Rolli-Extreme-Tour 2011 - Mit dem Rollstuhl im Hochgebirge

28.07.-07.08.2011 in Obertraun / Österreich
„Eigentlich hat man hier mit dem Rollstuhl nichts verloren“, sagte Reini Sampl bei der ZDF-Tour „Menschen- Das Abenteuer“.
Doch im Team ist vieles möglich und dabei können alle nur gewinnen, und das bewiesen dann auch die 6 Rollstuhlkandidaten der Rolli–Extreme–Tour (RET). Eine Woche voller extremer Abenteuer in vielerlei Hinsicht. 
40 cm Neuschnee, seit Tagen regen, 100 km/h Wind und 5 Meter Sicht
Geplant war eine komplette Überschreitung des Dachsteinmassivs im Salzkammergut, doch schon am ersten Tag zeichnet sich ab, dass der Gletscher uns nicht hold ist. In den letzten 14 Tagen hat es 40 cm Neuschnee gegeben, jetzt regnet es seit Tagen und oben am Gletscher ist mit 100 km/h Wind und 5 Meter Sicht gar nicht daran zu denken, diesen zu überschreiten.
Obwohl wir ein 4-Tages-Zeitfenster eingeplant haben, will die instabile Wetterlage kein Fenster aufmachen.
Nach dem ersten Kennenlernen an der Türlwandhütte unterhalb der Dachsteinsüdwand, machen wir uns dennoch im strömenden Regen auf zu einer „kleinen“ Eingehtour zur Südwandhütte. Testen der Paramounties, Koordinierung innerhalb der Teams, Kennenlernen von Material, Geräten und nicht zuletzt uns gegenseitig – das steht für diesen Tag auf dem Programm. 
Materialtest auch für Regenjacke, Regenhose, Schuhe, denn wie die nassen Hunde kommen wir an der Südwandhütte nach über 3 Stunden an. Der Wirt empfängt uns mit heißen Getränken, heißem Ofen, heißer Suppe – kaum zu glauben, dass wir Sommer haben. Die Luft gewürzt mit unserem Dampf und angesengten Handschuhen auf dem Ofen wird immer dicker und die Stimmung immer heller.
Am nächsten Morgen ist jedoch klar, dass Bergführer Pauli mit dem Plan „B“ rausrücken muss – der Gletscher will uns nicht, die Bedingungen da oben selbst für hartgesottene Alpinisten nicht ratsam. So sind sie eben- die Berge...
Doch gut gelaunt macht sich der ganze Trott in die Autos und rum um den Berg auf die Nordseite, wo wir von dort aus den zweiten Teil der Tour in Angriff nehmen wollen. 
...nur noch 800 Meter Luftlinie...
Unser unangemeldetes Auftreten mit Rollstühlen, Gepäck für 3 Tage, Paramounties und einem Tross von 28 Menschen wird an der gut besuchten Bergbahn mit Fassung aufgenommen – die Leute hier kennen uns von den Kids-Trophys bereits und sind den Kummer gewohnt.
Mittags geht`s dann von der Gjaidalm aus los in Richtung Wiesberghaus. Es ist klar, dass wir nun, da wir den geplanten Weg rückwärtsgehen, wohl mehr bergauf als bergab müssen. Wir machen uns mit viel Elan und Power an die ersten Steigungen. Einer weiß allerdings ganz genau, was auf uns zu kommt und seine motivierenden Kommentare wie „jetzt habt Ihr einen der steilsten Anstiege geschafft“ oder „ es sind nach dem GPS nur noch 800 Meter (Luftlinie)“, die immer dieses Hintertürchen der letztendlichen Wahrheit offen lassen, werden von uns erst ganz am Schluss bemerkt. Ein wahrhaft harter Tag, heute kraftmäßig wohl das extremste, lässt uns am Abend jeden Muskel spüren. 
