird, aber hier würde eh der Platz fehlen. So langsam wird mir aber auch bewusst, was diese Veranstaltung gerade für Joe bedeutet. Selbst er hat diesen Film noch nicht vorher gesehen und ich gehe mal davon aus, dass es ja eine Hommage an das Leben und Wirken von Michael Jackson von Anfang bis Ende sein wird. Da muss schließlich auch ein Zeitraffer für ihn vor den Augen ablaufen.

Nun, wer den Film gesehen hat weiß, dass sich die ganze Handlung einzig und allein um die abgesagte Bühnenshow Michael Jacksons in London handelt. Diese 50 mal stattfindende angebliche Entweihung genialer Musik- und Tanzkunst, wie sie keiner so perfekt beherrscht hat wie Michael in den 80ern. Und irgendein Lump, ein Geschäftemacher und Fledderer der restlichen Hochachtung dieses gebrochenen Künstlers versucht nun hier auf Kosten der Kinobesucher und der entehrten Familie Jackson die ausgefallene Show doch noch zu Geld zu machen. Aber Amerika feiert seine Helden und so wird der Film zur Chlorifizierung des einstigen Kinderstars sicher mit beitragen.

Nix da. Die Scouts sind gnadenlos. Wer den Anforderungen der Choreografen nicht genügt, wird als Tänzer abgelehnt. Von überall her kommen die MöchtegernemitMichaelJacksononStageTänzer und Musiker. Jedem ist es ein Traum, ein Lebenswunsch, mit diesem ehemaligen Weltstar auftreten zu dürfen. Von Michael ist lange noch nichts zu sehen. Wie soll der sich aber mit seinen 50 Jahren und abgehalfterten, von Drogen geschwächten und von vielen Operationen zerfressenen Gesicht mit diesen jungen Heißspornen messen lassen wollen. Oder sind die die Kompensation eines müde und lahm daherkommenden Frontmans, der Unterstützung braucht, um die 1 ½ Stunden dauernde Show ohne Pfiffe überleben zu können? Schon die ersten Szenen zeigen aber einen ganz anderen Michael. Er ist der Boß. Er hat das Sagen. Ist ganz der Tänzer, Sänger und Komponist, der er schon vor 30 Jahren war. Er interpretiert und lässt die Musiker eine bestimmte Sequenz so lange üben, bis sie seinen Vorstellungen entspricht. Das ist Perfektion, Genialität gepaart mit einer Agilität und Körperspannung, dass ich die vielen Bildzeitungs-, Fernseh- und Zeitschriftenartikel vor und anlässlich seines Todes zum geplanten Londoner Spektakel nur fassungslos und kopfschüttelnd Revue passieren lassen kann. Wie ist das möglich? Was hat man den Lesern und Zuschauern nicht alles an Horrorszenarien vorgegaukelt. Ein gebrochener, von Schlafmitteln und Drogen gezeichneter, einer kräftezehrenden Show nicht gewachsener Mann, dem man aus lauter Profitsucht mit 50 statt 10 Shows den Gnadenstoß versetzen wollte.

Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass das alles auch gerade in diesem Moment sein Vater sieht und mit Wut im Bauch und Tränen in den Augen seinen Sohn in einer Konzentration erlebt, die keiner für möglich gehalten hätte. 50 Jahre soll der da sein? Seine Stimme, so fest und kraftvoll, dass sie jeden Vergleich seiner früheren Alben zulassen würde. Wie kam dieser Typ zu Tode, der angeblich von einem Arzt permanent überwacht und betreut wurde? Die Jacksons haben Strafanzeige gestellt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass ihr Sohn so einfach an Schwäche plötzlich gestorben sein soll. Diese Bilder geben ihnen Recht und als Simon mir erzählt, dass der gestrenge Übervater, der vielleicht sogar den Vergleich mit Mozarts Vater wie den Mephisto im Don Giovanni zulassen würde, der erste Mensch gewesen sein soll, den Michael angerufen hat und ihm seine Befürchtung mitteilte, dass man ihn wohl kaum seinen Auftritt machen lassen würde. Er hätte das Gefühl, tot mehr wert zu sein als lebend. Da sei einfach zu viel Geld im Spiel. Das schwirrt plötzlich im Kopf herum und dann, als eine phantastische Szene vom Making Of des Thrillers gezeigt wird, erinnere ich mich an einen Film über Michael, wie er begleitet von einem Journalisten ein paar Tage seines Lebens dokumentieren lässt. Darin schildert er allerdings auch seine tiefe Erschütterung über seine Kindheit, die Prügel seines Vaters, dementierte die fürchterlichen Operationen in seinem Gesicht, alles sei unwahr. Er geht mit dem Kameratross durch  ein Antiquitätengeschäft in Las Vegas, genau das, welches ich 2 Tage zuvor zufällig im Venetien entdeckt hatte, in dem er ohne groß nachzusehen mit der Hand auf alle möglichen Kunstwerke zeigte und fast 600.000 Dollar ausgab. Crazy. Vorne auf der Bühne tanzt er gerade zu „Billy Jean“. Danach „Bad“ und dann „Heal the World“. Hatte ich schon gesagt, ich wäre nie ein Jackson Fan gewesen? Ich erlebe gerade eine sehr emotionale, durchaus verwirrende und zutiefst demütige Transformation zu einem Bewunderer eines Menschen, der offensichtlich kein ernsthaft zufriedenstellendes Gesamturteil zulässt.  Was auch immer gewesen war: das Sichtbare, das Unzerstörbare, Unfassbare ist letztlich die Entwicklung eines Kindes hin zu einem Megastar, der die Menschen berührt, Künstler inspiriert, Medien beschäftigt hat. In einer Art und Weise, wie es weder Jennis Joplin, Kurt Cobain oder Bob Marley geschafft haben. Ok, die wurden alle nur 27. Dafür war Michael Jackson aber auch 20 Jahre mehr oder weniger als Künstler von der Bildfläche verschwunden.

Die Szenen, alle zusammengeschnitten aus den Bühnenproben der legendären Londonshow sind eine aneinandergereihte Abfolge der so tatsächlich hätte stattfindenden Show. Mit Einschnitten der Kritiken Michaels zu bestimmten Szenen, in denen er immer der war, der andere zu noch besserer Leistung angetrieben hat. Selbst der Regisseur hat ihm nie widersprochen. „I love you, I love you all“. Da steht ein zutiefst spiritualisierter Mensch, den man jahrzehntelang instrumentalisiert und letztlich wie mit Spuren von Arsen schon psychologisch langsam vernichtet hat. Der Film ist zu Ende und alle, wirklich alle im Kino sind still, fassungslos, unendlich traurig. Ich möchte erst gar nicht wissen, was gerade in den Jacksons vorgeht. Seine Brüder schauen sich die Premiere in Los Angeles an. Ihr Verhältnis zu Vater und auch zu Michael zutiefst gestört. Hatte Michael doch die Jackson 5 verlassen, um mit 19 eine Solokarriere zu starten. Und Thriller war seine erste LP, die er als Abschiedsgeschenk mit ihnen geteilt hatte. Und trotzdem haben sie ihn verklagt. Das sagt vieles. Da stimmt nichts mehr.

Wie soll man so ein Erlebnis so einfach hinter sich lassen? Wie kann man da einfach sich zum nächsten Programmpunkt, der Verleihung des Stars of Fame im Palm´s widmen?

