Bericht über den Mobilitätstrainingskurs “Mit dem Zug zum Flug” am 19.07.2012 am Flughafen Frankfurt

Am 19.07.2012 nahmen wir an einem Mobilitätstrainingskurs der Firma Rehability teil, die neben der Anpassung von Aktivrollstühlen auch Sport- und Kulturevents organisiert und sich zum Ziel gesetzt hat, Erwachsenen und Kindern zu einem höchstmöglichen Grad an Mobilität zu verhelfen.

Anreise:

Los ging es um 8.30 am Frankfurter Hauptbahnhof; anreisende Autofahrer stellten fest, dass die beiden vor dem Haupteingang vorhandenen Rollstuhlparkplätze für Rollstuhlfahrer mit nach hinten auszufahrender Rollstuhlrampe nicht geeignet waren; weitere Rollstuhlparkplätze gibt auf dem Parkplatz beim Busbahnhof (Schranke/kostenpflichtig); insgesamt ist das Angebot für einen großen Bahnhof wie Frankfurt viel zu gering.

Behindertenparkplätze am Bahnhof:

Die von der Stadt Frankfurt zur Verfügung gestellte Excel-Liste mit Behindertenparkplätzen in Frankfurt gliedert sich nach Stadtvierteln, die dem Leser allerdings bekannt sein müssen, um sie finden zu können. Einem Teilnehmer gelang es dennoch, zwei geeignete Parkplätze in Bahnhofsnähe in der Karlsruher Straße ausfindig zu machen, die nicht in der Liste enthalten waren.

„Zugbesteigung“:

Nachdem Alexa Heinzmann von Rehability die Zugtickets besorgt hatte, bestiegen wir als Gruppe von 12 Personen den IC, der uns zum Flughafen brachte. Die 6 Rollstühle wurden mit einer manuellen Hydraulikrampe, die von einem Zugbegleiter per Fuß hochgepumpt werden musste,  auf Einstiegshöhe gebracht.

Rolltreppenfahren:

Am Flughafen zeigte uns Thomas Weinsheimer von Rehability, wie man als Rollstuhlfahrer gefahrlos auch Rolltreppen nutzen kann, was im Falle defekter Aufzüge sehr hilfreich ist. Beim Aufwärtsfahren lässt man sich im Rollstuhl vom Handlaufband mittig mitziehen, der Rollstuhl rastet zwischen den Stufen ein. Man hält sich, wenn möglich, an beiden Laufbändern fest,  die Arme nach vorne gestreckt, den Körper nach vorne gebeugt, um das Gewicht nach vorne zu verlagern und die Balance zu halten. Ist die Rolltreppe zu breit, hält man sich nur mit einer Hand fest. Wichtig beim Ankommen oben ist, den Rollstuhl vorne leicht anzukippen, um die vorhandene  Schwelle am Ende der Rolltreppe zu überwinden. Sollte das Laufband unterschiedlich schnell im Verhältnis zur Treppe laufen, muss man sein Festhalten entsprechend anpassen (Griff nachlassen oder aber entsprechend „nachgreifen“).

Thomas Weinsheimer machte dies als durchtrainierter Rollifahrer und ehemaliger Paralympics-Teilnehmer ohne Begleitperson vor, empfahl uns aber, möglichst immer eine Begleitperson hinter sich stehen zu haben. Diese  sollte sich nicht selbst am Laufband festhalten, sondern die Griffe des Rollstuhls festhalten.

Dasselbe funktionierte auch bei der Fahrt nach unten: Man lässt sich im Rollstuhl rückwärts auf das Band ziehen, hält sich fest, verlagert das Gewicht nach vorne. Durch die großen Räder wird man unten automatisch über die Schwelle gezogen (falls sie nicht übermäßig hoch ist).

