Glosse – Wie Rollstuhlfahrer am Flughafen behandelt werden

Charlys Trophäen

Neulich musste ich geschäftlich nach Stockholm. Am Eincheckschalter der Lufthansa die übliche Prozedur: Können Sie Laufen? “Nein”. Ein paar Schritte wenigstens?

“Nein!. Auch nicht, wenn man Sie dabei unterstützt? “Nein!!” Aber etwas stehen geht doch noch, oder?

Die Dame bleibt freundlich, ich nicht. Ich gehöre zu der erschreckend kleinen Minderheit von Rollstuhlfahrern, die wirklich nicht laufen kann. Das verursacht der Frau vom Check-In zusätzliche Arbeit. Sie telefoniert: “Ich habe hier einen Charly”. Der Charly bin ich. Ich heiße zwar nicht Charly, aber wir Rollis, die nun wirklich überhaupt keinen Meter laufen können, heißen alle Charly. Das kommt vom englischen Stuhl=Chair – Charlie!

Wie die Dame das sagt, klingt es abschätzig und vernichtend. Ich bin wirklich das Letzte hier, ich bin ein Charly. Ich brauche die Kompletthilfe, wie beim Autowaschen das Rundum-Paket mit Unterbodenwäsche, Felgen und Wachsversiegelung. Ich muss hier abgeholt, geschoben und getragen werden. Das bedeutet auch VERWALTET werden: Von jetzt an darf ich nichts mehr selber machen. Ein Charly kann nichts mehr selbst machen, außer vielleicht Nase putzen. Und ich bekomme ein Badge an meinen Charlie, also an meinen Rollstuhl. Damit die Leute vom Gepäck später wissen, welchem Charly der Charlie gehört.

Und gerade dieses Badge, ein profanes, extrem haltbar klebendes Stück Papier mit der Aufschrift DUS und LH 2925 macht mir urplötzlich ein erhebendes Gefühl. Sofort schießen mir Erinnerungen an meinen ersten Flug mit Rollstuhl in den Kopf. Ich war noch Schüler und ein echter Charly. Ich konnte weder einen Meter laufen noch viele Meter fahren. Saß im Rollstuhl wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und kriegte als Rolli noch gar nix gebacken.

In die große weite Welt

Aber ich konnte schon beachtlich viele Bälle beim Tischtennis treffen und daher durfte ich auf ein Turnier in Rom. Dass ich das überlebt habe, war das Wichtigste an der Reise. Und natürlich das Badge. Das Badge vom Flughafen als Beweis: DÜS/ROM. Ich war geflogen, alleine! Das Badge blieb erst mal dran. In der Schule fragten die Mitschüler nach dem Badge. “Ich war in Rom, Tischtennis spielen!” Ich versuchte das lässig und selbstverständlich zu sagen. Das Badge blieb als Trophäe dran, solange bis es peinlich wurde. Als sichtbarer Beweis des ersten Schrittes eines kleinen behinderten Charlys in die große weite Welt.

Die coolen Rollis beim Tischtennis hatten irgendwie kleinere, kompaktere Rollstühle. Genau auf ihre Körpermaße angepasst und mit verstellbarem Schwerpunkt. Sie hatten auch keine Schiebegriffe wie wir Charlys, das Rückenrohr war gekürzt auf die Länge, die unbedingt nötig war. Bei uns erreichte die Rückenlehne Strandkorbniveau und die Breite des Charlies sowieso. Die coolen Rollis waren doppelt so schnell wie wir, hatten dicke Arme wie Baumstämme und fuhren alleine Rolltreppe. Ihre Rollis bekamen sie vom Josef (Grothe, Anm.d. Red). Der baute in Wildbad Rollstühle von Ortopedia um.

Die ersten Aktivrollstühle, in Eigenbau und nur für die Coolen, also nicht für Charlys. Und weil Josef die Rückenlehne einfach an der passenden Stelle absägte und dort ein scharfer Grat entstand, wurde ein Sektkorken reingesteckt. Wenn du dort, wo die Charlys Schiebegriffe hatten, einen Sektkorken im Rückenrohr vorweisen konntest, dann hattest du es geschafft. Du gehörtest zur Elite. Der Sektkorken als Symbol für NIE-MEHR-GESCHOBEN-WERDEN, der Beleg für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Die mit dem Sektkorken waren die Siegfrieds unter den Charlys. Unverwundbar, unbesiegbar saßen sie kerzengerade im Rolli als würden sie nur zum Zeitvertreib drin sitzen. Was hätte ich darum gegeben einmal mit Sektkorken rumzufahren!

Konspirativer Gruß

Später kamen die mit dem Clip an der Kreuzstrebe. Der Clip unter dem Rolli löste quasi den Sektkorken ab. In den 80ern hatten nämlich noch alle ein Urinal am Bein. Das war die VOR-KATHETER-ZEIT, als man der Flüssigkeit freien Lauf ließ. Als Auffangbecken diente ein Beutel am Bein, was ext rem uncool war. Immerhin konnte man das Ding bei adäquater Hosenauswahl relativ gut verstecken. Der Beutel war aber mehr als nur ein Klotz am Bein. Er erschwerte One-Night-Stands und zementierte den Charly-Status. Der Beutel musste weg.

Die VOR-KATHETER-ZEIT war aber auch die VORBEHINDERTENTOILETTEN-ZEIT. Wollte man also seine Flüssigkeit alle drei Stunden los werden, musste man die örtlich zur Verfügung stehenden Klos benutzen. Die waren aber oft schwer erreichbar, eng und verbaut. Die Lösung war: In den Becher pinkeln. Der fitte, aktive Rollstuhlfahrer hatte jetzt einen Clip unter dem Rolli, an dem er fünf bis zehn Plastikbecher befestigte. (Fassungsvermögen mindestens 0,4, sonst gibt’s Sauerei) Zur Befriedigung der Notdurft genügte eine sichtgeschützte Ecke, ein Griff unter den Rolli – und zwei Minuten später war man erleichtert. Wer den Clip unter dem Rollstuhl hatte, der hatte seine Blase im Griff, der hatte seinen Körper im Griff, der hatte sich selbst im Griff. Der hatte sein Leben im Griff! Ein Blick unter den Rollstuhl und man wusste mit wem man es zu tun hatte. Die Gemeinschaft der Clip-Besitzer – das waren die Tempelritter unter den Charlys. Die GSG 9 der Rollifahrer. Man erkannte sich und respektierte sich. Mangrüßte konspirativ, wie zwei Motoradfahrer, die sich begegnen.

Ich denke an die bekannte Reklame, wo sich zwei Männer in ihrer Trophäensammlung übertreffen: “Mein Haus, mein Boot, mein Auto … ” – ach so wichtige Statussymbole, die dafür stehen, dass man es als Mann zu etwas gebracht hat. Aber wie viel wichtiger waren die kleinen Trophäen:”Mein Badge, mein Clip, mein Sektkorken”!

 

Quelle: Paraplegiker 4/12

Text: Ralf Kirchhoff

Illustration: Kasia

Zur Seite des Paraplegiker geht es hier: http://www.fgq.de/html/paraplegiker.html

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