Müssen wir aber. Beim Hinausgehen schauen sich alle des gestrigen Abends wissend, still, betroffen und traurig an. Was war das eben? So dicht an den Personen, die Michael gemacht und vernichtet haben. So dicht an der Quelle allen, was das Gesehene, Gehörte hat entstehen lassen. Authentizität, wie es selten zu erleben möglich ist. Die Honoeur, der Mensch dahinter und hinter vorgehaltener Hand im Zentrum der Kritik, der Übervater, der Unmensch, der Sklaventreiber, brutaler Kindermißhandler – ihm ist es als ersten und einzigen womöglich in unseren schnelllebigen, medial nur noch zeitbegrenzten Perioden sowohl stilistisch wie auch starzerfleischend (Britney Spears, Amy Winehouse etc.) gelungen, dreien seiner Kinder zu den höchsten Weihen des Musikolymp zu führen. Michael, Germain, La Toya – alle haben Platin geschafft. Wie geht das, wenn man so ein Unmensch ist? Nipplegate, We are the world, Neverland. Bruchstücke aus dem Jacksonclan. Dazu passt, dass es gerade einem Bruder von den Jackson 5 eben nicht gelungen ist, eine Michael Jackson Gedächtnis Tournee in Deutschland auf die Beine zu stellen. Keine Band hatte sich bereit erklärt, mitzumachen. Sie wurde abgesagt. Der Vater wird geehrt. Soll sich jeder sein eigenes Bild machen. Die Kinder soll die Großmutter betreuen. Der Vater reist alleine. Warum? Seine Frau ist zutiefst religiös und nicht willens, sich dem Business auszusetzen. Der Vater schon, weiter unterwegs als Promoter und Agent seiner Mädels, die auch heute zu seinen Ehren auftreten sollen.

Wir treffen uns draußen im Foyer, die Kameras schon in Stellung gebracht, wer zu spät kam, sieht nichts. Muss sich an der Seite aufstellen. Wir Eingeladenen haben unsere Sitzplätze. Toll, ich sitz neben Leuten, die jeder kennt – bloß ich nicht. Auf der anderen Seite sitzen Footballstars, die mit T-shirt und Turnschuhen reinschlappen und denen trotzdem jeder Zeitungsfuzzi hinterherschleimt. Die Boxer sind auch da. Merryweather z.B. und seine Highness, der Übervater der Boxer, der wie Joe stets im Dunkel und im Licht gleichermaßen vermutete Don King gibt sich die Ehre. Was für eine Persönlichkeit. Im Fernsehen nehme ich ihn eher immer als Spinner wahr. Hier und heute ist er eine Lichtgestalt. Einfach so. Einfach da. Ruhm lässt sich nicht kaufen. Stehlen schon. Aber da ist einer, der Jahrzehnte daran gearbeitet hat, der Arsch, der Starmanager, der Verheizer und Goldesel zu werden, der er heute und für alle Zeiten ist. Und ich sitz in der 2. Reihe und damit mitten drin. Leider direkt hinter einer Säule. Ich seh nix. Total bescheuert. Da könnt ich genauso gut hinter den Kameraleuten sitzen.

Reden werden gehalten. Die Promis reißen sich das Mikro aus der Hand. Gabriela singt die amerikanische Hymne, alle stehen auf, ich bleib sitzen. Die Säule tuts für mich. Joe kniet auf dem Boden und berührt seinen Stern im heiligen Foyer des Brenden Theatres, das so viele Premieren dieser Glitzerwelt gesehen hat.

Wir werden zum Abschluß nochmals in das Penthouseoffice eingeladen. Alle Promis und ein Interview der von Joe gemanagten Mädels. Erfolg ist Heute. Ruhm war gestern. Wer nicht nachlegt, verschwindet von der Bildfläche. Und ich bin stiller Betrachter dieser für mich, für mein Wirken, meine eigenen Erfolge und Misserfolge hier völlig deplatzierte Glitzerwelt.