Als Thomas Weinsheimer uns diese Technik dann auch noch an einer normalen Treppe mit recht hohen, schmalen Stufen mit nur einer Haltemöglichkeit am Handlauf demonstrierte, war uns klar, dass der Respekt vor der Aufgabe größer ist als die tatsächliche Schwierigkeit.

Da nicht alle unsere Rollstühle schmal genug waren, um an den installierten  Gestängen, die den Transport von Gepäckwagen auf der Rolltreppe verhindern sollen, vorbeizukommen, hob Martin Schwarz (Begleitperson) diese kurzerhand aus den Bodenbefestigungen, so dass auch die breiteren Rollis das Rolltreppenfahren üben konnten. Einige Fluggäste sowie die Security beobachteten das Unterfangen mit besorgten Hinweisen auf den vorhandenen Fahrstuhl, schritten aber nicht ein; japanischen Fluggästen boten wir ein willkommenes Fotomotiv.

Customer Relations (Betreuungsservice) und Fracare:

Anschließend wurden wir von Fr. Nicklas vom Besucherservice der Fraport und von Fr. Press als Geschäftsführerin der Fracare (Tochter der Fraport und LH) empfangen.

Fr. Press von Fracare (http://www.fracareservices.com/deutsch/serviceeinrichtungen/) berichtete über 1 % Betreuungsgäste insgesamt (davon wiederum 5 % Rollstuhlfahrer); die Anzahl der Betreuungsgäste insgesamt steigt, der prozentuale Anteil der Rollstuhlfahrer bleibt gleich. (Auf Nachfrage zur Finanzierung: Manche Betreuungsgäste zahlen wie z. B. Eltern für ihre Kinder; mobilitätseingeschränkte Fluggäste werden kostenlos betreut, die Finanzierung dieses Services erfolgt über eine Umlage von € 0,91 pro Flugticket).

Fracare entstand im Zuge der EU-Verordnung (EG) Nr. 1107/2006 über die Rechte von behinderten und mobilitätseingeschränkten Flugreisenden. (Auf Nachfrage wurde bestätigt, dass ohne diese EU-Verordnung die Beförderung von Flugreisenden nur den Fluggesellschaften überlassen geblieben wäre).

Vor der Reise:

Fr. Press erläuterte, dass mobilitätseingeschränkte Flugreisende spätestens 48 Stunden vor Abflug die Fluggesellschaft über ihre Reise bzw. den Angaben zu Gewicht und Maßen des Rollstuhls sowie Hilfebedarf (Möglichkeit des Aufstehens bzw. der Bewältigung kurzer Strecken zu Fuss) informieren müssen. Elektrorollstühle werden in der Regel nur mit Trockenbatterie (Gel) transportiert, da Nassbatterien beim Flug auslaufen können, was zu Korrosionsschäden führt und somit eine Gefahr für die Transporteure darstellen. – Im Flugzeug selbst  gibt es definierte Plätze für Betreuungsgäste. Es gibt auch einen schmalen Transportstuhl im Flugzeug, in den Gäste u. U. umgesetzt werden können, um sie zum Sitzplatz oder zur Flugzeugtoilette zu bringen.

Thomas Weinsheimer berichtete, dass man zusammenklappbare Rollstühle, die keine hohe Lehne haben, u. U. auch ins Flugzeug mitnehmen kann. Wichtig ist, mit dem Flugpersonal entsprechend zu reden; dann ist vieles möglich.

Wer mit der Bahn anreist, muss zunächst das Mobilitätszentrum der Bahn über seine Reise informieren. Die Bahn übergibt den mobilitätsbehinderten Fluggast dann direkt nach dem Ausstieg aus der Bahn an den Betreuungsservice der Fraport.