Die Teams bestehen immer aus 3 Personen – 1 Rollifahrer mit 2 Fußgängern. Mit Stöcken müssen die Rollifahrer bei jeder Stufe ihr Gewicht im Paramounty abnehmen und hochdrücken. Der Teampartner vorne zieht mit Beckengurt und unterstützt an den gepolsterten Langgriffen, der Partner hinten hat am Gurt ein Bremsseil und auch zwei Schiebe- und Hubstangen. Bei sehr steilen Stufen ist schon gleich klar, hier heißt es zusammenhelfen, hier werden 4er Teams gebraucht. David, Jakob, Uli, Adrian, Simon – 5 kraftstrotzende Jungs vom Alpenverein zwischen 14 und 18 Jahren stemmen so manchen Berg 3-mal hoch, und sind nicht unter zu kriegen. Die Oberarme schwellen bei allen wohl gleichermaßen an. Ein weiterer motivierter Kommentar unseres allwissenden Bergführers lässt nochmals alle Kräfte sammeln: „dies ist der letzte steile Anstieg und danach sind`s noch 800 Meter…“ – die folgenden Anstiege waren halt nicht mehr ganz so steil, dafür aber umso länger und kurz vor dem ersehnten Ende, der Hütte mit 25 Litern Schiwasser, lassen noch schlappe 280 Stufen bergauf den Wunsch aufkommen, Pauli jedes Haar aus Nase und Ohren einzeln auszurupfen. Aber das Glücksgefühl beim gemeinsamen Eintreffen auf der Hütte lässt fast alle Strapazen vergessen. Diese gemeinsame Leistung, bei der jeder gibt, was er kann, schweißt zusammen, lässt in die Arme fallen und bringt die Augen in den abgekämpften Gesichtern zum Leuchten. Der Hüttenwirt macht noch um 21.00 Uhr lachend die Küche klar, und es wird noch lang gelacht und gefeiert.
Da denkt man noch nicht an den Rückweg, der zwar mehr abwärts geht, aber auch nach den Strapazen des Vortages, viel abverlangt. Da die letzte Gondel von der Gjaidalm zum Krippenstein um 17.00 Uhr fuhr, muss Paul mal wieder so ganz dezent die Truppe bei den Pausen etwas antreiben. Da die Fußgänger-Teamer bei den vielen Stufen den exakten Moment der Stufenkante nicht genau sehen, ist es so wichtig, dass der Rollipartner diese exakt ansagt, wenn er sein Gewicht hochdrückt. Das Wort „Stufe“ wird nach ca. 800 verschiedenen Aussprachen und Tonlagen für Julius wohl nie wieder erinnerungsfrei gesagt werden können….Für mich ist es unwiderruflich mit Julius (16, Rollifahrer aus Berlin) verbunden. 
Ja und eigentlich würden wir so ganz nahezu fast stressfrei zur Gondel kommen, wenn nicht mitten in der Senke der Gjaidalm – 800 Meter (Luftlinie GPS!) ein riesen Knall mit einem Echo in den Felswänden uns alle zusammenzucken lässt. Und da eine Kuh nicht einfach so platzt, war mir gleich klar, ich muss wohl da runter sausen zum ersten Team von Kevin und das Ersatzrad einbauen. Jetzt auch noch kurz vor Schluss die Reifenpanne – und das schlimmste: Der Achsdurchmesser des Ersatzrades ist nicht gleich – wie kann das sein? Aber solche Fragen sind nicht zu stellen, die Ratlosigkeit beenden Uli und Kameramann Björn mit der Feile ihrer Taschenmesser und ruckzuck bekam der Bob eine größere Nabenauskerbung. Und dann folgten wir im Laufschritt den wirklich allerletzten Anstieg zur Gondel – mit pumpendem Herz (alle), brennenden Oberschenkeln (Jule, Uli) und brennenden Oberarmen (Kevin) erreichten auch wir die letzte Gondel.
Und auf der Lodge am Krippenstein wird die Alpintour nun weiter gefeiert und ein dickes Prosit und danke geht an das Kamerateam der abm. Peter , Björn und Micky (als Tonmann auch Toni genannt) begleiten die gesamte Tour, doch wenn man denkt, dass die drei nur mit Kamera und Mikrofon nebenher latschen, täuscht man gewaltig. Ohne unseren Tross aufzuhalten oder einzuschränken montieren sie eben mal unter einen Bob eine Kamera, machen mal zwischendurch ein Interview und tragen auch noch bis zu 4 Rucksäcke für uns an schwierigen Passagen. Von Anfang an sind sie nicht Tourbegleiter sondern voll mitten im Team – eine tolle Leistung und für alle eine Bereicherung. 
Am nächsten Tag erstrahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und wir haben Zeit, diverse „Downhill“-Geräte zu erproben. Das 4-rädrige Geländeteil aus England wird als erstes von den Jungs getestet und schnell als „lebensgefährlich“ für die steile Pistenabfahrt bewertet, tauglich für die Bergetappe zum Gipfel des Krippensteins, wo schon bald die 4 Gleitschirmpiloten auf das Team lauert.