Die Rehaszene feiert, wenn überhaupt stiller, unspektakulärer. Ohne Otto Bock mit der Paralympics Night gar völlig im Verborgenen. Die „Stars“ sind Nobodys, die oft genug ohne Konkurrenz zu Ehren kamen, die woanders nicht mal für den Vorlauf eines Provinzrennens reichen würden. Das hier ist großes Kino. Und ich versteck mich, so gut es geht. Da kommt Don King fahnenwedelnd mit Gefolge den Gang entlang. Auf seinem Weg ständig angesprochen, für ein Foto zur Verfügung zu stehen. Ich bin immer so blöd und halte das für unter meine Würde. Was soll das? Und doch ärgere ich mich danach oft, eine Gelegenheit ausgelassen zu haben, Zeitgeschichte nicht mit eigener zusammenzubringen. Don sieht mich, ich schau ihm in die Augen. Er kommt zu mir, sein „how do you do“ klingt nicht überflüssig, wirklich interessiert und schüttelt mir die Hand. „Where is your photo? Lets make a picture!!!”. That’s America. Der Einzige der so drauf ist, den ich kenne, ist Rainer Calli Calmund. Eine Begegnung, die ich vielleicht später hier  beschreiben werde (wen es interessiert, ihr könnt ja voten ; ))

Wir kriegen hier nichts zu essen. Wenn dieser Abend einen Makel hat, schließlich hat er um 17.30 begonnen, und jetzt ist es schon nach 21.30 Uhr, dann der, dass wir hungrig und traurig und excited jetzt geschlossen in den Playboy-Club wechseln sollen. Da ganz oben unterm Dach, geht’s mit dem Aufzug erst mal 34 Stockwerke nach oben. Da oben soll er sein. Der ultimative, der geheimnisumwitterte, frauenfeindlichste, erotischste Bunny-Club der Welt. So oder ähnlich hab ich ihn mir jedenfalls vorgestellt. Wir sind natürlich Ehrengäste, daher keine Eintrittskarten, wohl aber Bodycheck. Man weiß ja nie!!! Direkt nach dem Eingang steht man schon wieder im Spielcasino. Ich glaubs ja nicht. Und hinter den Tischen – Bunnys. Und die Bedienung um die Tische mit Tabletts kurvend – Bunnys. Hinter der Bar – Bunnys. Natürlich mit stilechten Öhrchen und Wuschel. Dafür mit einem sehr zuvorkommenden Service. Was Du wolle! Auf amerikanisch. Bei Bedarf setzt sich eines der Mädchen auch gerne für ein Foto auf meinen Schoß. Die Bilder an diesem Abend sollten alle ziemlich langweilig werden. Zumindest was die Pose angeht. Ständig hockt irgend so eine Schönheit bei mir auf dem Rollstuhl, umd macht mir den Platz streitig. Ich bin der Käs. Aber das war´s noch nicht. Im 2. Stock des Clubs geht die Post ab. Nightclub ist hier Disco. Und was für eine. Es ist Helloween-Competition. Die besten Kostüme werden prämiert. Und die Amis haben es drauf. Bei uns würden die Probanten mit nem Vampirgebiß auftreten. Hier werden Aliens,  Startreck und Elsmere Street präsentiert, dass Hollywood seine Freude hätte. Leider seh ich das etwas aus zu großer Entfernung für meine Kamera, bei dem Licht wird das nix. Wir sind nämlich auf der Balustrade. Kommen nur geladene Gäste rauf und die Szenerie ist so phantastisch, dass der eigentliche Grund des Abends und die gedrückte Stimmung schnell vergessen wird. Party at it´s best.

Michael Heil - Fashion-Week - New York - 2009 - (70SD)_1 Dass ein roter Teppich für viele Menschen im Showbizz eine magische Anziehungskraft besitzt, hab ich mittlerweile schon einige male erlebt. In New York aber bekommt das eine noch zusätzliche Note. So crazy und abgedreht geht es selbst in Cannes nicht zu (siehe blog – „die Ohren sind das Limit“). Manchmal hat man den Eindruck, die Gäste wollen den Models auf Teufel komm raus Konkurrenz schon vor dem Catwalk machen. Wir haben von dem Treiben vor dem Mercedes-Benz Fashion Zelt Ensemble aber schon viel Zeit verbraten und eigentlich geht die Post ja erst mal Backstage ab. Da haben wir nämlich Foto- und Dreherlaubnis und wollen so eine Modenschau von der Vorbereitung bis zum Schaulaufen miterleben.

