Ein bisschen sauer bin ich ja schon. Mein teuer erkauftes System an Informationstechnik laesst mich total im Stich. Keine e-mails, keine AB-Abfragemoeglichkeit und wir Westler sind gleich ziemlich hilflos. Noch dazu in einem Land, das zwar von der Fassade her schon recht modern daherkommt, dafuer aber humantechnisch gesehen noch einiges nachholen muss. So geht mir langsam das immer und ueberall stattfindende Gerotze ziemlich auf die Nerven. Von wegen, die Regierung hat seinen Landsleuten vor den Spielen das Spucken immer und ueberall ausgetrieben. Leider tuns auch die Jungen, auch Maedchen und Frauen und so ist die Unsitte wohl noch lange Bestandteil konfuzianischer Gesundheitspolitik. Der hatte wohl gemeint, die schlechten Säfte müsse man los werden, das würde wohl den Körper entlasten. Dass die Spucke und was da sonst noch hochkommt dann bei den anderen ankommt, ist offensichtlich schlechtes Karma….
Aber nicht genug damit. In einem recht noblem Kaufhaus kam ne Mutter mit ihrem Kleinkind aus dem Laden und stellte sich mitten auf den Kaufhausflur hin, hob die Kleine in Hockstellung zum Pinkeln hoch und liess laufen. Danach ging sie wieder in ihren Laden zurueck und dachte gar nicht dran, aufzuwischen. Ich stand doch etwas fassungslos da, schliesslach passierte das direkt vor mir.
Ob im Restaurant oder auf der Strasse, im Kaufhaus oder im Kloster. Vor allem Maenner ziehen ploetzlich ihr Hemd aus der Hose und entbloessen ihren oft gut genaehrten Wohlstandsbauch. Was das soll, hab ich noch nicht herausgefunden. Wenn das auch die Maedels machen wuerde, haett ich ja noch ein Einsehen, aber weder esthaetisch noch bei milden Temperaturen nachvollziehbar. Aber gunug damit. Es gibt ja auch sehr positive Dinge. So ist es unglaublich, dass in China der Verkehr zwar fahrtechnisch abenteuerlich, dafuer aber umwelttechnisch das Nonplusultra in Sachen Umweltschutz darstellt. Und nicht nur in Beijing fuer die Spiele vorgegaukelt sondern auch in Xian und in anderen Staedten, also quasi ueberall fahren die Chinesen mit Elektroraedern oder -rollern, Autos werden sehr haeufig mit Erdgas betankt und die Luft ist nirgendwo zumindest vom Verkehr nicht stickig oder uebelrichend. Mal abgesehen von der Kanalisation. Das wuerde in Deutschland schon deswegen nicht funktionieren, weil Fahrzeuge mit Elektromotor ueber 6 km\h ein Kennzeichen brauchen. Das ist sowieso ein kompletter Unsinn. Damit macht man die Fahrzeuge doch nur unattraktiv. Wenn der Gabriel nicht bloss das Abschalten der Kernkraftwerke im Kopf haette sondern auch die Entwicklungen in Laendern wie China anschauen wuerde, die ohne diese E-Fahrzeuge voellig verraeucherte Innenstaedte haetten, haetten wir schon viel gewonnen. Und was wird passieren? Ueber kurz oder lang importieren wir die E-motoren aus China. Und die machen noch nicht mal die typischen e-Motorgeraeusche. “Alte” oder noch nicht mal 20 Jahre Gebaeude werden in der Innenstadt gnadenlos abgerissen, um moderneren Gebaeuden Platz zu schaffen. Das hilft dem Umweltschutz, weniger Waerme geht verloren und modernisiert obendrein das Stadtbild. Die vor allem in den 60er und 70er Jahren erbauten Plattenbauten findet man hier nur noch selten. Und das in einem Land, das vor 20 Jahren ueberhaupt noch keine Skyline hatte, die man ausser in Shanghai als solches bezeichnen haette koennen.
Ich flieg aber jetzt erst mal von Xian nach Chengdo. Das ist die Provinzhauptstadt in Sichuan. Dem groessten Bundesland Chinas, also auch bevoelkerungstechnisch. Dort waren im April diesen Jahres ueber 100000 Menschen ums Leben gekommen, liegen noch immer ca. 1200 Doerfer und Kommunen in Schutt und Asche, herrschen noch Zeltstaedte vor und sind Notstandsgebiete. Chengdo allerdings war glimpflich davon gekommen und hier sieht und merkte man ausser heftiges Wackeln nichts vom 100 km entfernten Epizentrum. Hier ist auch das groesste Pandabaerenaufzuchtgebiet und ein Naturschutzreservat fuer Chinas Wappentier eingerichtet. Das will ich mir ansehen.