Parkmöglichkeiten am Flughafen:

Wer mit dem Auto anreist, kann in den Parkhäusern der Terminals 1 und 2 auf den entsprechenden Behindertenparkplätzen parken. Für ein kurzes Parken kann im Bereich der Terminal-Vorfahrten kostenlos zum Ein- und Aussteigen sowie zum Be- und Entladen gehalten werden. Interessant: Es reicht der Ausweis mit dem Merkzeichen “G” oder “aG”, kein blauer Parkausweis nötig!  http://www.frankfurt-airport.de/content/frankfurt_airport/de/barrierefreies_reisen/an-_und_abreise.html

Besucherlounge und Ruheraum:

Fr. Nicklas zeigte uns die Besucherlounge, in dem sich Menschen mit Betreuungsbedarf aufhalten können, bis sie zum Gate gebracht werden. Es waren auch abgetrennte Räume in angenehm ruhiger Lage mit Betten ähnlichen Liegen (einschl. Kopfkissen und Decke) vorhanden.

Sicherheitscheck:

Bei der Sicherheitskontrolle gibt es für Rollstuhlfahrer eine eigene „Kontrollspur“; eine Ankunft am Flughafen 2 – 3 Stunden vor dem Abflug wird vom Fracare-Service empfohlen, um stressfrei abzufliegen. Die Lufthansa AG hat als einzige Fluggesellschaft einen eigenen Service-Schalter für mobilitätsbehinderte Fluggäste in Halle B von Terminal 1. Die Abfertigung aller anderen Fluggesellschaften läuft über den Fracare-Betreuungsservice, der über separate Rufsäulen an verschiedenen Stellen im Flughafen kontaktiert werden kann.

Rückreise per ICE vom Flughafen zum Hauptbahnhof:

Nachdem unser ICE 627 ausgefallen war, warteten wir auf den Ersatzzug ICE 1028. Die jungen Bahnmitarbeiterinnen waren mit ihrer Hebebühne auch vor Ort, teilten uns aber mit, dass pro ICE max. 2 Rollstuhlplätze vorhanden seien und wir deshalb den Zug mit 6 Rollstuhlfahrern nicht nutzen dürften.

Wir versuchten, den beiden Mitarbeiterinnen sowie dem hinzugekommenen Schaffner zu erklären, dass 4 von 6 Rollstuhlfahrern aufstehen und die Rollstühle zusammengeklappt werden könnten, so dass effektiv nur 2 Rollstühle in den Zug gehoben werden müssten.

Leider hielt der Zugführer es nicht für nötig, eine Kommunikation in irgendeiner Form stattfinden zu lassen und schloss stattdessen die Türen kommentarlos, ohne zumindest den zwei Rollstuhlfahrern, die maximal hätten mitfahren dürften, die Gelegenheit zum Einsteigen zu geben.

Mit unseren neu erworbenen Rolltreppenfahrfähigkeiten kletterten wir also zum 3. Mal diese hinauf und hinunter und postierten uns vor dem nächsten ICE 1023, fest entschlossen, diesen Zug gegen alle Widerstände zu entern, was uns dann auch gelang. Zwei von uns ließen sich die Waggoneinstiege hochziehen bzw. hochtragen und wundersamerweise wurden dann doch die restlichen 4 Rollis inklusive Fahrer per Hebebühne in den Wagon geliftet.

Die zwei Rollstuhfahrerplätze befinden sich in der 1. Klasse – sie dürfen auch mit 2.-Klasse-Tickets ohne Aufpreis genutzt werden.

Den für 2 Rollstuhlfahrer vorgesehen Stellplatz besetzten wir also zu sechst, die Fahrgäste der 1. Klasse stiegen gekonnt und gut gelaunt über uns hinweg.

Ein ganz großes Dankeschön an das Rehability-Team für diese wunderbare Aktion!

Über den Autor

Alexa Heinzmann

Eine Rückmeldung an “Bericht über den Mobilitätstrainingskurs “Mit dem Zug zum Flug” am 19.07.2012 am Flughafen Frankfurt”

  1. Reisetiger

    Mrz 16. 2013

    Wirklich interessant, den Zug zum Flug mal aus einer ganze anderen Perspektive zu sehen. Danke für den Beitrag! 🙂

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