Man geht natürlich durch den Hintereingang mit Eintrittskontrolle und Bodyguardspalier in einfach gehaltene Zelträume mit ca. 40 qm Fläche pro Raum und in jedem dieser Räume sind Spezialisten und warten auf die Modells, um sie zu schminken, Haare zu modellieren und Kleider anzuziehen. Und das geht erst mal erstaunlich gemächlich zu. Ca. 1 ½ Stunden vor der Show sind noch gar nicht so viele da. Nur die Kameraleute, Visagisten, Haarkünstler und Leute mit Bügeleisen, Nähmaschine und … jede Menge Journalisten, die mit ihren Mikrophonen aus den verschiedensten Radio-, Fernseh- oder Printredaktionen aufgeregt durcheinander wedeln und keinen, der ihren Weg kreuzt, ohne Fragenbombardement ziehen lassen. Und weil nicht jeder was zu sagen hat, weil vielleicht nur fürs Wasser zuständig, ist das schon ziemlich nervig. So habe ich aber erst mal Zeit, mit meinen Mitstreitern Fotos zu machen, die Szenerie erst mal einzufangen und die Models, die schon mal da sind, zu beobachten.

Da kommt plötzlich Leben in die Bude, Lena Gerke von Germanys next Top Models ist grade eingetroffen und wird zusammen mit Sara Nuru auf dem Catwalk laufen. Sofort werden sie in Beschlag genommen von Prosiebensat1, die mit einem ganzen Filmteam eingetroffen sind. Heidi ist nicht mitgekommen. Die ist zu diesem Zeitpunkt wohl schon zu schwanger. Während die Mädels also schon geschminkt werden, läuft die Kamera gnadenlos mit, damit auch ja keine Pore oder Pickel unbemerkt bleibt. So langsam füllen sich die Schminkplätze. Die Mädels, aber auch ihre männlichen Kollegen machen einen relativ relaxten Eindruck. Einige laufen jeden Tag für verschiedene Designer, kennen das Prozedere schon aus der Routine, sitzen mit iPod in einer Ecke und nehmen ihre Umgebung gar nicht richtig wahr. So werden sie auch in Ruhe gelassen. Aber wenn einer oder eine auch nur Anstalten macht, aufzustehen, sind die Kameras schon zur Stelle und die Mikrophone erhalten die immer gleichen Worthülsen wie Fußballspieler, die kurz nach dem Abpfiff das eben von allen eh schon gesehene Spiel kommentieren sollen. Klar, dass jeder die Klamotten ihres grade aktuellen Brötchengebers toll findet. Was sonst….?

Die Bude wird voll. Die Leute schieben sich durch die Räume, jeder will seinen Job machen, die Maniküre findet auf dem Fußboden statt. Während oben geredet, in der Mitte gerafft und unten lackiert wird, sich das Model komplett seiner Bestimmung übergibt, redet der Figaro genauso über die Frisur des Jetsets und der Visagist über die neuesten Lipgloss-Technik. Das Model findet die Klamotten toll und der Fotograf will das Kinn ein wenig höher, die Augen ein wenig offener. Von Konzentration vor dem Auftritt ist nicht zu denken.