Philip besteigt das Liegebike für die Downhill-Etappe, ausgestattet mit dem Bionix-Motor und MTB-Bereifung – das geht schon besser. Begleitet von Paul und David, beide im Downhill-Radeln erfahren, geht’s rasant zu Tal. Doch für dieses Gelände ist noch nicht das optimale Gefährt gefunden, denn mit plattem Reifen kommen sie wieder rauf.
Ein munteres Wiesen-Picknick entsteht am Gipfel des Krippensteins, denn die Gleitschirmpiloten lassen mit ein wenig Thermik den Flug für jeden zum Erlebnis werden, und so dauert es ein bisschen bis sie immer wieder oben sind.
Gemäß André s und Julius` Bergweisheiten beherzigt zum Glück auch Adrian den die Tage zuvor oft gepflegten Spruch: „ Lieber Vorbeugen als auf die Füße k…- spucken“ . Was in Obertraun dem einen oder anderen Sonnenanbeter im Liegestuhl vielleicht nicht passen mag. 
Unten angekommen werden die Flugkandidaten von Tanja mit Rollstühlen, Snacks und Getränken empfangen. André und Tanja haben eine gemütliche Zeltstadt aufgebaut und einem erholsamen Ausklang der Bergtage steht nichts im Wege. Leider ist die Kooperation mit dem Sportzentrum Obertraun dieses Jahr etwas suboptimal, denn die rolligerechte Sauna kann nun doch nicht gebucht werden und zum Abendessen sind wir auch nicht angemeldet – hm. Die Truppe trägt es mit Gelassenheit, geduscht und geputzt wird im Bach oder in den Duschräumen am Fußballplatz und Conny saust hurtig los und holt Grillmaterial.
Bekannt wie bunte Hunde sind wir bereits in Obertraun und es finden sich bald auch ehemalige Kids-Trophy-Kinder ein, die von unseren Nöten hören und schon stehen Eltern da, die bringen Grill, Laternen, bauen schnell mal eben eine massive Holzrampe fürs WC, wir bekommen ein regensicheres Dach mit Plane und ehe wir`s uns versehen, ist es urgemütlich und fast perfekt.
Die 6 –Personenzelte lassen sich problemlos mit dem Rollstuhl befahren und im Innern kann man sich dann aus dem Rolli direkt in eine Schlafnische plumpsen lassen. 
´Der nächste Tag regt die Armmuskulatur, aber für manchen auch eher die komplette Koordination kräftig an, denn mit Kanubooten geht es 10 km quer über den Hallstätter See. Doch das Steuern ist gar nicht so leicht und so macht manches Boot wohl die 15 km –Tour. Beim Wettfahren gewinnt zwar das Boot von Andrea und André, aber als Sieger werden sie kräftig mit Wasser bespritzt und etwas schlecht abgesprochen schöpfen sie beide auf der gleichen Seite das Wasser raus – Flutsch – so schnell kann keiner schauen, da liegen sie schon drin – Boot gekentert. Kanu-Tom zeigt eine gekonnte Seerettung und die hämischen Sprüche dürfen sich die beiden noch `ne Weile anhören.
In Steeg angekommen geht’s nach einer kleinen Badepause für alle mit den Rädern und Handbikes zurück. Noch einmal 10 km bergauf und – ab, dann sind wir wieder in unserem Zeltlager gelandet – und heute Abend brauchen wir den Regenschutz tüchtig. 
der Wasserstand draußen steigt und irgendwann steht auch hier die Höhle unter Wasser
Es gießt die ganze Nacht – egal, denke ich, morgen geht´s in die Höhle. Naja – fast egal, wie sich noch rausstellen sollte.
Nach dem Frühstück bricht der Tross auf zur Koppenbrüller Höhle, ein Fußweg durch den Wald in strömendem Regen. Am Höhleneingang ist das ausgetrocknete Bachbett der Koppentraun, man merke sich das Bild. In der Höhle geht`s im Teamwork weiter, die Rollifahrer haben dick gepolsterte und zusammen getapte Beine, unterm Hintern die berühmten „Oarschis“, Kissen für den Allerwertesten, die fest an Bein und Becken mit Gurten fixiert werden. Jetzt heißt es nämlich raus aus dem Rolli, zuerst werden einige Meter abgeseilt und dann ist Robben, Krabbeln, Rutschen, Fluchen, Stemmen, Stützen, Kriechen angesagt. Der Schacht der Hannah-Kluft ist zwar unten immerhin noch breiter als weiter oben, so dass auch diejenigen, die stehen, sich ganz schön abmühen müssen, doch auch für ein schmales Rolligesäß ist es oft zu eng. Und wer so breite Schultern wie Jens hat, na prost. Der steckt wie ein satter Klemmkeil an so mancher Stelle da drin, und wenn er die Handbike trainierten Arme auch noch hochstreckt und anspannt, wird das Kreuz auch nicht schlanker.