Xian ist eine 4 Mio Stadt mitten in China. Dass sie einmal eine Kaiserstadt gewesen ist, zeigt man demonstrativ mit einer Mauer, die den ganzen Stadtkern umkreist. Allerdings ist die nachgebaut. So gross wie sie ist mit ca. 3 km Kantenlaenge. Es reicht nicht. Die echte war mehr als 10 km lang. Unvorstellbar. Und dieser Kaiser kann sich auch ruehmen, vor ca. 2600 Jahren die grosse Mauer zum grossen Teil gebaut zu haben. Mehrere Feldzuege haben dazu gefuehrt, dass sein Reich zum Imperium wurde. Aber wo viel Ehr ist, da ist der Feind nicht weit weg und weil der Gernegross ja auch irgendwann mal ins Grab steigen muss, wollte er das wohl nicht ohne Rueckendeckung tun. Also liess er sich noch zu Lebzeiten aus Ton eine Armee bauen, die ihm gefaelligst im Reich der Toten Schutz vor den geschlagenen Feinden geben sollte. Und weil die so viele waren, mussten jede Menge Soldaten her. Also an die 10.000 Tonkrieger in Originalgroesse und in jeder erdenklichen Funktion vom Bogenschuetzen, Fusssoldaten bis zur berittenen Kavallerie mit Pferden und Kutschen, Streitwagen und Marketender, General und was sonst noch so zur Armee gehoert, wurde unter die Erde verbuddelt und sollte dort bis ans Ende der Tage Schutz bieten. Aber wer schuetzt die Armee von oben? Ein Bauer hatte wohl 1975 ein wenig zu tief nach Wasser gebohrt und den Kopf eines Tonsoldaten zutage gefoerdert. Man kann sich die Grossbuddelstelle nur schwer vorstellen, denn was da raus kam, war fuer jeden Archaeologen wohl ein dauererregendes Erlebnis. Jeder Soldat war anders. Jedes Gesicht verschieden. Selbst die Handlinien waren individuell, und daran glauben ja heute noch viele dran, dass eine lange Handlinie auch eine lange Lebensdauer hat. So viel zu dem Thema. Aber oh Schreck. Die Soldaten kamen mit Farbe ins Grab und wieder raus. Aber die viel von der Sonne beschienen sofort in Wohlgefallen ab. Und da man noch keine Sonnencreme fuer Tonsoldaten erfunden hat, muss der Rest der mehr als 4000 noch in der Erde steckenden Kumpels auch noch ne Weile dort bleiben.
Vor 20 Jahren war ich das erste Mal da. Ja, so alt bin ich schon. Verdammt lang her. Und da waren die schon fast so vollzaehlig ausgebuddelt. Was jetzt noch gezeigt wird, sind Bronzewagen und Geschichten, die man aus den Inschriften und der Art der Aufstellung der Armee herauslesen konnte. Die Gebaeude haben mittlerweile Museumscharakter und Filme gibts auch zu sehen. Sehr informativ. Leider gibt es in der grossen Pit (Grabungsstelle) als Rollstuhlfahrer nur einen Balkon zum Draufschauen, die anderen koennen an den Soldaten nach einem Treppenabgang vorbeidefilieren. Ich bin ein wenig veraergert, denn bezahlt hab ich schliesslich den vollen Preis.
Mai Lin kam nicht mit. Die hatte Freunde in der Stadt besucht und die Armee ohnehin schon ein paar mal gesehen. Ich also mit dem Bus ins ca. 50 km entfernte Grabungsgelaende. D.h. ich wollte. Aber am Busbahnhof angekommen warteten ca. 25000 Menschen und auf einer Laenge von ca. 400 m waren jede Menge Buse und davor noch mehr Ticketstaende. Und ihr werdets nicht glauben, alle in chinesisch. Nur in chinesisch. Eines der wichtigsten Touriziele in China und kein Wort englisch. Aber man lernt langsam die Zeichensprache und jetzt sollte jeder mal sich ein Zeichen fuer Terrakottasoldat ueberlegen. Wer das gut macht, dem sag ich auch die Busnummer, mit der er dann direkt dort ankommt…..
Ein grosser Rucksack, ein kleiner Rucksack, ein Rollstuhl und ein Crosswheel fuer Offroud Touren. So steh ich am morgen wie schon am Flughafen in Frankfurt abfahrtbereit im Hotel. Das ist noch nicht das Problem. Aber als ich nach 3 Stunden in Xian am Flughafen stehe und keinen Transportservice, ja nicht mal ein Hotel hab, an dem ich absteigen kann, wird mir doch etwas mulmig. Ich dachte, ich kann mich am Flughafen an der Information fuer ein geeignetes Hotel entscheiden und dann mit dem Bus reinfahren. Denkste, die haben zwar einen Service, aber nur wenige Hotels, mit denen die einen Vertrag haben und das sind nur Geschaeftshotels. Aber da treff ich keine Touristen und da Kommunikation hier grundsaetzlich schwierig ist, waer das mein Grab. Keine Infos, keine Hilfe, keine Tipps, nix. So gehts nicht. Ich also auf gut Glueck mit dem naechsten Bus in die Stadt und hoffe, dass ich am Busterminal auf ein paar Rucksacktouris stosse. Da kann ich mich vielleicht anschliessen.
War ja klar. Keine Info und keine Touris. No english und jetzt bin ich ziemlich aufgeschmissen. 40 kg Gepaeck, keine Bleibe und kein Ziel. Keiner der mich versteht und wenn ich so in ein Taxi steig, glotzt der mich nur an. Also such ich ein Internet/Cafe. Ist in Asien eigentlich keine grosse Sache. Denkste. Nix. Gar nix. Und als ich nach 1 Stunde endlich an einer Spielhoelle mit internetaehnlichem Charakter ankomme, fluechtet der Besitzer ziemlich kopflos ins Off. Ich muss ihm vorkommen wie ein grosses Problem und da haut man halt ab. Also weiter schweissgebadet mittlerweile ins naechste Hotel. Dort kann ich endlich ins Internet und mir eine Bleibe suchen.
7 Sages heisst das Hostel und das war das Beste, was mir passieren konnte. Eine ansprechende internationale Herberge, bei der nach ca. 1/2 Stunde meiner Ankunft die gesamte Belegschaft zum Mittagessen und Begruessung ihrer Chefin zusammenkommt und mich zusammen mit anderen Gaesten zum Essen einlaedt. Eine Chinesin, die aeusserst selten mit Trekkingschuhen und professioneller Kamerausruestung alles aufnimmt, ist auch dabei. May Lin heisst sie. Und ab jetzt macht es wieder Spass!!