In dieser Szenerie fällt ein Rollstuhlfahrer natürlich ganz besonders auf. Und mit gestylten Rädern, rote Bänder statt Speichen und einem passenden roten Hemd wirkt mein Auftreten offensichtlich selbst stylish. Ab und an werde ich selbst zum Fotoobjekt und bekomme auch gleich Anweisungen. Ein Model wird einfach herbeizitiert, die das auch bereitwillig macht und ich soll sie ablichten. Der Profi fotografiert mich dabei und so wirkt die Szenerie noch mal völlig anders. Dass ich dann auch gleich eine Visitenkarte vom Cheffotograph der New York Times in die Hand gedrückt bekomme, macht mich schon irgendwie stolz. Na ja….

Einen Raum weiter tut einer seinen Job, der eigentlich dem Höhepunkt des Jahres entgegen fiebern sollte. Custo ist eigentlich nur da, um Interviews zu geben. Der Aufwand eines halben Jahres mit Kosten, die locker hoch sechsstellig sind, liegen alleine in der Verantwortung seiner Mitarbeiter. An Tipps und Anweisungen für die Models ist nicht zu denken. Jeder, der ein Mikro hat, steht in der Schlange und je nach dem, wie bekannt der Interviewer ist, drängeln sich die Kameraleute dazu, um etwas von der Szenerie mitzubekommen. Ich steh regelmäßig hinten. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren. Wer hier keine Fotos für seine Redaktion liefert, ist geliefert. Also gibt es keinen Pardon. Jeder ist sich selbst der nächste. Da kommt ein Geraune, eine schon an Ehrfurcht gebietende Atmosphäre auf. Jemand betritt den Raum und hat vor sich eine Traube von Fotographen gestellt, die unbedingt das beste Foto schießen wollen. Ich sehe die Szenerie nur von hinten. Denn das Gesicht ist ja in Richtung der Blitzlichter. Die Gestalt, eine elegante ältere Dame erhält durch das Blitzlichtgewitter von hinten eine regelrechte Aura, die schon fast einer sakrosankten ähnelt. Und es kann sich eigentlich nur um eine Chefredakteurin einer Vogue, Elle oder Bazzare handeln, deren Urteil in der Modebranche über Wohl und Wehe eines Designers entscheidet.

Noch eine halbe Stunde vor der Show. Es wird schon eingeläutet, die Gäste sollen so langsam ihre Plätze einnehmen. Ein kurzer Probelauf soll die Beleuchtung und die Choreographie checken und jetzt geht für die Models eigentlich der Stress los. Jetzt sollte alles sitzen. Aber nix da. Custo interviewt immer noch und die Models sind zum Teil immer noch in Straßenjeans. Die haben die Ruhe weg. Ich schau mir mal die Szene im Catwalkbereich an. Und das ist beeindruckend. Ca. 50 m lange Sitzreihen, ca. 10 in die Höhe gebaut und an der Stirnseite positionieren sich die Kameraleute. Ca. 25 m und in 8 Reihen übereinander. Wo man hinsieht nur Ojektive. Das sieht schon grotesk aus. Man sieht gar nicht die Leute dahinter, so groß sind die Kameras mit Weitwinkel, ein regelrechter Wald. Und die Gäste sind noch gar nicht drin. Und ich begreife schnell, warum sich die Gäste so viel Zeit lassen. Jeder der reinkommt, wird zum Star. Die Fotomeute schießt alles, was vom Eingang reinkommt. Und da ich wieder mal dahinter stehe, bekomme ich wenigsten die Powackler am besten mit. Und wenn die dann den nächsten Platz machen, steh ich schon bereit, sie 2 m vor mir vor die Linse zu bekommen. Und kaum halte ich die Kamera hoch, fangen die Mädels sofort an zu posen, sie schmeissen sich in halb- bis professionelle Figuren, dass ich mir ganz anders vorkomme. Wenn die wüssten, dass meine Bilder mindestens zur Hälfte falsch belichtet sind, z.T. verwackelt, weil ich oft den falschen Zeitpunkt zum Abdrücken finde, dann würden die sich wohl nicht so viel Mühe machen. Aber immer wieder zappeln die Mädels wie von einer Schnur gezogen vor mir rum, dass es schon Spaß macht, bloß die Kamera zu heben und schon geht’s los. Jede hat die Hoffnung, irgendwo in einem Magazin zu landen, entdeckt zu werden oder eben nicht vergessen. Leider kenn ich die New Yorker Szene nicht und so laufen da Leute run, die hier Klitschko oder Becker Status haben, für mich aber eben nur Gretel und Pledel. Egal, vielleicht krieg ich ja nen Brad Pitt vor die Linse und erkenne ihn bloß nicht, weil er sich grad hinter nem Vollbart versteckt hält.