Am Ende der Kluft geht es einen Schacht nach oben, hier hat Pauli ein Flaschenzugseil eingehängt und mit dem eigenen Armschmalz zieht sich jeder hoch. Die Teampartner der Rollis halten den Body von der Felswand weg, so dass es möglichst Schrammen frei abgeht.
Doch die Zeit drängt, Höhlenführer Flo wird etwas nervös, denn der Wasserstand draußen steigt und irgendwann steht auch hier die Höhle unter Wasser. Vor allem die Kluft und dort kämpft sich Melanie noch durch. Doch Melanie spürt die Anspannung und stemmt sich Meter für Meter vor und bevor wir nass werden, sitzen wir alle oben in der Höhle bei Sekt und Schippes (Chips).
Beim Weg nach draußen sehen wir, dass der untere Weg in der Höhle bereits völlig überflutet ist und von einem Wasserfall überströmt, noch 50 cm, dann steht das Wasser auch auf dem oberen Weg. Draußen ist aus dem trockenen Bachbett ein reißender tosender Fluss geworden mit einem Wasserstand von 1,80 Meter, und das nach nur 3 Stunden. 
nur noch Arme und Kopf schauen aus dem Schnee raus
Wir lassen uns ja nicht lumpen und geben dem Gletscher noch eine Chance: direkt nach der Höhle geht`s noch einmal mit den Autos auf die andere Dachsteinseite und wir haben am nächsten Tag Glück: die Sonne lacht und wir montieren die Snowboards unter die Paramounties und ab in Schnee und Eis.
Der Neuschnee ist zwar weggetaut, die Spalten tückisch aber noch verdeckt. Paul demonstriert an einem Steilabbruch erst mal, wie eine Spaltenbergung aussieht. Mutig springt Simon mit Anlauf in die Tiefe, die Seilschaft hält, Paul baut mit dem Pickel einen T-Anker im Firnschnee und mittels Flaschenzug wird Simon wieder nach oben befördert. Tja – und wie geht das mit dem Paramounty?
Zuerst einmal werden alle angeseilt, die Dreierteams mit dem Bob müssen ja dicht beieinander bleiben, dazwischen läuft das Seil mit vielen Bremsknoten über 7-8 Meter gestrafft bis zum nächsten Team. Wir bauen zwei große Seilschaften und das Kamera- Foto-Team bekommt einen Extrastrick.
Sieht ja spannen aus – ist eine tolle Show, aber vermutlich eben mehr der Bilder wegen dieser ganze Seilkram…(?) Schwups – da ist die Conny weg, nur noch Arme und Kopf schauen aus dem Schnee raus, sie hängt im Seil und die Beine baumeln in der Spalte. Das hätte man ja nicht gedacht – hier lauern tatsächlich Gefahren! Im Mannschaftszug wird Conny bäuchlings auf den Schnee gezogen. Das ging so schnell – die hat sich nicht einmal mehr erschrocken. Als Feuerwehr Hauptfrau ist sie ja auch im Alltag einiges gewohnt. 
Eine tolle Tagestour mit einem kleinen Gipfel, dem Eisstein, und einer zünftigen Suppe auf der Seethaler Hütte schließt diese Extremwoche ab.
Für alle war diese Woche eine Zeit der einmaligen Erlebnisse, Anstrengungen und Emotionen. Sicher auch für den ein oder anderen Kandidaten im Rollstuhl nicht immer ganz einfach, die Teamarbeit nicht als negativ behaftete Abhängigkeit zu empfinden. Manches im Leben geht halt nur, wenn man es gemeinsam macht, jeder wie er`s kann. Und raus aus dem geschützten Rahmen des Rollstuhlgerechten heißt eben auch hier Grenzen zu überwinden, mit dem Körper und im Kopf. Doch wie wir alle erfahren haben, kann ein einfacher Wanderweg für alle zu einem emotionalen Supererlebnis werden. 
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