Jetzt wird es auch Zeit für mich, irgendwo Platz zu nehmen. Aber leichter gesagt. Meiner ist nämlich in der 5. Reihe und da komm ich nicht hoch. Die erste Reihe ist für die Prominenz reserviert. Jeder Sitz hat ein Namensschild. Und da sitzt das who is who der Modewelt. Näher an den Models geht’s nicht. Ich krieg also einen Platz am Ende des Catwalks direkt vor den Kameraleuten zugewiesen, da wo die Models die Kurve kriegen müssen. Besser geht es gar nicht. Alle sind da und es fängt ohne großes Firlefanz an. Die Musik ist so laut, dass man schon den Bass in der Magengrube fühlen kann. Und schon kommen Models rausgelaufen. In rascher Folge Mädchen wir Jungs und erstaunlicher Weise in allen Gewichtsklassen. Zu schlanke ebenso wie sportliche und sehr definierte. Sehr attraktive ebenso wie eher schüchtern daherkommende, die man in der Stadt gar nicht wahrnehmen würde. Aber einige laufen hier mit einer Eleganz oder Selbstbewusstsein, das erahnen lässt, warum einer der Topdesigner der Welt gerade sie für seine Fashionshow gebucht hat. Blöderweise seh ich die Show nur durch die Kamera und das ist sehr schade, daher lass ich jedes 2. Model aus und mach eben kein Foto, da ja gleich die nächste kommt. Die Kleidung kann sich sehen lassen. Nichts, was so abgehoben oder abgedreht ist, das man nicht anziehen könnte, sehr farbenfroh, luftig, locker, die Jungs mit halblangen Hosen, Hüten und Pullis unter den Jackets. Die Mädels flattern mit ihren luftigen Kleidern über den Catwalk und hinterlassen einen bleibenden Eindruck gelungener Cuture.

Und ich hab so langsam rausgekriegt, wie ich mit den Lichtverhältnissen die besten Schnappschüsse machen kann. Aber dadurch, dass ich genau am Wendepunkt sitze, machen die Kids so schnelle Bewegungen, dass entweder die Blende zu kurz ist und zu dunkel, oder zu lange und verschwommen. Aber was solls, es kommen ja noch welche, ist ja erst 15 Minuten her. Und dann kommt plötzlich Custo und verneigt sich vor dem begeisterten Publikum. Ich bin verwirrt. Was ist jetzt los?! Der sollte doch als letzter raus kommen. Tut er leider auch. Denn so wie es angefangen hat, hat´s auch aufgehört. Die Leute stehen auf und streben dem Ausgang zu. Der nächsten Show entgegen, z.B. zum MTV-Award, der heute auch in der Stadt in der City Hall stattfindet. Ein wenig konsterniert und besorgt, ob ich genug gute Bilder für die CASTING-Zeitschrift, die mit dem Bericht in einer der nächsten Ausgaben rauskommen wird, geschossen habe, treffe ich mich mit meinem Team, das hoffentlich auch gute Sicht hatte, vor dem Gelände und atme erst mal tief durch. Wow. Das war ein Event, den die meisten nur vom Fernehen her kennen. Hinter den Kulissen sieht es eben ganz anders aus. Und wer weiß, vielleicht werde ich ja noch mal eingeladen und kann den einen oder anderen Kontakt nutzen.